Greifvögeln auf die Fänge geschaut
Könige der Lüfte
Stark, stolz und schön – Raubvögel sind die unbestrittenen Könige der Lüfte. Ihr Anblick lässt niemanden kalt. Ganz nah kommt man den Tieren aber nur bei Vorführungen und in Zoos. Wir sagen Ihnen, wann und wo Sie das können, und erzählen Ihnen vorab etwas über die gefiederten Jäger: Lesen Sie über ihre Fähigkeiten und Feinde, welcher Vogel eigentlich das Bundeswappen ziert, welcher in der Großstadt seine Kreise zieht, und warum die österreichischen Eurofighter den Schutz von Falken brauchen. (Bild: Weißkopfseeadler)
Eine Sache der schönen Jahreszeiten
Aug' in Aug' mit dem Adler: Zwischen Mai und Oktober haben Greifvogelshows Saison, sie dauern rund 45 Minuten. Davor oder danach kann man sich die Tiere in ihren Volieren in Ruhe ansehen. Die Veranstaltungsorte sind meist alte Schlösser oder Naturschauplätze, die für sich allein genommen bereits einen Ausflug wert sind.
An Gefangenschaft gewöhnt
Abgerichtet werden ausschließlich Tiere, die bereits in Gefangenschaft geboren wurden. Neben der Zucht zur Arterhaltung und Auswilderung kümmern sich die Falkner auch immer wieder um verletzte Vögel, die zu ihnen gebracht werden – obwohl sie das streng genommen gar nicht dürften.
Das schnellste aller Tiere
Die Falkner stellen die einzelnen Vögel und deren besondere Vorzüge vor. Ein Wanderfalke wie hier im Bild erreicht im Sturzflug Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h. Er ist damit das schnellste aller Tiere. Der hochspezialisierte Jäger, der fast ausschließlich kleine und mittelgroße Vögel frisst, ist außerdem der am weitesten verbreitete Vogel der Welt.
Zurück kommen sie (fast) immer
Warum sucht der Vogel eigentlich nicht das Weite, sobald er erst einmal vom Handschuh des Falkners geworfen wird? Tatsächlich kommt das vor. So ein Ausflug dauert – sofern dem Ausreißer nichts geschieht – aber höchstens ein paar Tage, dann kehrt er an seine Ausbildungs-, Heim- und Futterstätte zurück. Er ist, unmittelbar nachdem er das Licht der Welt erblickt hat, auf den Menschen geprägt worden. Bei ihm wird er für immer bleiben.
Federspiel & Adlerauge
Die Jagdtechnik der Greifer wird mit Hilfe des Federspiels demonstriert: An einer ledernen Leine, die zum Beutetier aufgeputzt wird, ist ein Fleischköder angebracht. Die Attrappe wird durch die Luft geschwungen, und diese Bewegung erregt noch aus kilometerweiter Entfernung die Aufmerksamkeit des Räubers. Das geflügelte Wort vom Adlerauge ist keine hohle Phrase: Greifvögel sehen bis zu 30-mal besser als der Mensch.
In der Natur ist es schwieriger
Hat der Falke das Zielobjekt erst einmal in seinen Krallen, gehört das Fleisch ihm. Große Raubvögel können mit ihren Fängen einen Druck von bis zu 400 kg/cm² ausüben – das ist etwa das Zweieinhalbfache der Kraft, mit der ein Wolf zuschnappt. Das Federspiel stellt lediglich ein lockeres Training dar: In der freien Natur ist die lebendige Beute nicht so leicht zu greifen und daher nur jeder dritte bis vierte Angriff von Erfolg gekrönt. Auch diese grundlegende Erfahrung machen die geflügelten Jäger, denn...
Echte Expert*innen
...jeder Falkner ist ein geprüfter Waidmann. Oder eine Waidfrau. Ulrike Stumvoll (im Bild mit einem Kolkraben) geht mit ihren Schützlingen alle zwei Tage aktiv auf die Beizjagd. So heißt der Einsatz von Greifvögeln, um typischerweise Niederwild wie Hasen zu schlagen. Ebenfalls am Speiseplan stehen andere Vögel und sogar mittelgroße Säugetiere wie junge Gämsen: Steinadler können bis zu 15 kg schwere Beute schlagen. Geier sind vorwiegend Aasfresser, und Arten wie die Milane leben u. a. davon, dass sie anderen Vögeln deren Beute abnehmen.
