Reise
16.04.2018

Taiwan und seine Schätze

Schlemmen wie der Kaiser in China, heiß baden am Sonne-Mond-See und „Raubkunst“ vom Feinsten in Taipeh.

Made in Taiwan“ stand jahrzehntelang auf vielen Elektronikartikeln: Billig in der Herstellung, leistbar für jedermann. Ältere Semester kennen die Insel unweit des chinesischen Festlands noch als Formosa.

Kennen ist vielleicht zuviel gesagt. Denn am Anfang einer Taiwan-Reise steht wohl für die meisten, so wie für den Autor, die Erkenntnis: Ich weiß, dass ich über Taiwan so gut wie nichts weiß. Die private Airline des Landes, Eva Air, fliegt die taiwanesische Hauptstadt Taipeh seit kurzem drei Mal pro Woche von Wien nonstop an. Der erste Direktflug Mitte März bot die perfekte Gelegenheit, einen weithin unbekannten Fleck der Erde bequem kennenzulernen.

Dank geschickt getimtem Nachtflug lässt sich der Jetlag (Winterzeit: plus sieben Stunden) schnell wegstecken. Taipeh ist auf den ersten Blick nicht schön, aber eine auf- und anregende Stadt. Einzigartig sind die Kunstschätze, die der nach wie vor als Nationalheld verehrte Chiang Kai-Shek nach dem verlorenen Bürgerkrieg gegen den Anführer der chinesischen Revolution, Mao Tse Tung, ins Exil mitnahm.

Festlandchinesen reisen heute massenhaft an, um die aus ihrer Sicht „ Raubkunst“ im Nationalmuseum von Taipeh zu bewundern. Die spektakuläre Sammlung ist auch für westliche Besucher, die China verstehen wollen, ein Muss.

Gustieren

Dichter Verkehr zu den Stoßzeiten, aber keine Spur von Chaos oder wildem Gehupe. Taipeh, aber auch die anderen besuchten Städte im Land, spiegeln wider: Hier paaren sich die sonnigen Seiten des alten Asiens mit den neuen Zeiten. Futuristisch anmutende Wolkenkratzer neben architektonisch anmutigen Hochhäusern.

Der 101-Tower, bis zum Bau des Burj Khalifa 2007 in Dubai, mit 508 Metern einst das höchste Gebäude der Welt. Vom 89. Stock aus hat man einen fantastischen Rundblick über die ganze Stadt.

Im Erdgeschoß des Gebäudes, das für den ungebrochenen Aufstiegswillen der Insel steht, präsentiert sich das traditionelle Taiwan von seiner besten Seite. Im „ Din Tai Fung“ werden Xiaolongbao, Dim-Sum-artige und mit Köstlichkeiten gefüllte Teigtaschen gegart. Sie werden in Bambus-Dampfkörben serviert, aus denen sich alle am runden Tisch Sitzenden nach Herzenslust bedienen. Wer will kann sich die Wartezeiten vor den Glaswänden der Schauküche verkürzen: Wie im Tech-Labor von Kopf bis Fuß weiß eingekleidete Männer rollen hier in klinisch gekachelter Umgebung den Teig aus, schneiden ihn in kleine Dreiecke, füllen sie und formen sie behändig zu mundgerechten Happen.

10.000 Teigtaschen werden hier täglich mit Gemüse, Garnelen oder Fleisch gefüllt. Am besten geht die pikant-saftige Schweinefleisch-Füllung.

Herumreichen, gustieren und teilen gehören zu jedem Taiwan-Menü. Es kann im Laufe eines Lunchs bis zu einem Dutzend unterschiedlich Gerichte umfassen. Von Wasserkastanie in Hühnersuppe über kross gebratene Qualle bis himmlisch gewürzte Melanzani. Die Lust, alles zu verarbeiten, was die Geschmackssinne reizt, kennt offenbar keine Grenzen.

Ein seit längerem in Taipeh lebender Österreicher schwärmt vom Fisch-Sperma, das er jüngst als Sushi angeboten erhielt. Dass an vielen Ecken Garküchen zu beinahe jeder Tageszeit und auf den nächtlichen Märkten in Hülle und Fülle zu Ess-Abenteuern einladen, versteht sich in einem asiatischen Land zudem von selbst.

Gondeln aus Österreich

So sichtbar die Lust am Essen gelebt wird, so selbstverständlich ist auch, dass in der U-Bahn weder Essen noch Trinken erlaubt sind. Obwohl es die Taiwanesen nach einem halben Jahrhundert (bis 1950) Besetzung durch die Japaner nicht gerne hören: Auch in Bahnhöfen und Zügen herrscht japanisch anmutende Disziplin. Die Ein- und Ausstiegspunkte sind samt Pfeilen für den Verlauf der Warteschlangen exakt markiert. Wer heimische Verhältnisse gewohnt ist, bleibt angesichts der Pünktlichkeit, des friktionsfreien Passagierwechsels, der unauffällig hohen Geschwindigkeit und des unprätentiösen Komforts nachhaltig beeindruckt.

