Der ehemalige Theatermann und jüngst Zweiter bei  Dancing Stars genießt sein neues Leben als Reiseschriftsteller.

© Michael Schottenberg/Amalthea

Reise
07/14/2019

Michael Schottenberg: Reisedenker unter hartgesottenen Matrosen

Der Dancing Star, Schauspieler und Autor war drei Wochen lang an Bord des Frachters MS Karina in der nördlichen See unterwegs. Den KURIER-Leserinnen und Lesern erklärt er sein unstillbares Fernweh und seine Liebe zu Schiffen.

Die Liebe zu Schiffen währt schon mein Leben lang. Wie oft habe ich mich in der Unendlichkeit des Himmels verloren und nach jener Ferne gesehnt, die Freiheit verspricht. Kunst gehorcht ähnlichen Gesetzen. Sie erfindet Zeit und Raum neu und definiert mittels Fantasie eine Anderswelt, in der die Illusion die Realität außer Kraft setzt, um sich in einer neu erschaffenen Wirklichkeit wiederzufinden. Von hier bis zum Theater ist es dann nicht mehr weit. Theater spiegelt die Gesellschaft wider, prophezeit Visionen, vermittelt Werte, dient als Korrektiv, es ist einer der Grundpfeiler soziologischen Zusammenlebens. Die Weite des Meeres und die Grenzenlosigkeit der Fantasie sind nahe Verwandte.

Als Philanthrop suche ich jenes Abenteuer, für das es sich lohnt, alle Mühen in Kauf zu nehmen: Die Rückkehr zu mir selbst.

Michael Schottenberg

Mein Vater war von der gleichen Sehnsucht erfüllt. Die Liebe zu Schiffen und zur Kunst hat meinen Vater ein Leben lang begleitet. Mit der Zeit wurde sie zur Wehmut. So ist das mit unerfüllten Träumen. Vielleicht ist das der Grund für mein unstillbares Fernweh, für meine Liebe zu Schiffen und die Suche nach jenem Weg, die ein Leben lang währt – den Weg zu meinem Vater.

Auf Reisen verwandeln sich meine Gedanken zu winzig kleinen surrealen Zeichen, die keiner außer mir zu entziffern vermag. Eine Unmenge davon kritzle ich auf leere Buchseiten. Dies ist zu meinem neuen Leben geworden. Als Geschichtenerzähler und Philanthrop suche ich jenes Abenteuer, für das es sich lohnt, alle Mühen in Kauf zu nehmen: Die Rückkehr zu mir selbst.

Löschen und Laden

Meine Reise beginnt in Brunsbüttel, in der kleinen schmutzigen Kantine der UCA, einer Agentur, die sich darum kümmert, dass die Schiffe im richtigen Schleusenbecken landen und, eines nach dem anderen, abgefertigt werden. Ich warte auf die MS Karina, ein knapp Hundert-Meter-Frachtkahn, der in den nächsten drei Wochen mein Zuhause sein wird.

Man muss Zeit haben für diese Art von Reisen. Kein Mensch kann sagen, wann das Schiff anlegt, niemand weiß, wann es ablegt. Es hängt vom Löschen und Laden der Fracht ab. Manche der großen Pötte nehmen eine Handvoll Reisende mit. Allerdings nicht als Passagiere, sondern als Crew-Mitglieder. Man ist ein Zwischending: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Matrose, nicht Tourist – eher so eine Art Seebär auf Zeit.

Brunsbüttel – Nord-Ostseekanal – Södertälje – Mälarensee – Västeras – OxelösundHull – York – Kiel – StockholmAntwerpenScarboroughBrunsbüttel. Täglich ist ein neues Ziel am Schirm. Auch das macht diese Reise so aufregend. Kein Wunder, dass die Tage wie im Flug vergehen. Am Schiff leben wir in zweifacher Geschwindigkeit: Wir überholen die Zeit und verdoppeln dennoch die Stunden. Wie das geht? Meine Handy-Uhr zeigt kurz vor drei, vier Stunden vor der mitteleuropäischen Zeit. Da auf dem Schiff kein Netzempfang ist, hat es irgendwann die Luft angehalten. Ich bewege mich also in der Zeitzone von Karachi, Pakistan. Tatsächlich aber ist es bereits später. Als Seefahrer überholt man sich selbst – man hat die Gegenwart noch vor sich, lebt aber dennoch schon in der Zukunft. Daraus soll schlau werden, wer will. Ich bin einfach nur glücklich.

