Reise
18.02.2018

Reisegewohnheiten: "Individuell ja, aber ohne Risiko"

Der Tourismusforscher Peter Zellmann räumt mit dem falschen Urlauberbild auf.

KURIER: Professor Zellmann, wie reist und urlaubt der durchschnittliche Österreicher?

Peter Zellmann: Er fährt für eine Woche ans Mittelmeer in eine Hotelanlage, nicht unbedingt all-inclusive. Das machen 60 Prozent der Urlauber so. Etwa die Hälfte davon fährt dafür mit dem Auto an die nördliche Adria, wer weiter südlich urlaubt, ist an das Flugzeug gebunden.

Sie sagen „60 Prozent der Urlauber“ – wie viele sind das?

Über die letzten 20 Jahre kann man grob sagen: Nur die Hälfte der Österreicher verreist, die andere urlaubt lieber auf „Balkonien“, bleibt also zu Hause, und ist damit die größte Urlaubergruppe. Von der verreisenden Hälfte bleiben 60 Prozent im Inland oder im Umkreis von ein paar Autostunden – konkret 30 Prozent in Österreich, 17 Prozent Italien, fast ebensoviele Kroatien. Nur 12 Prozent verlassen Europa, das sind 6 Prozent der Bevölkerung. Und da sind Kreuzfahrten schon dabei.

Kreuzfahrten sind ein gutes Beispiel: Man hat das Gefühl, jeder macht eine, dabei sind es nur 1,5 Prozent. Überhaupt entsteht der Eindruck, alle reisen heute besonders abenteuerlich und frei. Woher diese Diskrepanz?

Das ist ein Ergebnis der Berichterstattung – nur Geschichten über solche Ausnahmen sind interessant. Niemand schreibt: „Nach wie vor fahren alle nur nach Lignano“. Zum Beispiel so genannte Themenreisen, von der Nacht im Harry Potter-Hotel bis Draculaschloss: Die sind immer sehr groß dargestellt und wenn sie sich von 0,2 auf 0,4 Prozent Anteil verdoppeln, mag das ja ein Boom sein, aber absolut sind diese Anteile sehr, sehr gering. Echte Individualreisen, wo wirklich nichts vorweg gebucht ist, betreffen nur unter ein Prozent der Bevölkerung. Auch Golf-, Pilger-, Klosterreisen – alles unter einem Prozent.

Trotzdem sagen Sie selber, das Reisen in der Herde sei passé.

„Passé“ heißt, dass der Ausstieg begonnen hat, nicht dass alle damit aufgehört haben. Der Massentourismus nimmt auf Köpfe bezogen gar nicht so stark ab, wohl aber auf die Zeit. In einem Jahr bringen wir jetzt mehr unterschiedliche Urlaube unter: Viele verbringen nur einen von vier in der Bettenburg und machen drei ganz andere Reisen. Leute, die nur mehr in Bettenburgen fahren, gibt es nicht mehr. Es fahren also gleich viele in einen All-inclusive-Urlaub – aber nicht mehr 14 Tage im Jahr, sondern nur eine Woche alle zwei Jahre. Dazwischen gehört ein Thermenwochenende fix dazu, die Städtereise, Österreich-Urlaub mit Wandern und eben Meerurlaub in irgendeiner Form. Wir wechseln unsere Urlauberidentität bewusst von Urlaub zu Urlaub. Das halte ich für einen gesellschaftlichen Fortschritt.

Vom oft gefeierten Reise-Individualisten sind wir aber noch sehr weit weg.

Streng genommen ist die Individualreise eine vollkommen selbst organisierte Reise – die findet im Urlaub kaum statt, das gibt es nur bei Tages- oder Städtereisen. Aber die Zahl jener, die etwas entdecken wollen, wo noch niemand war, nehmen deutlich zu. Es gibt also einen Trend hin zu wirklichen Individualreisenden, die aber immer noch einen kleinen Teil der Urlauber darstellen.

Weil zwar viele eine Rucksackreise machen, aber eben nur einmal oder ein paar Mal im Leben.

Das sind die Abenteuerreisenden, die Spezialgruppe innerhalb der Spezialgruppe der echten Individualreisenden. Wer sich ohne Beratung auf die Reise macht, wo vielleicht sogar das Ziel unklar ist, geht gewisse Risiken ein. Die Individualreisen auf einer Messe wie den „Reise-Inspirationen“ sind eher eine Art der behüteten Individualisierung, des behüteten Abenteuers, für das wir alle anfällig sind. Individuell ja bitte, aber passieren soll nichts. Das ist die beliebteste Form der Individualreise und zugleich die neue Art der Pauschalreise: aus Bausteinen zusammengestellte, halb-individuelle Urlaube, die auch in Reisebüros zunehmend angeboten werden. Diese Form betrifft tatsächlich die große Masse.

Die Österreicher werden also abenteuerlustiger, aber nur ein bisserl?

Angebote wie „Übernachten im Fass“ oder „im Biwag“ erfordern schon viel Individualität und Abenteuerlust, sind aber durchorganisiert und damit letztlich klassische Pauschalreisen. Dieses Segment ist in den vergangenen fünf Jahren auf immerhin ein Prozent der Bevölkerung gewachsen. Weil wir eben kürzer und öfter verreisen, ist für Neues mehr Platz. Deswegen werden bei solchen Individualreisen die Reisebüros sogar wichtiger – wenn Sie es gescheit machen. Weil man in der Fülle der Angebote und der Kürze des Urlaubs möglichst wenig Risiko eingehen will, spielt Beratung eine große Rolle. Die Reisebüros müssen dieses wirkliche Beraten und Betreuen aber in den Vordergrund stellen, nicht nur aus dem Katalog Angeboten zeigen. Umgekehrt muss hochwertige Beratung dem Kunden etwas wert sein: Wenn eine Reise 2000 Euro kostet, ist es unklug, 50 Euro an Beratungskosten zu sparen.

Auch da klaffen Eindruck und Wirklichkeit auseinander. Reisende sagen: „Ich buche nichts, lasse mich frei treiben“. Und rennen dann zum Reisebüro.

Zwischen diesem Satz und dem Weg ins Reisebüro liegt ja noch das Internet. Aber tatsächlich liegen Wunsch und Wirklichkeit beim Reisen oft auseinander: 15 Prozent sagen, sie wollen in Österreich Urlaub machen, aber 30 Prozent tun es – von der Karibik träumen und im Waldviertel landen. Wobei das schon ein Motiv für viele ist, die nicht verreisen: Das kenn ich noch nicht und es ist in der Nähe, also probiere ich es im Urlaub als Tagesausflug.

Welche Motive lassen sich noch erkennen?

Am wichtigsten sind die Finanzierbarkeit, die Preisrelation und das persönliche Qualitätsempfinden, auch die Gastfreundschaft ist wichtig. Unzufriedenheit mit Politikern in einem Land wirkt sich nicht aus, solange das Land sicher ist. Urlauber sind Egoisten.