Reise 05.12.2011

Neusiedlersee: Vom Sumpf-See zum Naturjuwel

Der Slogan vom "Meer der Wiener" ist einem Burgenländer eingefallen. Warum der See erst danach unwiderstehlich war.

Es gibt Tage, da wirkt der See uferlos." Jakob Perschy, Historiker am Eisenstädter Landesarchiv, blickt vom Ruster Hügelland auf den Neusiedler See. Hierher pilgern Wiener seit Jahrhunderten, um sich zu entspannen. Davon erzählen etwa die Tagebücher des Wiener Bühnenbildners Michael Mayr. Der stand am Theater an der Wien im Sold und schrieb über einen Kavaliersausflug ins damalige Ungarn: Nach Rust gefahren, am See unterhalten - 14. X. 1822.

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Das "Meer der Wiener" ist also älter als der Slogan. Der fand sich erstmals 1927 auf einem Plakat, die Idee hatte ein Burgenländer. "Es gab eine neue Sehnsucht", erklärt Perschy. Österreich hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Küstenländer und damit seinen Hafen verloren, "der Slogan vom Meer der Wiener war eine symbolische Landnahme".

Bis heute suchen viele Wiener Abkühlung am und im See - obwohl die Gegend zu den Hitzepolen zählt. Am vergangenen Samstag etwa waren Andau und Neusiedl Österreichs heißeste Orte mit 35,6 und 35,5, Grad.

Pleasant Lake

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Der ursprüngliche Name des Sees war Fertő-tó (ungarisch für "Sumpf-See") . Der Ur-Neusiedler-See hatte frei zugängliche, noch nicht verschilfte Ufer und seine Anrainer waren ständig von Überschwemmungen und totaler Austrocknung bedroht.

In den 1920er-Jahren schließlich war der "pleasant lake", wie ihn ein englischer Reisender im 17. Jahrhundert genannt hatte, längst weniger gefährlich, der Wasserstand stabilisiert. Verantwortlich dafür war der Bau des Einser Kanals 1895, mit dem die Hanság-Sümpfe trockengelegt worden waren. Häuserfundamente zwischen Gols und Podersdorf, die aus dem Mittelalter stammen und nun unter Wasser stehen, zeugen von der wechselvollen Geschichte des Steppensees.

Ausstellung

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Der feuchte Urlaubstraum der Wiener galt nicht immer als Paradies, erzählt Sandor Békési. Der gebürtige Budapester kuratiert die Ausstellung "Neusiedler See - Das Meer der Wiener" (Wien Museum Karlsplatz; 14. Juli bis 23. Oktober 2011). So heißt es in einem Reisebericht aus 1783: Öder und trauriger lässt sich's nicht denken. 1914 berichtete ein Budapester namens Zsembery wenig Schmeichelhaftes von einer Bootsfahrt: Der See ist für nichts gut, lediglich manche Ärzte empfehlen ihn als ein vollkommen gefahrloses Bad für Kleinkinder (...).

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Die "Tiersuhle" (eine weitere Übersetzung des ungarischen Namens) war für das junge Burgenland, das 1921 zu Österreich kam, ein touristisches Hoffnungsgebiet. Die "öde Gegend" (Bericht aus 1783) wurde als wild-romantische Steppe mit exotischen Pflanzen und Tieren beworben - mancher fühlte sich an die afrikanische Savanne erinnert, sagt Békési.

Das Verhältnis zwischen Wienern und Burgenländern war anfangs innig, man hofierte die zahlungskräftigen Gäste. "Die haben zu Mittag eine Bouteille ausgetrunken", erinnert sich der Neusiedler Perschy. Zu "Mundln" wurden die Wiener erst, als sie sich im Burgenland Zweitwohnsitze bauten und am Sonntagabend nicht mehr nach Hause fuhren. Vielleicht weil die Burgenländer ihren See über die Jahrhunderte so ins Herz geschlossen hatten, dass sie ihn ungern mit anderen teilten. Jakob Perschy kann sich jedenfalls nicht sattsehen: "Das ist Heimat."

Info: www.wienmuseum.at

Wussten sie, dass ...

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... nicht jedes Dorf östlich des Neusiedler Sees zum Seewinkel gehört? Genau genommen liegen nur Illmitz, Podersdorf und Apetlon im Seewinkel. Mit dem Boom des See-Tourismus wollten aber alle Gemeinden näher ans Wasser rücken, erklärt Ausstellungs-Kurator Sándor Békési, etwa Frauenkirchen, das mit seiner Rolle als "Perle des Heidebodens" unzufrieden war.

... im Burgenland von Weinbauern und Winzern keine Rede mehr sein kann? Der Burgenländer spricht von Edelwinzern oder Winemakern.

... der älteste historisch belegte Name des Neusiedler Sees "Lacus peiso" ist und im dritten Buch der Historia naturalis, III. Buch des Plinius erwähnt wird?

... die Touristiker hin und wieder skurrile Ideen haben? Es gab sogar Pläne für eine Schnellschwebebahn mit Propellerantrieb, die die Strecke Wien-Rust in 30 Minuten bewältigen sollte. 1970 wollte Landeshauptmann Theodor Kery eine Straßenbrücke errichten, scheiterte aber am Widerstand von Naturschützern wie Otto Koenig, Konrad Lorenz und Antal Festetics.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011