Mehr als nur eine Show
Stumvoll kam von den Pferden zur Falknerei: Eine über Jahrhunderte bewährte Kombination, da ein berittener Jäger seinem Greifvogel selbst über weite Strecken folgen kann. Auf der Rosenburg kann man diese historische Falknerei zu Pferd heute noch erleben, und wenn Stumvoll davon erzählt, springt die Begeisterung über. Dass die 39-Jährige Vegetarierin ist, macht sie einerseits in der Jagdszene zu einem "bunten Hund", wie sie von sich sagt, und veranschaulicht andererseits, dass die Beizjagd nicht allein der Nahrungsbeschaffung wegen ausgeübt wird.
Das muss man sich leisten können
Die sehr aufwändige Haltung von Greifvögeln war immer schon ein Statussymbol. Einst war sie Privileg und Pläsier des Adels, heute stehen gut ausgebildete Top-Züchtungen vor allem im arabischen Raum hoch im Kurs: Sie wechseln für den Preis eines Neuwagens den Besitzer. Ihr Training dauert, je nach Art und Charakter, zwischen zwei Monaten und zwei Jahren.
Eine Wissenschaft und Kunst,...
Die Beizjagd (mittelhochdeutsch "beizen" = beißen lassen) entstand vor 3.500 Jahren in Zentralasien, wurde im arabischen Raum weiterentwickelt und gelangte während der Kreuzzüge nach Europa. Aufgrund der vielen notwendigen Fertigkeiten mauserte sie sich zu einer regelrechten Kunst. Der wissenschaftlich interessierte römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. betrieb sie leidenschaftlich und verfasste im 13. Jahrhundert sein Lehrbuch De arte venandi cum avibus ("Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen"). Es blieb bis in die Neuzeit hinein das Standardwerk der Falknerei.
...aber auch ein (Kampf-)Sport
An den Fürsten- und Königshöfen wurde die Beizjagd wie ein Sport betrieben. So ergötzte man sich zum Beispiel am Duell der Gerfalken mit den viel größeren und durchaus wehrhaften Reihern (im Bild im Falknereimuseum auf der Rosenburg). Die hoch- und spätmittelalterliche Blütezeit der Falknerei ist zwar Geschichte, seit 2010 gehört sie aber – auf österreichische Initiative hin – zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.
Kritik von Tierschützern
Trotzdem gibt es auch Kritik, insbesondere an den Greifvogel-Shows: Tierschützer prangern die Aufzuchtbedingungen und den angeblichen Futterentzug an, ihnen zufolge spielen die Vögel nur aus Hunger bei den Vorführungen mit. (Bild: Schneeeule)
Sensible Tiere
Die Falkner weisen solche Vorwürfe zurück und verweisen auf ihre enge Zusammenarbeit mit Tierärzten. Dass es Anbindehaltung beim Training mit jungen Vögeln gibt, räumt Falknerin Stumvoll ein – diese diene jedoch nur dazu, dass sich die Tiere nicht aus Furcht selbst verletzen. Auch die Haube (siehe Foto), von Tierschützern mitunter als "Dunkelhaft" gebrandmarkt, ist keine Strafe für den Vogel, sondern soll einer Reizüberflutung durch schnelle Bewegungen in der Umgebung vorbeugen. Bei den sehr sensiblen Tieren kann Stress sogar zum Sekundentod führen.
Taubenabwehr
Praktischen Nutzen erweisen Greifvögel dem Menschen bei der "Vergrämung" von unerwünschtem Federvieh: Krähen sollen von frisch bestellten Feldern ferngehalten werden, Tauben aus Städten oder Lagerhallen vertrieben (Bild: Falke in Wien). Auch das Bundesheer bedient sich der pfeilschnellen Jäger, um die Flugschneisen seiner Eurofighter freizuhalten und die teuren Maschinen vor Vogelschlag, also vor Zusammenstößen, zu bewahren.
