© Getty Images/Pavliha/IStockphoto.com

Reise
06/17/2019

Das Cortina-Gefühl: Wenn der Glamour dem Alltag weicht

Im Frühling schält sich Cortina d’Ampezzo. Dann ist der Ort echtes Italien, obwohl es das lange Zeit gar nicht sein wollte. Das Ski- wird zum Wanderparadies.

Der Winter hat Cortina d’Ampezzo berühmt und groß gemacht. Doch im Frühling zeigt sich der Dolomitenort ungeschminkt und gar nicht versnobt. „Che bella! È una Giulia Veloce!“ Zwei Bauarbeiter stützen sich an der Via Marconi auf ihre Schaufeln und spendieren bewundernde Blicke. Die vorbei schlendernde junge Blondine schaut verwirrt. Die Jungs schauen doch tatsächlich nicht ihr, sondern diesem roten Oldtimer-Alfa nach.

Die Erklärung ist einfach: Im Frühling wandelt sich Cortina d’Ampezzo. Von Glamour in Alltag. Von Pelzmantel zum Frühlingsröckchen. Von Englisch und Italienisch ins Ladinische. Vom Internationalen ins Heimische. Von Weiß nach Grün. Von Ski und Board zu Mountainbike und Wanderstöcken. Von Winterwelt zum Frühlings Erwachen. Es liegt zwar noch eine gewisse Kühle auf der Haut, aber die Frühlingssonne tut schon ihr Bestes und wärmt die Bauarbeiter ebenso wie die schöne Frau und den Verkehrspolizisten, der gerade einem noblen Bentley mit Roma-Kennzeichen einen Strafzettel verpasst. Als wolle er der Noblesse oblige sagen: Eure Zeit ist langsam vorbei. Cortina wird wieder normaler. Ohne Kitzbühel-Allüren und Arlberg-Stimmung. Ohne Bentley, Chanel und Roederer.

Man trifft auf ein heiteres Städtchen, das die Sonnenstrahlen genießt, wenngleich die große Schneeschmelze erst spät kommt. 1.211 Höhenmeter und je drei Zwei- und Dreitausender ringsum lassen den Frühling langsam beginnen. Dafür dauert er in Cortina auch weit bis in den Juni hinein, wenn anderswo zumindest meteorologisch der Sommer bereits ausgerufen wurde.

Untouristische Ruhe

Cortina und die Dörfer der Umgebung strahlen abseits der edlen Boutiquen und großen Skihotels, die nach der Wintersaison meist für ein paar Wochen schließen, eine gewisse untouristische Ruhe aus. Betritt man einen der kleinen Alimentari-Läden, riecht man das Aroma der 1960er-Jahre: eine Mischung aus Salume (Wurst, Anm.) und Putzmittel. Die Regale quellen über, die Mortadella in der Theke wird im beinahe reifengroßen Format angeboten und der Chef selbst packt die gekauften Waren fein säuberlich in Papiersackerl. Dann ist Cortina echtes Italien.

Obwohl es das lange Zeit gar nicht sein wollte. Nach dem Vertrag von Saint-Germain von 1920 wurden die ladinischen Gebiete inklusive Cortina zusammen mit Südtirol und dem Trentino Italien zugesprochen. Wie viele Südtiroler weigerte sich aber die ladinische Bevölkerung, sich als Italiener zu bekennen. Das gilt bis heute für einige noch immer.

Sportliche Aktivitäten in und um Cortina

Mountainbiken: 120 MTB-Touren in allen Schwierigkeitsgraden stehen in der Umgebung zur Auswahl.  Die ausgewiesenen Strecken des Bike Resort eignen sich für Profi- und Hobbyfahrer, Kinder und Erwachsene und führen an den Sehenswürdigkeiten des Gebietes vorbei.

Golf: Die Umgebung von Cortina d’Ampezzo bietet im Frühjahr und im Sommer beste Bedingungen für Golfer.

Klettern: Das Ampezzo-Tal ist mit 850 Sportkletterrouten ein Traum für Hobbyalpinisten. Sie liegen vor allem in den beliebtesten Schwierigkeitsgraden (3–6).

Wandern: Das Wandertourenparadies zählt 337 abwechslungsreiche Touren, darunter 44 Fernwanderwege und 5 Themenwege.

