© Michael Horowitz

Reise
10/29/2016

Passau: Stadt der Solidarität

Drei Flüsse, drei Kulturen – im Venedig Bayerns. Sowohl nach der großen Flut 2013 als auch während der Flüchtlingskrise haben die Menschen in Passau durch eine Welle der Hilfsbereitschaft beeindruckt.

von Michael Horowitz

Leicht hat er es nicht gehabt. Als Sigi Zimmerschied in seiner Heimatstadt Passau als Kabarettist angefangen hat, schäumte das Establishment vor Wut über den ehemaligen Ministranten Siegfried, der später sogar im Fernstudium Religionspädagogik studierte. Zu deftig, zu derb, zu direkt erschien den Bürgern das Programm Die Verhohnepeopler im Passauer Peschlkeller. Wild und ungebändigt verhöhnte der junge Kabarettist das ganze Panoptikum einer stromlinienförmigen Wohlstandsdemokratie, Spießer und Salon-Revoluzzer, Esoteriker, Neureiche, Kleriker – und die CSU. Es hagelte anonyme Drohanrufe, wütende Leserbriefe, der Chefredakteur der Monopolzeitung Passauer Neue Presse verhängte Nachrichtensperre, die Stadt Aufführungsverbote – und Sigi Zimmerschied wurde gar wegen Gotteslästerung angezeigt.

Wegen ihrer Lage an den drei Flüssen Donau, Inn und Ilz wird Passau die „Drei-Flüsse-Stadt“ genannt. Beeindruckende Sehenswürdigkeiten gibt es für Touristen jeden Alters

Lebensgefühl einer Heimatstadt

Heute ist alles anders. Längst hat sich der Kabarettist und Schauspieler Zimmerschied seinen Freiraum geschaffen, hat ihn mit Worten freigesprengt. Spätestens seit dem Erfolgsprogramm Ausschwitz’n des Jahres 1990 ist der Sigi ein von (fast) allen anerkannter Passauer. Vor allem die Stadtväter freuen sich, wenn Zimmerschied in Interviews vom Lebensgefühl seiner Heimatstadt schwärmt: Die Landschaftsarchitektur ist einmalig. Und in der Innenstadt gibt es einen fast tschechisch anmutenden Stadtteil, der einen deutlichen Kontrast zum barocken, italienischen Kern bildet. Es ist erstaunlich, wie viele Einflüsse sich in unserer kleinen, vielschichtigen Stadt bündeln. Die böhmische, österreichische und bayerische Kultur.

Seit der großen Flut 2013, den schwersten Überschwemmungen seit 500 Jahren, als am Pegel Passau/Donau die historische Marke von 12,89 Meter erreicht wurde, hat sich auch das Verhältnis der Passauer zu den Studenterln der Stadt radikal verändert. Durch die spontane, unermüdliche Hilfe, die Packen wir’s an-Stimmung der Universitätsstudenten während der Hochwasserkatastrophe. Die von den Studenten gegründete Facebook-Hilfs-Koordinationsplattform Passau räumt auf wurdeschließlich mit dem deutschen Bürgerpreis ausgezeichnet.

Impressionen aus der Passauer Altstadt: Ein fast tschechisch anmutender Stadtteil bildet einen deutlichen Kontrast zum barocken, italienischen Kern

Hilfsbereitschaft der Passauer

Vor kurzem eröffnete Kabarettist Ottfried Fischer, der in Passau im Haus seiner Großeltern, nur ein paar Schritte vom Ufer des Inns entfernt, seine Kindheit verbrachte, ein Hochwassermuseum. Als Denkmal für Opfer und Helfer der Katastrophe des Jahres 2013, bei dem an die tausend Häuser und Wohnungen überflutet wurden. Mit rund 1,3 Milliarden Euro Schaden. Die Welle der Solidarität hatte Fischer tief beeindruckt. Jetzt erinnern in der Dauerausstellung Wasser bis zum Hals Text- und Fotocollagen auf meterhohen Bannern an diese schicksalhaften Sommertage. Wie bei Elisabeth Gleißner. In deren Haus stand die schlammige Brühe so hoch, dass, als sie nach der Flut nach Hause zurückkam, in der Küche ein Schwan gemächlich seine Runden zog. Statt Verzweiflung sah sie das Positive: Wer kann das schon erleben, mit 88 Jahren neue Möbel zu bekommen?

