© Armin Arbeiter

freizeit Reise
09/08/2019

Vom Esel, der seine Freiheit erlangte und sich erfolgreich rächte

Mit einem Esel von Bologna nach Florenz zu gehen, birgt einige Überraschungen - vor allem, wenn der Esel ein gutes Gedächtnis hat.

von Armin Arbeiter

Als das Telefon Anni und mich am siebten Tag aus unserem Schlaf reißt, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ich greife schlaftrunken zum Hörer im Hotelzimmer. „Sir, wir haben ein Problem mit Ihrem Esel!“ Die Frauenstimme am Telefon bebt leicht – sie ist ohne Zweifel nervös. Das werde ich auch, während ich versichere, gleich hinunterzukommen. An einem Sonntag. Nach einer anstrengenden Reise.

Doch Horstl, mein Esel, weiß genau, wie er mir die vielen Kilometer, die wir gegangen sind, heimzahlt. Was auch immer er jetzt wieder angestellt hat. Einmal, als wir vor Jahren von Innsbruck nach Rom gewandert sind, hat er den Bonsaibaum eines Gastgebers gefressen. Seufzend ziehe ich mich an, küsse Anni auf die Stirn und gehe hinunter. Die Rezeptionistin deutet verschämt nach draußen.

Fünf Männer umzingeln Horstl, der sich irgendwie von seinem Seil am Olivenbaum befreit hat. Er genießt seine Freiheit, tänzelt beinahe. Einer der Männer will zugreifen, ihn am Hals packen. Leichtfüßig weicht Horstl aus, der Mann stolpert. Horstl nutzt die entstandene Lücke, läuft weg, ehe er sich umdreht und uns herausfordernd anblitzt.

Fünf Tage lang haben wir auf unserem Weg von Bologna nach Florenz Gipfel erklommen, Bäche überquert, insgesamt hundertdreißig Kilometer zurückgelegt. Die Besitzer des Hotels am Rande von Florenz haben uns mit Freuden aufgenommen, Horstl einen Platz unter einem Olivenbaum liebevoll hergerichtet, Stroh und Karotten gebracht. Von früheren Reisen weiß dieses verschlagene Tier, wie es Menschen, die ihm mit bedingungsloser Liebe begegnen, austricksen kann.

„Er war so ein Armer, ein Poverino! Er hat sich in seiner Leine verfangen, da wollte ich ihn kurz abhängen und die Leine entwirren“, sagt ein älterer Herr mit schuldbewusstem Blick. „Als er gemerkt hat, dass er frei ist, hat er mich umgestoßen und ist auf und davon.“

Ich muss laut auflachen. Horstl kann sich innerhalb von dreißig Sekunden mit Leichtigkeit selbst entfesseln, doch wenn die Freiheit winkt, werden Esel kreativ. Ich sehe es vor mir: Große Augen, hektisches Zappeln und dann ein „I-Ah“, das Steine zum Schmelzen bringt. Natürlich konnte der Mann nicht anders.

„Kein Problem“, lache ich, nehme das am Boden liegende Halfter und gehe langsam auf Horstl zu.

Einen Esel einzufangen ist kein großes Kunststück. Es sei denn, die Situation erfordert, dass er rasch eingefangen werden muss – wie jetzt: Immer mehr Hotelgäste stecken die Köpfe aus den Fenstern, aus einem Sportwagen steigt ein amerikanisches Pärchen, das nicht weiß, ob es Zeuge eines traditionellen italienischen Ritus oder eines tierischen Amoklaufs ist.

Aufgeregte Menschen, ein riesiger Garten voll von Olivenbäumen über den Dächern von Florenz – nie gab es eine bessere Kulisse für einen Esel, sich sprichwörtlich wie einer aufzuführen. Ich umklammere das Halfter fester. Und dann fällt mir ein: Er hat noch eine Rechnung mit mir offen. Meine Fingerknöchel werden weiß.

Eselbonus

Als wir Horstl am ersten Tag von seiner Wiese in Tirol abholen, trottet er zutraulich auf uns zu, lässt sich das Halfter anlegen und folgt uns zum Pferdehänger. Nach sechshundert Kilometern sind wir keine drei Minuten am Bauernhof nahe Bologna, umringen ihn schon verzückte Kinder, die ihn zaghaft streicheln.