Mit durchschnittlich 230 km/h braust der Zug von Taipeh an der Nordspitze bis nach Taichung in der Inselmitte. Von hier ist es ein Katzensprung an das einzige große Binnengewässer Taiwans, den Sonne-Mond-See. Eingebettet zwischen dicht bewaldeten Hügeln lädt das Gewässer zu Radtouren rund um den See ein. Wer’s bequemer haben will, genießt die Aussicht aus einer Kabine der österreichischen Lift-Paradefirma Doppelmayr. Die asiatisch kunterbunten Gondeln verfügen für Schwindelfreie auch über Kabinen mit Glasboden. Sie gondelt nicht zu einer Bergspitze, sondern quer durch die Landschaft und macht zwischendurch für Interessierte bei einem nachgebauten Eingeborenendorf Halt.

Hotsprings im Zimmer

Die anliegenden Hotels sind auf Wellness-Urlauber eingestellt und bieten „Hot Springs“. Männer und Frauen tauchen in getrennte Bäder aus heißen Quellen ein. Wer will, kann auch für sich allein im Hotelzimmer ein „Hot Spring“-Bad genießen.

Allein: Baden im vor der Haustür liegenden See ist nur an einem einzigen Tag im Jahr erlaubt – zum Schutz der Natur.

Taiwan ist halb so klein wie Österreich, aber dreimal so dicht besiedelt und auf seine Natur-Reservate sehr bedacht. 22 der 23 Millionen Menschen leben dicht an dicht an der gut erschließbaren Westküste. In der Inselmitte dominieren Berge, die Ostküste bietet unberührte, aber schwer nahbare Natur.

Taiwan hat nichts allein an Besonderheiten, aber einen Mix zu bieten wie er sonst nirgendwo auf einmal zu finden ist: Sehr freundliche Menschen, sehr schöne Landschaften und sehr gutes Essen“, sagt die leitende Mitarbeiterin des „Österreich-Büros“ in Taipeh, Margit Loidolt. Sie hätte keinen Grund mehr, den Taiwanesen zu schmeicheln. Sie wechselt im Sommer turnusgemäß auf ihren nächsten Vertretungsposten, Indien.

Österreich unterhält, so wie bald die ganze Welt, keine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan. Selbst der Vatikan ist gerade dabei seine Botschaft zu schließen und die Beziehung zu Taiwan downzugraden. Papst Franziskus hofft dafür bessere Bedingungen für die Minderheit der Katholiken in Festland-China einzutauschen.

Konfuzianismus

Die tiefen historischen Wurzeln des Konfuzianismus sind am deutlichsten in Tainan, der ursprünglichen Hauptstadt im Süden der Insel, zu spüren. Jahrhunderte alte Tempel laden zur Einkehr ein. Die Besinnung auf uralte Traditionen wie Zen und Meditation gehören auch bei global denkenden Unternehmen wie der Eva Air auch im Spitzenmanagement zum geistigen Handwerkszeug und werden in den Firmenalltag eingebettet.

Es ist das sympathisch unaufgeregt und selbstverständlich gelebte Miteinander von Traditionsbewusstsein und Fortschrittsglaube, das als nachhaltiger Eindruck einer siebentägigen Rundreise zurückbleibt. Und einen mit dem Wunsch zurücklässt, bald wiederkehren zu können, um mehr davon mit nach Hause nehmen zu dürfen.

Info

Anreise Direktflüge  von Wien, 3 x/Woche   nach Taipeh (Mo, Do, Sa) mit Eva Air und 4x/Woche  mit Zwischenstopp in Bangkok. Taipeh ist damit auch endgültig zu einem Drehkreuz  für etwa  auf die Philippinen weiterreisende Europäer geworden.
Preise Wien-Taipeh: ab 720 € p. P.  in der Economy Class, ab 1010 €  in der Premium Economy Class und ab 2170 €  in der Royal Laurel Class (=Business Class). Diese Preise gelten auch für die Flüge via Bangkok. www.evaair.com.  

Beste Reisezeit für Taiwan im Frühjahr und Herbst. Im Sommer kann es auch in den Bergen sehr heiß und schwül werden.

Sehenswert Konfuzius-Tempel Tainan: Einer der ältesten religiösen Weihestätten (errichtet im 17. Jh.)
– Nationalmuseum   Taipeh: Einmaliger Überblick über die Kunstschätze aus ganz China, von   3500 Jahre alten Jade-Skulpturen  über Porzellan, Elfenbeinschnitzereien und Bronzen bis zu Tausenden seltenen  Büchern.

Währung Neuer Taiwan Dollar (NTD): 1,00 EUR = ca. 36,00 NTD  

Zeitunterschied +7 Stunden (12:00 in Taipeh = 17:00 in Wien) während der Winterzeit. +6 Stunden  während der Sommerzeit

Impfungen Es sind keine Impfungen für Reisen nach Taiwan erforderlich.

Essen Vielfältige chinesische Küche in Garküchen auf der Straße, auf Märkten und in Restaurants.

Auskunft www.taiwantourismus.de