Die besondere Hilfsbereitschaft der Passauer zeigte sich aber auch zwei Jahre später, während der Flüchtlingskrise, als die Stadt den Titel Lampedusa Deutschlands zugeschrieben bekam. Da Passau am Ende der verlängerten Balkanroute lag, kamen innerhalb von drei Wochen mehr als 100.000 Flüchtlinge über die österreichische Grenze. Darunter ein verzweifelter, 110 Jahre alter Mann aus Baglan im Norden Afghanistans. Tausende Kilometer hatte er sich im September 2015 mit acht Angehörigen bis Passau durchgeschlagen. Die männlichen Familienmitglieder hatten den blinden und tauben Greis auf den zahlreichen Fußmärschen bis nach Deutschland getragen …

Die größte Orgel der Welt: 17.974 Pfeifen, 233 Register und vier Glockenspiele lassen Schuberts Ave Maria oder Bachs Fuga sopra Magnificat klingen, als wäre man dem Himmel schon ganz nah

Der Klang einer Stadt

In Passau, im tiefen Südosten Deutschlands, fließen nicht nur die Kulturen dreier Länder zusammen, sondern auch die Flüsse Donau, Inn und Ilz. 600 Jahre war die Drei-Flüsse-Stadt ein selbstständiges bischöfliches Fürstentum – seit 1803 ist Passau bayerisch. Nach einem gigantischen Brand schufen im 17. Jahrhundert italienische Baumeister das barocke Stadtbild. Am höchsten Punkt der Altstadt, auf einer schmalen Halbinsel am Zusammenfluss von Inn und Donau, thront der Stephansdom mit der größten Orgel der Welt. 17.974 Pfeifen, 233 Register und vier Glockenspiele lassen Schuberts Ave Maria oder Bachs Fuga sopra Magnificat klingen, als wäre man dem Himmel schon ganz nahe. Dann ist Domorganist Ludwig Ruckdeschel in seinem Element. Und beschert auf den fünf eigenständigen Orgeln – die er vom Hauptspieltisch aus zusammen bespielt – als Draufgabe noch die eine oder andere freie Improvisation …

Der Mond über Passau

Das Venedig Baiyerns

Seit jeher ist das Leben in Passau, von Tourismusmanagern gerne auch das Venedig Bayerns genannt, vom Wasser geprägt. Rundfahrt- und Kreuzfahrtschiffe beherrschen die Ufer. Mehr als 2.000-mal pro Jahr legen hier die Donau-Cruiser an. Auf den luxuriösen Flusskreuzern werden hauptsächlich amerikanische Touristen in Bars, Musiklounges und Panoramarestaurants verwöhnt. Am schiffseigenen Minigolfplatz wird vormittags gerne eine Runde Sekt oder Champagner ausgespielt. Danach geht’s mit den Stadtführerinnen in fescher Tracht durch die Gassen der Altstadt. Schließlich hinauf zum mächtigen Dom und Bischofssitz, schnell noch kitschige Souvenirs und eine bayerische Brezn gekauft – und zügig zurück auf das schwimmende Hotel. Schließlich sind noch 320 Kilometer auf der Donau bis Imperial Vienna zurückzulegen. Entlang des beliebtesten Radfernwegs Europas. Man radelt gemächlich von Postkartenmotiv zu Postkartenmotiv – wie in der Kulisse eines kitschigen Heimatfilms aus den 1960-er-Jahren.

Seit jeher ist das Leben in Passau vom Wasser geprägt. Kreuzfahrtschiffe beherrschen die Ufer. Mehr als 2.000-mal pro Jahr legen hier die „Donau-Cruiser“ an

