Reise
18.02.2018

Kürzer, individueller: Wie wir morgen reisen

Die drei Strandwochen von früher teilen sich heute in mehrere Kurzurlaube: eine Woche Meer, ein Städtetrip, eine Radtour, Thermentage und Lamawandern. Richtig individuell und exotisch sind aber noch immer wenige Reisen.

Warum setzt sich jemand während seines Urlaubs in eine Galeere und rackert am Ruder? Oder lässt sich von einer Giraffe das Frühstück vom Teller essen? Erwachsene setzen sich einen Zauberhut auf und spielen Harry Potter oder schlafen unter Game-of-Thrones-Skulpturen aus Eis. Andere helfen Archäologen beim Buddeln oder plagen sich auf irgendeinem Trek um irgendeinen heiligen Berg in irgendeinem asiatischen Land.

Hat das noch etwas mit Urlaub zu tun?

Wenn man dem Bild des modernen Reisenden glaubt, muss man das mit Ja beantworten: Abenteuer in der Ferne, wenig Planung, sich treiben lassen. Die Menschen suchen das Individuelle, Reisen in der Herde sei vorbei, betonen auch die Veranstalter der "Reise-Inspirationen", die kommende Woche in Wien stattfindet (20.–22. Februar, Museumsquartier, www.reise-inspirationen.at). Wer auf außergewöhnliche Reisen aufmerksam machen will, tut das heutzutage aber nicht als ordinäre Messe, sondern als "erstes inspirierendes Travel-After-Work-Event von 13 bis 21 Uhr". Zielgruppe: Reisende, die schon viel gesehen haben und aus der Masse treten wollen.

Zum Beispiel beim Rudern im Wikingerschiff. Dabei will Jonas Hopf mit seinen Abenteuerreisen einfach "den besten Geschichtsunterricht der Welt machen. Geschichtsverständnis ist in einer Demokratie sehr wichtig". Der Gründer von Reiseanbieter Kulevo stellt auf den "Reise-Inspirationen" aus und lässt Menschen die Zeit der Wikinger, Minoer, Römer und Germanen erleben. "Dabei geht es nicht darum, Schlachten nachzuspielen", erzählt Hopf, "die Reisenden sollen die ‚coolen‘ Aktivitäten der Vergangenheit kennenlernen, selber Werkzeug herstellen, Bogenschießen oder ein Schiff segeln."

Interessierte besuchen dabei historische Schauplätze und sprechen mit Archäologen und Historikern. Auf solche Ideen lassen sich Reisende auch zunehmend ein, einerseits suchen sie Abenteuer, andererseits wollen sie sich im Urlaub weiterbilden.

Nah- & Familienreisen

Bildung ist nur eines der wachsenden Motive von Reisenden. Peter Zellmann beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Urlaubsgewohnheiten und sieht einen Markt für das Angebot der "Reise-Inspirationen", aber darin nicht die absolute Individualisierung: "Solche vorgefertigten Individualreisen haben eine romantische Komponente. Sie setzen sich aus Bausteinen zusammen, aus denen die Kunden ihre persönliche Individualreise zusammenstellen. Man kann von einer neuen Form der Pauschalreise sprechen." (siehe Interview rechts) Denn auch wenn die Menschen heute kürzer, dafür öfter verreisen, und die eine oder andere bunte Abwechslung in den Urlaubsplan bringen, verändert sich das Gesamt-Reiseverhalten nur langsam: Individualreisen werden zwar immer beliebter, doch erreichen sie nur rund ein Prozent der Bevölkerung. Das scheint seltsam, weil Werbung und Medien den Eindruck erwecken, dass jeder zweite Österreicher nur noch mit Zelt und Rucksack in die Ferne zieht und die Zeit des Massentourismus am Mittelmeer vorbei ist. Tatsächlich fahren die Österreicher noch immer gerne nach Grado und Caorle. Und die Hälfte der Menschen verreist im Urlaub gar nicht.