Alpines Riff

Vor 230 Millionen Jahren waren die Dolomiten noch ein Korallenriff. 200 Millionen Jahre später verschieben sich die Kontinentalplatten. Der gewaltige Druck hebt die Erde und faltet sie zu einem Gebirge. Le Corbusier, einer der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, sagte einst: „Die Dolomiten sind die eindrucksvollsten Bauwerke der Welt.“ Wenn man in den Bergen von Cortina umherwandert, unterschreibt man diese Aussage – obgleich der Himalaja doch viel höher ist und die Anden doch viel länger sind. Wände, Türme, Zinnen, Zacken, Gipfel und Becken lassen die Augen staunen. Und dieser 6000-Einwohner-Ort Cortina d’Ampezzo liegt mittendrin.

Die vielleicht schönste Gebirgsformation der Alpen, die Drei Zinnen, liegt ums Eck, die große Dolomitenstraße führt schnurstracks ins Zentrum und der 3.218 Meter hohe Monte Cristallo gibt den Hausberg. „Ich wohne im „Cristallo“, heißt es in „007: In tödlicher Mission“ von 1981, als Bond-Girl Carole Bouquet dem James Bond von damals, Roger Moore, den erfolgversprechendsten Weg in Cortina weist. Die Hotelikone vergab den Namen schon 1901, als das Haus oberhalb des Orts seine Türen erstmals öffnete: Es war eine Hommage an den bestimmenden Berg Cortinas und an die Dolomiten.

Selbst für die UNESCO, die mit dem Begriff „schön“ normalerweise so behutsam umgeht wie ein Pfarrer mit Schimpfwörtern, bilden die Dolomiten „eine Serie einzigartiger Gebirgslandschaften von außergewöhnlicher Schönheit“. 2009 wurden sie zum Weltnaturerbe erklärt.

"Begnodüs"

„Begnodüs“ heißt „willkommen“ auf Ladinisch. In Cortina wird häufig noch so gesprochen und auch noch ladinisch gegessen. Den heutigen Trend von der regionalen Küche, den gab es in Cortina schon immer. Die Leute aßen nur lokale Erzeugnisse: Bales (Knödel), Gnoch (Nocken mit Spinat, Topfen oder Graukäse), Cajincì Arestis (Schlutzkrapfen) oder Jüfa und Scartè (ein Brei aus Milch und Mehl). Fleisch gab es selten.

Und so spürt man das Cortina-Gefühl nicht nur beim Blick auf Zinnen, Zacken und Gipfel, sondern schmeckt es sogar: bei Bales und Gnoch. Und ganz besonders bei den Stadtviertelfesten. Die Fiesta dei Sistieri gibt es schon seit Urzeiten: mit Wettkämpfen, Aufmärschen in traditionellen Trachten, Musik, Tanz und natürlich Bratwurst, Polenta und ladinischer Küche; jedes Wochenende, ausgerichtet von einer der sechs Gemeinden von Mitte Juli bis Ende August.

Dann ist sogar in Cortina d’Ampezzo schon der richtige Sommer da.

Anreise
Nächster Flughafen ist Venedig. Per Auto  über  Innsbruck und die Brenner-Autobahn bis Ausfahrt Chiusa (Klausen)

Hotel
Das führende, über Cortina thronende Hotel ist das „Cristallo Resort & Spa“, seit 1901 in Familienbesitz. Das 5*-Haus mit Sonnenterrasse gehört zur „Luxury Collection“ und hat 74 Zimmer, Pool, Spa, 3 Restaurants. Die erste Golf- Runde ist inklusive. Ab 320 Euro p.DZ/N, cristallo.it

Essen
Im „Pontejel“ steht Marco Barozzi am Herd: Trentinischer Vater, ladinische Mutter, kocht nach ladinischen Rezepten seiner Tante (hotelpontejelcortina.it/ de/restaurant). Uriger geht es im kleinen Refugio „Pezié de Parú“ am Passo Giau zu (8 km von Cortina): lokale Küche, schöne Sonnenterrasse und verholzte Mansardenzimmer zu 90 Euro, peziedeparu.it

Auskunft
InfoPoint Cortina, Corso Italia 81, cortinadolomiti.eu