Vögel beschützen Eurofighter
Erst setzte man am Fliegerhorst Zeltweg auf Grundwehrdiener, die auf Störche starren. Vergebens, daher versuchte man 2012 eine neue Strategie: Natur schützt Technik. Derzeit werden fünf angemietete Wander- und Gerfalken etwa zwei Mal die Woche zum Flugfeld gebracht und auf eine Reihe von störenden Vögeln angesetzt, ohne diese dabei zu töten. Der Einsatz sei "absolut erfolgreich", so das Militärkommando Steiermark zum KURIER, seit dessen Beginn habe es keine Kollision gegeben. Der Vertrag mit einem privaten Falkner läuft noch bis 2016.
Therapievögel
Wie die Attacke eines Greifvogels aus der Sicht des Opfers ausschaut, lässt folgendes Video erahnen: Es zeigt, wie ein Bussard eine Drohne zum Absturz bringt. Aber auch ganz ohne beeindruckende Flugmanöver und Demonstrationen ihrer Stärke erzeugen die edlen Tiere Emotionen. In Frankreich werden sie zu therapeutischen Zwecken eingesetzt, etwa um Leben in Seniorenheime zu bringen. Diese Schleiereule lockt als Chouette du Coeur ("Herzenseule") alte Menschen aus der Reserve.
Den Greifvögeln geht es wieder besser
In Österreich kann man 35 Raubvogelarten beobachten: 16 Greifvögel und Eulen sind hier zuhause, weitere 19 sind Durchzügler oder kommen zumindest vereinzelt vor. Die Bestände sind merklich gewachsen, nachdem bestimmte Insektizide verboten wurden und die EU das Brachliegenlassen landwirtschaftlich genutzter Flächen förderte. Dadurch siedelten sich etwa die See- und Kaiseradler wieder an, mittlerweile leben circa 150 Exemplare allein entlang von Donau, March und Thaya sowie im Gebiet des Neusiedler Sees.
Wappentier
Dass der scheinbar zerrupfte Bundesadler nicht bloß der lustigen Phantasie eines Heraldikers entsprungen ist, sondern ein echter Seeadler sein dürfte, zeigt diese Aufnahme. Symbolträchtiger Wink des Schicksals: Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als das Land in Trümmern lag, war auch sein Wappentier ausgestorben. Erst Jahrzehnte nach Wiedererstehung der Demokratie kehrte es nach Österreich zurück.
Streng geschützt
Die größte Bedrohung stellt für die Greifvögel die Einengung ihres Lebensraums durch den Menschen dar. Die Gefährdungslagen sind für die jeweiligen Arten unterschiedlich. Alle sind mehr oder weniger streng geschützt, dennoch geraten immer wieder einzelne schwarze Schafe aus der Jägerschaft in den Verdacht, illegale Abschüsse zu tätigen oder Giftköder auszulegen: Weil sie die Greifvögel als Jagdkonkurrenten betrachten, um sich eine Trophäe zu sichern, oder schlicht aus Profitgier – der Verkauf der toten Tiere an Präparatoren bringt nicht wenig Geld ein. (Bild: Uhu)
Unrühmliche Ausnahme: Das Land Niederösterreich
Einen zweifelhaften Ruhm hat sich das Bundesland Niederösterreich erworben: Es legalisierte – europaweit einzigartig – den Abschuss von Greifvögeln, was zwei EU-Vertragsverletzungsverfahren zur Folge hatte, von denen eines noch im Gange ist. Zankapfel ist die "NÖ Beutegreiferverordnung" von 2008: Durch sie erlaubten es die St. Pöltner Landespolitiker, im Dezember und Jänner jeden Jahres insgesamt 240 Habichte und Mäusebussarde (Bild) zu erlegen.
