Indian workers pluck tea leaves inside the Durgabari tea garden estate on the outskirts of the northeastern Indian city of Agartala December 10, 2005. Inspired by the success of whisky and wine makers, Indian tea planters are turning parts of their verdant Assam, Tripura and Darjeeling estates in the east of the country into luxury resorts to help beat an industry slump. REUTERS/Jayanta Dey

© Reuters/Stringer/India

Darjeeling
04/04/2013

Der Weg zum Tee

Dieser Tee gilt als einer der erlesensten der Welt. Wer zu ihm in die gleichnamige Region am Fuße des Himalaja reist, lernt ein völlig anderes Indien kennen – mit vielen Reminiszenzen an die britische Kolonialzeit.

von Ingrid Teufl

Zur Begrüßung gibt es Tee. „What else“, würde wohl auch George Clooney angesichts der golden leuchtenden Flüssigkeit fragen und jeden Espresso stehen lassen. Denn noch 36 Stunden zuvor wuchsen diese Teeblätter, die in der durchsichtigen Teekanne schwimmen, als frisches Grün auf buschigen Teesträuchern.

Authentischer als hier, im Herzen der Region Darjeeling im Nordosten Indiens, kann das traditionsreiche Heißgetränk wohl nirgends genossen werden. Schnell wird klar, warum man ehrfurchtsvoll vom „Champagner unter den Tees“ spricht: Zart, aber intensiv und einen unvergleichlich feinen Duft verströmend dampft der Darjeeling „First Flush“ – die erste Ernte des Jahres – in durchsichtigen Tassen vor sich hin.
Dhiren, der freundlich-gelassene Hausangestellte, hat auf der überdachten Veranda für die Neuankömmlinge gedeckt. In tiefen, geblümten Fauteuils sollten wir die ersten Eindrücke auf der Teeplantage Tumsong sammeln und uns von der kurvigen Anreise erholen. Knapp drei Stunden dauerte die Fahrt im Geländewagen vom Regionalflughafen Bagdogra, rund 1000 Höhenmeter haben wir dabei überwunden. Und zum Verschnaufen das Städtchen Mirik mit seinen Attraktionen besucht: das beliebte Ausflugsziel Samendu Lake mit seinem tiefblauen Wasser und einem buddhistischen Kloster am Hügel.

Eine Reise durch die Himalaja-Regionen

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Teeplantage als Quartier

Auf Tumsong fällt es schwer, sich in diesem Ambiente nicht in die britische Kolonialzeit des 19. Jahrhunderts versetzt zu fühlen. Was kein Wunder ist. 1867 wurden hier auf Tumsong die ersten Teepflänzchen gepflanzt, und der „Main Bungalow“, in dem wir übernachten, stammt aus der Hochblüte des britischen Empire. Aus jener Zeit also, als die Briten das erfrischende Klima dieser Region im Vorderhimalaja zwischen Nepal und Bhutan als sogenannte „Hill Stations“ – Sommerresidenzen – nutzten. Hierher flüchteten die Europäer vor den unerträglich heißen Temperaturen in den niedrigen Lagen, etwa aus dem Raum Kolkata (Kalkutta).

Doch wir sind im März, nach dem langen Winter in Österreich, nicht gerade sonnenverwöhnt. So bringen wir Dhiren kurz aus der Fassung, als wir das Tee-Tischchen spontan in den Vorgarten tragen. Dort haben wir nicht nur wärmende Sonnenstrahlen, sondern auch freie Sicht: auf die sanfte, tief grüne Hügellandschaft, die ein wenig an Vertrautes wie die Toskana oder die Südsteiermark erinnert. Wenn nicht im Hintergrund die markanten, weißen Gipfel des Kanchenjunga ins Bild ragen würden.

Der Blick auf den dritthöchsten Berg der Welt (8584 Meter) ist übrigens nicht selbstverständlich. Häufig versteckt sich der massive 8000er nämlich hinter dicken Wolken. Für Wanderer, Bergsteiger und Trekkingfans sind der Berg und seine Ausläufer in den vergangenen Jahren zu einem interessanten Anziehungspunkt geworden.

Ein anderes Indien erleben

Aber egal, ob zum Wandern, auf den Spuren der Teeproduktion oder einfach zum Eintauchen in eine fremde Kultur: Wer die Region Darjeeling besucht, erlebt auf jeden Fall ein anderes Indien, abseits der typischen Hektik des Subkontinents. Hier regieren buddhistische Gelassenheit statt Menschenansammlungen, Staub und Verkehrschaos. Es gibt zahlreiche buddhistische Klöster, die besucht werden können und deren besondere Atmosphäre auch den westlichen Besucher in einen anderen Rhythmus bringt. Die Bevölkerung ist von den nahen Nachbarländern Nepal und Bhutan geprägt. Schon die Engländer holten deren Vorfahren als Tee-Pflücker nach Indien.