Als Einstimmung auf den Wiener Walk in the footsteps of the Habsburgs erzählt der Guide an Bord des Donaudampfers vom Besuch der Kaiserin Elisabeth in Passau. Die oberbayerische Prinzessin und zukünftige Kaiserin Sisi verabschiedete sich 1854 auf ihrer Brautfahrt nach Wien von ihrer Heimat. Acht Jahre später kam sie wieder und wurde von den begeisterten Passauern mit Musik und einem Fackelzug begrüßt. Samt Gefolge von 102 Personen – darunter neben den vielen Stallburschen ein eigener Zuckerbäcker und Postbeamter, der für die ständige Erreichbarkeit der Kaiserin sorgen sollte – stieg Sisi im Hotel Wilder Mann ab und bewohnte alleine auf der zweiten Etage sieben Zimmer. Die mitgereiste Küchenbrigade wurde von Anna Niederleuthner nicht in ihre Küche gelassen. Die resche Wirtin kochte selbst. Jeden Abend gab es zwölf Gänge. Ob die kaum 50 Kilo leichte Kaiserin, die sich ein Leben lang zu dick fühlte, viel davon konsumiert hat, ist nicht überliefert. Doch sicherlich delektierte sich ihre Entourage an erlesenen Gerichten wie Seekrebs mit Majones, Forellen mit Hollandessauce, Reh Fille mit Trüffel und Aprikose Geschaumtes.

Auch mehr als 150 Jahre danach wird die Kaiserin in Passau von vielen verehrt. Eine überlieferte Geschichte trägt dazu bei: Sisi wurde von einer Frau, die gerade mit ihrem Sohn das Gebet beginnen wollte, in der Wallfahrtskirche Mariahilf trotz ihrer schwarzen Verschleierung erkannt. Bleib sitzen, Büberl, soll die ansonst mürrische Sisi volksnah gehaucht haben, als die Mutter die Kirche verlassen wollte, um die Kaiserin nicht zu stören. Und seit kurzem gibt es auch Stadtführungen unter dem Titel Auf den Spuren von Sisi.

Vom früheren Bürgerschreck Sigi Zimmerschied über Ottfried Fischer bis zur Kaiserin von Österreich – alle helfen mit, Touristen nach Passau zu locken. Zimmerschied empfiehlt kommen Sie im November, da ist alles grau und dann fallen die wirklichen Spitzen umso mehr auf.

Stadtführerinnen in Tracht führen vor allem amerikanische Touristen der Kreuzfahrt-schiffe durch die Altstadt und in Bars (o.)

ESSEN
Das Oberhaus
Hoch über den Dächern von Passau wird bodenständige bayerische Wirtshauskultur geboten. Modernes Ambiente, gute Küche und ein Biergarten mit herrlicher Aussicht – wie aus dem Bilderbuch.
www.dasoberhaus.com

Scharfrichterhaus
Dieses Kabarett-Jazz-Café- Restaurant ist eine Passauer Institution. Jazz und Kabarett im Gewölbekeller und sehr gute Küche im Restaurant. Vor allem österreichische Spezialitäten wie Tauernlamm, Reinanken aus dem Attersee und Forellen aus dem Sauwald.
scharfrichterhaus.de

Heilig-Geist- Stiftschenke
Im Sommer sitzt
man in einer Nische des idyllischen Weingartens und im Winter in einer der rustikalen Stuben
oder im Gewölbekeller des ehemaligen Franziskanerklosters aus dem Jahr 1358. Solide bayrische Hausmannskost.
www.stiftskeller- passau.de


WOHNEN
Hotel Residenz Passau
Direkt an den
Ufern der Donau
im Altstadtzentrum gelegen, bietet dieses geschmackvoll ein- gerichtete Haus aus dem 15. Jahrhundert seinen Gästen ein stilvolles, modernes Ambiente und eine sehr herzliche, familiäre Betreuung.
www.residenz-passau.de

Hotel Wilder Mann
In diesem historischen Gebäude hat sogar die österreichische Kaiserin vom 8. bis 14. September 1862 übernachtet. Heute ist das stilvoll renovierte 4-Sterne-Hotel im Herzen der Altstadt durch die Nähe zu
den Schiffsanlegestellen auch bei Flussschiffkreuzfahrern
sehr beliebt.
www.wilder-mann.com

Waldschloss
Das Drei-Flüsse-Eck in der Altstadt ist zwar drei Kilometer entfernt, aber dafür liegt das Vier-Sterne-Hotel an der deutsch-österreichischen Grenze in ruhiger Lage und bietet das herrschaftliche Flair eines
alten Schlosses.
www.waldschloss.at

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