Wer sich doch auf Reisen begibt, bleibt zunehmend gerne in der Nähe und erlebt etwas, das er noch nicht kennt. Familie Striok aus Donnerskirchen im Burgenland bietet etwa Lamawanderungen an. Drei Stunden in heimischer Natur im gemächlichen Tempo der Tiere sind beruhigend und sollen helfen, vom Alltagsstress loszukommen. Maria-Theresia Striok erklärt: "Die Lamas sind ganz sanfte Tiere, das Gefährlichste, das sie tun, ist spucken." Daher ist das Lamawandern auch für Kinder, alte Menschen oder Menschen mit Behinderung geeignet, was einem weiteren wachsenden Reisemotiv entgegenkommt: Zeit mit der Familie zu verbringen. "Man kann das Lamawandern auch als Therapie für sich selbst sehen. Außerdem wird das Gehen so nie langweilig."

Insgesamt bleibt ein Drittel aller Reisenden in Österreich, auch diese Zahlen decken sich nicht unbedingt mit dem Eindruck, den man gewinnt. Der Grund dafür liegt unter anderem in der Berichterstattung. Wenn man in der Zeitung nur vom Urlaub im Giraffenhotel oder der Weltumsegelung liest, bekommt man das Gefühl, solche Reisen wären Standard. Urlaubsforscher Zellmann: "Niemand will lesen, dass noch immer alle nach Lignano fahren. Das wäre viel zu langweilig."

Exotisch & besonders

Der falsche Eindruck entsteht aber auch durch falsche Zahlen, die manche Reiseanbieter liefern. Wenn diese behaupten, jeder zweite Österreicher plane heuer einen Strandurlaub, ist das schlicht falsch, sagt Zellmann: "Die führen ihre Umfragen nur unter ihren Kunden durch." Fakt ist, dass jeder zweite Verreisende ans Meer fährt, also die Hälfte der Hälfte, jeder Vierte.Trotzdem ist die Geschichte vom Individual-Boom nicht ganz falsch. Solche Reisen haben sich verdoppelt, oft vervielfacht, interessieren aber noch immer nur einen kleinen Prozentsatz der Österreicher. Aber eben genügend, um vielseitige Angebote zu schaffen, wie man auf den "Reise-Inspirationen" sieht: Flussreisen in Äthiopien, Wandern in Albanien, Eishotel hier, Trüffelsuchen dort.

Das neue Reisen spricht darüber hinaus auch Zielgruppen an, die bis jetzt weniger unterwegs waren. Das war vor zehn Jahren die 60plus-Generation. Hans Peter Greunz vom Forum Erleben glaubt, dass auch das Reisen für Menschen mit Behinderung ein eigener Tourismuszweig geworden ist. "In den vergangenen paar Jahren gab es ein Umdenken, auch die Hotellerie passt sich immer mehr an. Trotzdem würde ich sagen, dass es im Ausland teilweise immer noch bessere Angebote für Behinderte gibt als in Österreich." Das Ziel von Forum Erleben ist, die logistischen Herausforderungen, die das Reisen für Leute mit Behinderung bringt, zu beseitigen. "Es braucht viel Planung. Man muss an sehr viel denken. Wie komme ich vom Flughafen ins Hotel? Welches Hotel ist barrierefrei? Und so weiter." Greunz reist gemeinsam mit einem diplomierten Krankenpfleger mit höchstens neun Leuten.

Auch Zellmann sieht diese Zielgruppe wachsen, betont aber, dass sie inhaltlich dieselben Reisewünsche wie Nicht-Behinderte hat: "Es ist eine reine Infrastrukturfrage und keine Inhaltsfrage. So wie Senioren keinen Seniorenteller wollen, wollen Behinderte kein Behindertenangebot."

Weil Reisen verbindet. Das neue Reisen noch mehr.

Wie wir reisen

  • Nur die Hälfte aller Österreicher verreist überhaupt.
  • Urlaub dahoam: 30 Prozent davon verreisen nach Österreich. Steiermark und Salzburg sind die Lieblingsziele.
  • 17 Prozent davon reisen nach Italien, Kroatien liegt nur knapp dahinter.
  • Individualminiboom: 1,2 Prozent beträgt der Anteil von „vorgefertigten Individualreisen“, damit ist er klein, steigt aber rasant.
  • Stadtstrand: 42 Prozent machen Badeurlaub – Erholung, Städte sehen und Zeit mit Familie folgen als Reisemotive.