Was sich gar nicht vom Rest Indiens unterscheidet, ist der Einfluss der britischen Kolonialherren. Der „Toy Train“ etwa, eine Schmalspur-Dampfeisenbahn zwischen den Städten Siliguri und Darjeeling, ist eine typisch britische Ingenieursleistung aus dem Jahr 1881. Heute zählt er zum UNESCO- Weltkulturerbe.

Doch kaum wo wird der Hauch der Vergangenheit so lebendig wie in der Stadt Darjeeling: viktorianische Backsteinbauten, anglikanische Kirchen – und Traditionshotels.

Nirgends gelingt der Zeitsprung so perfekt wie im Windamere Hotel. Hier ist der klassische Afternoon Tea ein besonderes Erlebnis und grenzt an eine Inszenierung: Eine fast schüchterne, schwarz gekleidete Angestellte mit weißer Schürze, Handschuhen und Häubchen, serviert den Tee aus Silberkannen.

Koloniales Flair

Erbaut 1889, trotzt die auf dem höchsten Hügel Darjeelings thronende Anlage bis heute der Moderne. Fernseher oder WLAN im Zimmer? Fehlanzeige. Es sei schon nicht leicht gewesen, Telefonleitungen durchzusetzen, sagt die durch und durch britische Managerin Elizabeth Clarke. Sie erzählt von weltgewandten Gästen, die aufgrund ihrer Kindheit im alten Indien gern ins Windamere zurückkommen. Auch Peter Ustinov und sogar Queen Elizabeth II. waren auf Kurzbesuch hier. An den Wänden reihen sich jedenfalls die gerahmten Dankschreiben und Reservierungen berühmter Gäste aneinander. In den plüschig-blumigen Zimmern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Anstatt einer Heizung erwartet die Gäste ein Kamin. Livrierte Angestellte heizen abends ein und bringen vorsorglich eine wohlige Wärmflasche fürs Bett. Die lernt man in den doch recht frischen März-Nächten durchaus schätzen.
Draußen vor der Tür des Windamere ist die koloniale Nostalgie dann schnell vergessen. Der Markt im Zentrum erstreckt sich über enge Gässchen, zu den Marktzeiten herrscht reges Kommen und Gehen: Neben dem Fischhändler hat eine Friseur seinen Mini-Laden, daneben verkauft eine Frau Snacks und Gewürze. Ein paar Schritte weiter baumeln dicke, handgestrickte Fäustlinge vom Dach eines Standls. Wem der Trubel nach all der Beschaulichkeit zu viel ist, sollte wieder Anleihen bei den Briten nehmen. Eine Tasse Tee, heißt es, hilft in jeder Lebenslage.

Tee-Produktion braucht viel Feingefühl

Tee ist nicht gleich Tee. Und jener aus Darjeeling ist überhaupt etwas Besonderes. Es ist das regionale Klima mit seinen Bodenverhältnissen, die in diesen hohen Anbaulagen zwischen 600 und 2300 Meter Seehöhe den feinen Geschmack ausmachen. Und vor allem die Teepflanze Camellia sinensis, die sich hier besonders wohlfühlt. Der Teeanbau in Darjeeling begann jedenfalls im 19. Jh., als die englische Kolonialmacht nicht mehr von China abhängig sein wollte und selbst begann, am Fuß des Himalaja Tee zu pflanzen.

Heute erntet man vier Mal pro Jahr. Die erste Ernte, der weltweit heiß begehrte First Flush , findet Ende März/Anfang April statt und ist besonders zart und fein. Der Second Flush folgt im Mai und ist bereits kräftiger. Nach den Regen- oder Monsun-Tees folgen im Herbst die besonders kräftig und würzigen Autumnals. Für die Weltproduktion hat die in den 87 Teegärten auf 17.500 Hektar hergestellte Teemenge nur geringe Bedeutung: 0,3 Prozent. Mittlerweile werden schon 60 Prozent biologisch erzeugt. Das heißt: keine Pestizide, sondern natürliche Dünger werden verwendet.

In Darjeeling wird Schwarztee nach der sogenannten orthodoxen Methode hergestellt. Bei der Verarbeitung ist besonderes Feingefühl notwendig, aber es entstehen dabei die besten Blatttee-Qualitäten. Teepflückerinnen sammeln händisch nur die zarten Blattspitzen ein. Danach werden die frischen Blätter sofort gewelkt (bis zu 18 Stunden) und anschließend in Rollmaschinen gerollt. Dadurch werden die Zellwände aufgebrochen, das Teeblatt oxidiert mit Sauerstoff und fermentiert – so entstehen die Teearomen. Minutengenaue Arbeit ist hier notwendig. Im richtigen Moment muss die Fermentation unterbrochen und das Blatt getrocknet werden. Dann folgt die Sortierung – und der Tee ist somit trinkfertig.

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