Das Blue Hole ist fast so schön wie die blaue Kathedrale - aber eben nur fast.

© Pete Bullen/viewingmalta.com/Pete Bullen

Reise
05/03/2019

Auf Gozo liegt die schönste Kirche unter Wasser

Gozo ist Maltas kleine Schwester und zieht viele Taucher an - hier sind drei der schönsten Tauchplätze des Mittelmeers.

von Axel Halbhuber

Und dann taucht man auf. Öffnet den Mund, der Atemregler rutscht raus. Schiebt die Tauchmaske nach oben, und sieht, was nur wenige Malta-Touristen sehen: die blaue Kathedrale, die man nur durch einen Felsbogen erreicht, der fünf Meter unter der Wasseroberfläche liegt. Die Kuppel wölbt sich bis etwa fünf Meter über dem Meeresspiegel, das Wasser schimmert tiefblau, die Sonne dringt nur durch einen kleinen Schlitz im Fels ein, nur seinetwegen kann man hier atmen. Dieser sakrale Raum kommt ohne Orgelmusik aus, der eigene beeindruckte Atem reicht aus.

Die Kathedrale ist einer der beliebtesten Tauchplätze auf Gozo, dem kleinen Nachbarn der Hauptinsel Malta. Zur ganzen Republik Malta gehört neben den beiden noch die Miniinsel Comino mit der angeblich schönsten Lagune des Archipels (jedenfalls werden ständig Tagesausflüge angeboten), aber nur drei Einwohnern. Als der vierte vor einigen Jahren starb, war das eine nationale Angelegenheit. Es gibt dann noch die Minimini-Inseln Cominotto, Filfla, St. Paul’s Islands (wo angeblich Apostel Paulus Schiffbruch erlitt) und Fungus Rock (wo angeblich Ritter ihre Wunden heilen ließen), sieben Inseln insgesamt, das ist Malta.

Aber um das Land geht es gar nicht, diesmal geht es um das Wasser. Will man nach Gozo, muss man erst einmal über die gut vier Kilometer breite Meeresenge zwischen den Inseln. In der 15-minütigen Fährfahrt sieht man schön auf die Drei-Einwohner-Insel und wie kleine Boote die große Fähre überholen. Hier herrscht Pendlerverkehr, Gozo würde ohne Malta nicht funktionieren. Was man so auf Gozo nicht sagen darf, die beiden streiten darum, wer cooler ist, wer älter ist, wie Geschwister eben sind. Natürlich kommt es nach 7000 Jahren Besiedlungsgeschichte nicht auf ein paar Jahre an, aber wahrscheinlich kamen die ersten Bewohner aus dem 90 Kilometer entfernten Sizilien und damit tatsächlich zuerst auf Gozo an. Im 4. Jahrtausend vor Christus wurde dort auch die Ggantija-Tempelanlage errichtet, und darauf sind die Gozitaner zurecht stolz.

Jedenfalls ist Gozo ruhiger als Malta, das sich lange auch über den Partytourismus definiert hat. Gozo ist eher Wandern und Beautybehandlung mit etwas Kultur. Die ist wie alles auf der Insel immer nur „10 Minuten“ entfernt, der Weg dorthin führt fast immer durch die Insel-Hauptstadt Victoria, auf Maltesisch: ir-Rabat. Dort leben zwar auch nur 7000 Menschen, aber erstens ist das dreimal so viel wie in den anderen 13 Orten und zweitens steht dort die imposante Cittadella mit der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale und den beiden Papststatuen davor.

Auch auf dem Weg zum Tauchen kreuzt man stets Victoria. Von den etwa 65 markierten Tauchplätzen Gesamt-Maltas liegen 25 an der Küste Gozos, vor allem die drei Aushängeschilder an der Westküste: Inland Sea, Blue Hole und das Azure Window – einst ein riesiger Felsbogen, der zwar vor zwei Jahren eingestürzt ist, aber als Ort noch immer so heißt. Die drei Tauchplätze liegen nur zwei Gehminuten auseinander und sind doch drei Welten. Zwischen ihnen liegt ein Parkplatz, auf dem Tauchschul-Vans mit den Anbietern kitschiger Souvenirs um Fläche buhlen. Tauchflaschen neben Kaffeebechern, beides mit dem Malteserkreuz versehen oder zumindest mit Rittern. Aber die drei Tauchplätze gehören zu den schönsten im Mittelmeer.

So ist die „Inland Sea“ über einen 80 Meter langen Spalt im Berg mit dem Meer verbunden. Fünf Meter dieses Spalts liegen über Wasser, 40 Meter darunter. Oben quetschen sich Boote mit Touristen durch die acht Meter breite Enge, unten erleben Taucher ein Abenteuer – zwischen Felsenwänden, unter Motorschrauben, über Schluchtboden.

Tauchanfänger planschen auf der anderen Seite des Parkplatzes, beim echten Meer. Das Blue Hole ist ein Fotomotiv, aber nicht schwierig, zumindest nicht schwieriger als der Weg dorthin – auf Gozo beginnt fast jeder Tauchgang mit dem Tragen der schweren Ausrüstung über scharfkantige Steine.

Taucht man im legendären Hole ab, erreicht man schnell die spektakulären Gesteinsbrocken, die das Azure Window hinterließ. Und kommt ins Gleiten: Wie ein Segelflieger auf Entdeckungsreise, durch Löcher und über Kuppen. In dem Moment ist gut, dass einen beim Tauchen auf Gozo kaum Meereslebewesen ablenken. Dabei kommen in Malta und Gozo wegen der zentralen Lage im Mittelmeer viele Fische vorbei, wie man auf Speisekarten sieht. Da wird Thunfisch nur „zur Saison“ empfohlen, dann wieder so Exoten wie Lampuci (köstlich). Das Nationalgericht ist überraschend aber Hase in Rotweinsauce mit Pasta – Fenkata. Und der Weichkäse: Auf den Gbejna ist man hier so stolz wie auf den Kaktusfeigenlikör Bajtra. Naja.

Auf dem Weg zum Tauchen kommt man manchmal aber doch an Sehenswürdigkeiten vorbei. Und bei manchen sollte man stehen bleiben, bei der Kalypso-Grotte etwa, die über dem Sandstrand (rar auf Gozo und Malta) Ramla Bay liegt und wo Odysseus sieben Jahre bei der Nymphe gelebt haben soll. Oder bei den Salzpfannen in Xwejni Bay, wo Josephine in fünfter Generation jährlich bis zu 20 Tonnen Salz aus dem Meer erntet, was sie Touristen gerne erzählt, so die kauffreudig sind.

Der Hauptinsel Malta entkommt man auch als Gozo-Urlauber nicht, schließlich ist dort der Flughafen. Und wenn man schon da ist, könnte der leidenschaftliche Taucher auch hier kurz ins Wasser schauen und nahe der Hauptstadt Valletta die berühmte „Christus für die Seefahrer“-Statue besuchen. Wie einige Wracks wurde auch die extra für Taucher versenkt, aber das passt gut. Auf Malta sind 98 Prozent der Menschen katholisch, auf Gozo gibt es einen Priester oder eine Ordensschwester pro 100 Einwohner. Ganz Malta hat so viele Kirchen wie das Jahr Tage hat, 365.

Die blaue Kathedrale gar nicht mitgezählt.