"Die Nutzung hat durch Abschuss zu erfolgen"
Beide Arten sind nicht gefährdet, daher handelte es sich offiziell um eine "vernünftige Nutzung in geringen Mengen". Und: "Die Nutzung hat durch Abschuss zu erfolgen." Im Mai 2014 sei die Regelung ohnehin ausgelaufen, man rechne daher nicht mehr mit einer Verurteilung durch den Europäischen Gerichtshof, heißt es aus dem Landhaus. Eine Erneuerung der Verordnung sei derzeit ebensowenig Thema.
Was Sie tun können, wenn Sie einen Vogel finden
Weg von fragwürdiger Politikgestaltung, und nein, der Gänsegeier im Bild heißt weder Hypo noch Heta. Positiv hervorzuheben sind hingegen beherzte Initiativen von NGOs und Privaten zum Schutz der Tiere, zum Beispiel die Greifvogel- und Eulenschutzstation in Ebelsberg, einem Stadtteil von Linz, und die Greifvogelstation Haringsee (NÖ). Letztere zeichnet sich dadurch aus, dass Jungvogelfindlinge von Artgenossen aufgezogen werden. Das Heranwachsen im natürlichen Familienverband soll schädliche Folgen der Aufzucht von Menschenhand vermeiden.
Stadtfalken
Greifvögel kommen aber nicht nur in freier Natur, sondern auch in dicht verbautem Gebiet vor: Mehr als 300 Turmfalken-Paare brüten derzeit in Wien (im Bild: Hirschstetten). Diese Zahl ist jedoch durch die zunehmenden Dachbodenausbauten gefährdet, deretwegen den Tieren ihre bevorzugten Eiablageplätze abhandenkommen.
Im Juli fliegen die Jungen aus
Vom Schlüpfen bis zum ersten Ausflug vergeht bei Turmfalken gerade einmal ein Monat. Jetzt im Juli sind die Chancen gut, ein flügges Junges zu entdecken. Über eine Meldung Ihrer Beobachtung freut sich das Wiener Turmfalkenprojekt, eine Kooperation von Uni Wien und Naturhistorischem Museum. Dessen Forscherinnen und Forscher kontrollieren jährlich mit Hilfe der Berufsfeuerwehr den Bestand und beringen die Küken. Wer sich generell für Tiere in der Stadt interessiert, dem sei übrigens ein Blick auf www.wienerwildnis.at empfohlen.
Ausflugstipps im Osten...
Zum Schluss die angekündigten Orte in (fast) allen Bundesländern, in denen Sie von Mai bis Oktober Greifvögel aus nächster Nähe bestaunen können: In Niederösterreich finden auf der Burg Kreuzenstein (keine 30 Kilometer nördlich von Wien; im Bild) sowie den Schlössern Rosenburg und Waldreichs Vorführungen statt. Im Burgenland dürfen Kinder wie Erwachsene im Rahmen des Familienkulturfestivals Burg Forchtenstein Fantastisch (nur noch bis 2. August) die majestätischen Vögel sogar in die Hand nehmen.
...und im Westen und Süden
In Oberösterreich gibt es die weltgrößte begehbare Greifvogelfreifluganlage im Zoo Schmiding (ohne Shows) und die Falknerei Obernberg. In der Steiermark haben Sie mit der Greifvogelwarte Riegersburg, der Burg Oberkapfenberg und der Abenteuerwelt Mautern gleich drei Möglichkeiten, die geflügelten Akrobaten zu bestaunen. In Kärnten kann man die Burg Landskron besuchen, in Salzburg Hohenwerfen. In Tirol stehen der Greifvogelpark Telfes im Stubai sowie die Adlerbühne Ahorn im Zillertal zur Auswahl. (Bild: Rotmilan)
Achtung bei Schlechtwetter
Vorarlberg hat die Adlerwarte am Pfänder, diese bleibt heuer allerdings wegen Umbauarbeiten geschlossen. Die Eintrittspreise der diversen Anbieter sind recht unterschiedlich und reichen von weniger als 3 Euro für Kinder bis zu knapp 15 Euro für Erwachsene. Aber Achtung: Um Enttäuschungen zu vermeiden, sollten Sie sich im Falle von Schlechtwetter beim Veranstalter erkundigen, ob die Show auch wirklich stattfindet.
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