Auf dem Frachter: Tipps von Schotti

Die Brücke: Der Besuch der Kommandobrücke ist nicht nur möglich, er ist auch erwünscht. Kapitän und Offiziere erwarten von Mitreisenden Interesse an ihrer Arbeit und ihrem Schiff. Passagiere, die sich wie Pauschaltouristen betragen, sind an Bord nicht gerne gesehen. Auf langen Seewachen freut sich außerdem jeder Seemann über ein die Langeweile vertreibendes Schwätzchen.

Die Kabine: In diesem kleinen Reich, das unter Umständen gar nicht so klein ist, ist für Bettzeug, Handtücher und Reinigungsmittel gesorgt. Der Passagier ist selbst für die Kabine verantwortlich. Da auf der Reise, speziell während der Liegezeiten im Hafen, beständig Motoren zur Stromerzeugung laufen, sollte man sich mit Gehörschutz eindecken.

Das Buch zur Reise: Michael Schottenberg: „Von Träumen und Schiffen – Unterwegs auf dem Frachtschiff MS Karina“, Amalthea Verlag, 23 Euro. Schotti schreibt auf all seinen Reisen in sein Tagebuch fein säuberlich mit der Hand.

Die Zeit, die ich hier verbringen durfte, empfinde ich als ein Geschenk. Sie hat mir geholfen, Geschichten zu sammeln und sie aufzuschreiben. In einer Welt, die vom Beschleunigen lebt, ist für mich die Zeit still gestanden. Viele sonst unbeachtete Momente durfte ich erleben. Ich habe in einen Zauberbrunnen geblickt, auf dessen Grund sich das unscheinbarste Erlebnis als Kostbarkeit erwies, deren Funkeln sich vervielfachte. So wurde die Welt rund um mich zur Bühne, die nur der betreten darf, der zu sehen gelernt hat. Von Träumen und Schiffen – ich durfte beides erleben.

Bald werde ich wieder auf der Hafenmole in Brunsbüttel stehen, am Beginn des Nord-Ostsee-Kanals. Vom ersten Moment an hat die MS Karina mein Herz erobert. Das Schiff, das ich so lange in mir trug, ist Wirklichkeit geworden. Ich habe Matrosen und Offiziere kennengelernt, die genauso Kinder im Herzen sind, wie ich es bin. Vielleicht muss man es sein, um das genießen zu können: das Schiff, das über die Meere fährt und Träume einholt.

Und so kehre ich zurück: Als die Summe der Reise, die ich tat, als die Summe der Bücher, die ich las, und als die Summe der Worte, die ich fand.

Anbieter
Frachtschiff-Touristik Kapitän Zylmann GmbH: zylmann.de Globoship: globoship.ch Internationale Frachtschiff- reisen Pfeiffer GmbH: frachtschiffreisen-pfeiffer.de langsamreisen.de
Für eine solche Reise muss man pro Woche mit einem Preis ab ca. 500 Euro rechnen

Zahlungsmittel
Bei Landausflügen sollte man Euro, US-Dollar oder andere Devisen in kleinen Beträgen dabeihaben. Achtung: Im Frachthafen gibt es oft keinen Bankomat.  Daher für jeden Stopp die Geldmenge mit- nehmen, die für einen ersten Landgang benötigt wird

Reisepapiere
Für alle Frachtschiffreisen ist ein gültiger Reisepass (bis mindestens sechs Monate nach Ende der Reise) nötig, auch innerhalb der EU. Der Pass verbleibt während der Reise beim Kapitän oder dem zuständigen Offizier – er wird bei Ankunft und Auslaufen für die Behörden benötigt. Frachtschiffpassagiere werden  in der Regel auf der Mannschaftsliste geführt