Von Massentourismus keine Spur: Calella de Palafrugell hebt sich wohltuend von anderen Ferienorten der Costa Brava ab.

© Wolfram Kautzky

Reise
09/19/2019

Costa Brava: Wandern mit Ausblick auf die Traumbucht

Wer die wilde Küste zu Fuß erkundet, lernt einen unbekannteren Teil kennen – ohne Riesenhotels und ohne Massentourismus.

Wandern in Spanien? Wenn man als Österreicher diese Absicht hegt, werden Zweifel laut: Was haben die, was wir nicht haben? Ok, das Finale des Jakobsweges, aber da sollte man vorher auch die 2000 km von Österreich bis an die spanische Grenze abgegangen sein – wenn schon, denn schon.

Nein, die Costa Brava ist, einer reizvollen Fernsehreportage sei Dank, das Ziel des wanderlustigen Reporters. Freilich, die erste Frage, die sich stellt, lautet: Wo genau ist die eigentlich? Bei der Recherche stößt man auf ein seltsames Phänomen: Die Costa Brava gehört zwar (leider auch im wörtlichen Sinn, wenn man sich z.B. die Hotels von Lloret de Mar ansieht) zu den Hochburgen des spanischen Mittelmeer-Badetourismus. Doch in den Katalogen der österreichischen Reiseveranstalter spielt die „Wilde Küste“ allenfalls eine untergeordnete Rolle. Sei es, wie es sei, die Costa Brava ist unter den vielen spanischen „Costas“ die nördlichste – also, salopp gesagt, die Küste nördlich von Barcelona bis zur französischen Grenze.

Rundweg mit Gustostückerl

Ziel unserer (Wander-)Begierde ist der Camí de Ronda. Dieser 140 km lange historische „Rundweg“ mit Start und Ziel in Girona hat ein Gustostückerl zu bieten: Den 43 km langen Küstenabschnitt zwischen Sant Feliu de Guíxols und Begur. Er bietet das, was dem alpenländischen Wanderer in seiner Heimat zwangsläufig versagt bleibt: Ein Wandererlebnis mit permanentem Ausblick auf Meer, Pinien und Traumbuchten.

Startpunkt der zweitägigen Wanderung ist das sympathische Städtchen Sant Feliu de Guíxols, das im Gegensatz zu vielen Touristenorten der Umgebung auch über einen historischen Stadtkern verfügt. Auf unserer ersten Tagesetappe (20 km von Sant Feliú nach Palamós) kommen wir aus dem Staunen nicht heraus, wie abwechslungsreich der Camí (katalanisch für „Weg“) ist. Der Reihe nach passieren wir: den Badeort Sant Pol mit seinen nostalgischen Badehäuschen; die mondäne Promenade von S’Agaro, die von zahlreichen Luxusvillen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren gesäumt ist; den von Kiefern umgebenen Traumstrand von Platja de Sa Conca; die als „Copacapana der Costa Brava“ bezeichnete Seepromenade von Platja d’Aro mit ihren fast bizarren Hochhäusern; abgelegene kleine Buchten, die nur auf unserem Wanderweg erreichbar sind. Nach sechs Stunden per pedes erreichen wir unser Quartier in Palamós und lassen uns am Hafen die verdiente Riesenportion Garnelen (eine Spezialität der Gegend) servieren.

War der erste Tag (20 km) schon ein Highlight, stellt die zweite Etappe (23 km von Palamós nach Begur) noch eine Steigerung dar: Die Küste wird felsiger, der Weg steiler, die Buchten einsamer. Hier lohnt es sich jedenfalls, mit ordentlichem Schuhwerk (und ebensolcher Kondition) ausgestattet zu sein: Es geht bergauf, bergab, mal über Stufen, mal über Stock und Stein. Der Lohn der Mühe tut sich nach vier Gehstunden auf: Der Blick auf das weiße Postkartendorf Calella de Palafrugell. Das soll die viel gescholtene Costa Brava sein? Keine Hochhäuser, keine Riesenhotels, kein Massentourismus, stattdessen niedrige weiße Häuser, zwei gepflegte Sandstrände und ein blitzsauberes Meer. Noch eine Viertelstunde später folgt die nächste Augenweide in Gestalt des 300-Seelen-Ortes Llafranc. Nachdem wir auch noch das dritte pittoreske Fischerdörfchen Tamariu erreicht haben, beschleicht uns ein leichtes Gefühl des Verdrusses: Wieso nur haben wir unsere Unternehmung als reinen Wanderurlaub angelegt?

Unser kleiner, aber hilfreicher Trost: Ohne selbigen hätten wir das Ziel für unseren nächsten ausgedehnten Badeurlaub ganz sicher nicht entdeckt.

Anreise: Der nächste Flughafen ist Girona (ca. 40 km; Flüge von Bratislava mit Ryanair), Alternative ist Barcelona (ca. 120 km)

Strecke: Die beschriebene Strecke ist in zwei bis drei Tagen bequem zu bewältigen. Der Camí de Ronda ist Teil des Fernwanderweges GR 92 und als solcher rot-weiß markiert

Ausrüstung: Halbhohe Wanderschuhe; große Proviantvorräte sind überflüssig, da man immer wieder durch Orte mit der nötigen Infrastruktur kommt.
Beste Wanderzeit: Ganzjährig (Juli und August aber besser meiden)

Veranstalter: Die Costa Brava haben etwa Reiseveranstalter wie Tui oder ITS Billareisen im Programm.

Literatur
– Ulrike Wiebrecht, Costa Brava zu Fuß erleben. Via Reise-Verlag, 144 Seiten, Berlin 2019. 14,95 €
– Sergi Lara, Camins de Ronda. Wanderweg Costa Brava, 224 Seiten, Barcelona 2018, Triangle Books 16,99 €

Auskunft: spain.info, camideronda.com (auch deutsch)