Reise
23.01.2018

Wo französisches Savoir vivre britische Noblesse trifft

Nicht nur Austern leben in Guernsey und ihrer winzigen Schwesterninsel Herm wie im Paradies. Dem Gast präsentieren sich die beiden Kanalinseln als authentische Mischung aus englischem und französischem Lebensstil.

Justin de Carteret ist ein Hüne, Naturbursch durch und durch. Seine Leibspeise ist überaus eiweißreich, fettarm und gesund: Austern. "Ich esse 20 bis 30 Stück pro Tag", schmunzelt er – und öffnet die nächste. Justin züchtet auf der winzigen Kanalinsel Herm Austern, wir besuchen ihn in der sogenannten "Holding Area": Hier müssen die Muscheln lernen, die Klappe zu halten. Sprich: für längere Zeit geschlossen zu bleiben. Nur so bleiben Austern frisch und überstehen den Transport zum Konsumenten.

Die Szenerie wirkt surreal: Austerntaschen liegen, mit Seetang behangen auf lang gestreckten Gestellen. Aber es gibt kein Wasser, das Meer wirkt wie ausgelassen. "Herm hat einen extremen Tidenhub," erklärt Justin, "neun bis elf Meter!" Das ist fast Weltrekord (16 Meter in Kanada) und bedeutet zweimal täglich eine andere Landschaft: Mal ein lieblicher Meeressaum, dann aber bis zu zwei Kilometer lang nichts als Sand und Schlick. Wir haben wohl gerade Ebbe erwischt. Wieder einmal.

Wasser ausgelassen

Schon tags zuvor spielte uns das Meer einen Streich, als wir mit der Fähre von der größten Kanalinsel Jersey nach Guernsey übersetzen wollten. Obwohl der Fährfahrplan exakt mit den Gezeitentabellen getaktet ist, konnte das Schiff nicht ausfahren, weil 30 Zentimeter Wasser unter dem Kiel fehlten. "Wir müssen abwarten" vertröstete der Kapitän über Bordlautsprecher. Eine gute halbe Stunde später war genug Meer im Meer und wir konnten starten.

Die Kanalinseln zwischen England und Frankreich sind eine eigene Welt – nicht nur, weil sie voll und ganz vom Wasser bestimmt werden. Der Schriftsteller Victor Hugo sagte einst: "Die Kanalinseln sind ins Meer gestürzte Stücke Frankreichs, die England aufgesammelt hat."

Geographisch gesehen sind die sieben bewohnten Inseln (zwei davon im Privatbesitz) tatsächlich der Normandie abhanden gekommen, politisch gehören sie jedoch zu England. Die urigen Eilande sind aber weder Teil des Vereinigten Königreiches noch Kronkolonie, sondern jeweils völlig selbstständig und direkt der britischen Krone unterstellt. Leicht zu verstehen ist das nicht.

Donkeys und Toads

In ihrer Geschichte gingen die Inseln einige Male zwischen England und Frankreich hin und her. Bezahlt wird mit den Insel-Währungen Guernsey- und Jersey Pound (oder Pfund Sterling), es herrscht Linksverkehr, Amtssprache ist Englisch und Französisch. Die Insulaner fühlen sich weder als Briten noch als Franzosen. Sie sind Guernsianer ("Donkeys" – Esel) oder Jersianer ("Toads" - Kröten). Und stolz darauf. Unsere "Austern-Insel" Herm wiederum ist im Besitz von Guernsey.

160.000 Pflanzen

Die Kanalinseln haben es verstanden, das Beste aus beiden Kulturen zu bewahren: Kulinarik und Savoir vivre aus Frankreich; der Lebensstil aber ist britisch. Und alles ist sehr wohlhabend. Der Hauptinsel, dem Steuerparadies Jersey, sieht man den Wohlstand an. Guernsey hingegen ist reich, stellt das aber nicht zur Schau. Meinen zumindest die "Donkeys". Doch auch das kleine Guernsey (65 ) beherbergt 50 Banken. Sie verstecken sich in adretten, blumengeschmückten Granithäuschen.