Ihre Eltern versorgen uns mit Pizza und Horstl mit Karotten. Wir nennen dieses Phänomen „Eselbonus“: Freude in die Herzen der Menschen, Nahrung in die Bäuche von uns. Ein fairer Deal, von dem alle profitieren – auch Horstl.

Ein traumhafter zweiter Tag bricht an. Die Sonne taucht die sanften Hügel in goldenes Licht, während wir losmarschieren. Horstls Ohren zucken in alle Richtungen – ein Zeichen, dass er neugierig ist. Abenteuerlustig. Nach keinen zweihundert Metern versperrt uns ein gusseisernes Tor den Weg.

Links verläuft ein ehernes Gitter so weit das Auge reicht, rechts geht es steil bergab in ein Tal, wo das Gitter ganz unten endet. Es ist kein Mensch in Sicht, der uns das Tor öffnen könnte.

Wie Esel Hürden überwinden

„Das erste Hindernis kam aber schnell“, lacht Anni, während sie Horstl die Satteltaschen abnimmt. In Erwartung solcher Hindernisse haben wir geplant, was zu tun ist. Anni klettert mit dem Gepäck über die Mauer, ich umgehe sie – wenn möglich. Auch wenn es in diesem Fall bedeutet, hundertfünfzig Höhenmeter ab- und dann wieder aufzusteigen.

Das Gras ist meterhoch, von Horstl sehe ich nur die Ohren, während er brav hinter mir hertrottet. Ich bin erleichtert: Noch immer ist seine Abenteuerlust größer als die Bequemlichkeit und das, obwohl er seit der letzten Reise einige Kilo dazubekommen hat. Auch der Aufstieg aus dem Tal verläuft reibungslos, Anni erwartet uns grinsend.

Nach einer langen, aber ruhigen Etappe durch Kornfelder und Wälder kommen wir Abends auf einem Reiterhof an. Wir malen uns aus, wie glücklich Horstl auf der Koppel grasen wird. „Scusa, alle Koppeln sind belegt, ich kann ihm nur eine Pferdebox anbieten“, zerstört die Besitzerin unsere Träume. Pferde. Horstl hasst den Geruch dieser Boxen.

Doch es geht nicht anders. Außerdem können wir ihm dort wenigstens sein Halfter abnehmen. Gutgläubig trottet Horstl mir nach, betritt sogar die Box, nichts Böses ahnend. Erst als die Schiebetür ins Schloss fällt, wird ihm schlagartig bewusst, dass er in der Falle sitzt. In einer Pferdebox! Durch die Gitterstäbe sehe ich, wie er mit den Augen rollt, höre wie er schnaubt, beinahe winselt. Doch es ist für ihn das Beste: Wasser, Heu, ein Dach über dem Kopf. Ich versuche, nicht zurückzuschauen, als ich den Stall verlasse.

Früh am Morgen des dritten Tages schleiche ich mich wieder in den Stall. Horstl liegt friedlich eingerollt auf seinem Lager aus Stroh. Er hat die Nacht also doch genossen. Als er mich hört, springt er auf, als wäre er bei etwas ertappt worden. Als hätte er mir in der Früh zeigen wollen, wie schlimm die Nacht für ihn gewesen sei.

Pokerface

Die ganze Reise über hat er sich nichts anmerken lassen. Dass er hin und wieder noch langsamer als gewöhnlich gegangen ist, war kein Problem: Anni musste nur singend hinter ihm gehen und Horstl kam wieder auf seine Spitzengeschwindigkeit von vier Kilometern pro Stunde. Natürlich nur, weil ihn der Gesang so motiviert hat.

„Hoorstl“, flöte ich in beruhigendem Tonfall und gehe langsam auf ihn zu. Schritt für Schritt. Er mustert mich schnaubend, geht einen Schritt zurück. Er ist so auf mich konzentriert, dass er nicht merkt, dass er der Mauer immer näher kommt. Als er es merkt, ist es zu spät. Einmal noch versucht er, an mir vorbei zu springen, aber da habe ich schon meine Arme um seinen Hals gelegt und ihm das Halfter übergestülpt.

Ich führe Horstl zu seinem Olivenbaum, binde ihn an und setze mich neben ihn. „Jetzt sind wir quitt, Du Esel“, flüstere ich ihm zu, während Anni mit einer Karotte aus dem Hotel kommt.