Die Hauptstadt St. Peter Port ist die schönste Stadt der Kanalinseln. Der Golfstrom macht das Klima so mild, dass hier 160.000 Pflanzen blühen und gedeihen. Reich wurde die Stadt dank ihrer Schmuggler-Vergangenheit. Freibeuterei war hier per königlichem Dekret bis ins 18. Jahrhundert erlaubt. Der König kassierte ein Fünftel der Beute. So gut wie alle historischen Häuser der Stadt verfügen über Meerblick: Damit keiner ein herannahendes Schiff verpasst.

Weiße Strände auf Herm

Nicht nur St. Peter Port, die ganze Insel Guernsey ist ein Schmuckstück – und mit blütenübersäten Hängen, entzückenden Dörfern, pittoresken Küsten und breiten hellen Sandstränden. Das Idyll wirkt ein wenig der Welt entrückt, die Uhren scheinen hier anders zu gehen.

Dieses Gefühl verstärkt sich, wenn man mit der Fähre von Guernsey nach Herm tuckert. Das gerade mal 2000 mal 850 Meter winzige Inselchen ist bis heute autofrei. Dafür verfügt es über grandiose, weiße Sandstrände und lädt mit seiner unberührten Natur zu Küstenwanderungen ein. Herm hat 60 Einwohner, eine Schule für sechs Kinder, einen angesehenen Cricket-Club mit zahlreichen Promi-Mitgliedern, das kleinste Gefängnis Europas, zwei Pubs und ein Hotel. Der Hotelchef ist Priester, Finanzminister, Bürgermeister, Polizist und Feuerwehrhauptmann in Personalunion. Er verwaltet das von Guernsey gepachtete Herm wie ein Treuhand-Geschäft.

Am Strand findet der Naturfreund Tiere und Pflanzen, die es in diesen Breiten an sich nicht gibt, sie werden vom Golfstrom angeschleppt. Austern-Züchter Justin erklärt stolz: "Nirgendwo sonst ist das Meer so nährstoffreich wie auf Herm. Meine Austern sind glückliche Austern." Und ist überzeugt: "Wir alle leben hier im Paradies!"

Anreise Prima Reisen bietet zwischen 26. 5. und 2. 6. 2018 einen Austrian-Charterflug WienJerseyWien; 450 Euro (www.primareisen.com); ansonsten über London Gatwick (z. B. mit Easyjet) und weiter mit Aurigny (www.aurigny.com).

Unterkunft 3*Moores Hotel Guernsey : Schönes Steinhaus im Zentrum von St. Peter Port. DZ/F ab 68 Euro (für 2 Personen). www.mooresguernsey.com

– 4*White House Hotel, Herm: Einziges Hotel auf der autofreien Insel, Oase der Ruhe, schöne Salons, Bar, Pool, Garten. HP im DZ ab 121 Euro pro Person.www.herm.com/where-to-stay/white-house-hotel

– Ferienhäuser (Self Catering Cottages): zahlreiche stilvolle Ferienhäuser und Cottages findet man auf www.visitguernsey.com/accommodation und www.herm.com

Essen/Trinken Le Nautique, St. Peter Port, Guernsey. Schickes Restaurant in einem alten Hus am Jachthafen; innovative, kreative Küche; Schwerpunkt Fisch. www.lenautiquerestaurant.co.uk

Angebot Die Inselwelt der Kanalinseln (Aktivreise): 7 ÜF im 3*-Hotel (4 x auf Guernsey, 3 x auf Jersey), Flug mit Austrian Airlines WienJerseyWien, Fähren, Transfers – ab 1448 Euro (Termine: wöchentlich zwischen 26. 5. und 23. 6. 2018) www.primareisen.com

Auskunft www.visitguernsey.com, www.herm.com , www.jersey.com/de