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Reise
08/12/2019

Amorgos: Kykladeninsel abseits des Touristentrubels

Die östlichste Kykladeninsel in Griechenland liegt am Wendepunkt. Jetzt müssen die Insulaner sich entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen, um nicht ihren authentischen Charakter zu verlieren.

Die Fähre leert sich da, wo Touristen aus aller Welt sich auf die Suche nach dem perfekten Instagram-Foto machen: Santorin. Schon vom Hafen aus ist erkennbar, dass die Insel aus allen Nähten platzt: Menschenmengen, Willkommensschilder und Reisebusse, die sich die steile Inselstraße hinaufschrauben. Wer jetzt sitzen bleibt, wird nicht einmal eineinhalb Stunden später in einer gänzlich anderen Welt von Bord gehen: auf der Insel Amorgos. Die äußerste Kykladeninsel liegt nordöstlich der Touristenhochburg Santorin, ist rund dreiunddreißig Kilometer lang und bis zu sechs Kilometer breit. Ein mit wilden Kräutern und endemischen Pflanzen überwucherter Fels, über den sich eine Handvoll Bergdörfer und Ortschaften verteilen.

Amorgos ist keine typische Stranddestination, hierher zieht es vor allem Wanderer, Naturliebhaber und Sinnsuchende. Natürlich ist der Tourismus auch hier längst angekommen, vor allem seit im Jahr 1988 der französische Taucherfilm „Le Grand Bleu“ gedreht wurde. Beliebtestes Fotomotiv ist das Kloster Panagia Chozoviotissa, das wie ein Adlerhorst in einer Steilklippe hängt. Aber abseits der kurzen Hochsaison im Juli und August geht es recht beschaulich zu. Viele Besucher fühlen sich von der Atmosphäre angezogen, manche kommen immer wieder, seit dreißig Jahren. Andere haben ihren Job in Frankreich, Schweden oder Deutschland gekündigt und sich auf dem Eiland niedergelassen.

In den letzten Jahren erleichtern schnellere Fähren und ausgebaute Flugverbindungen auf im Umkreis liegende Inseln wie Santorin oder Mykonos die Anreise. Das Eiland wird auf der touristischen Landkarte sichtbarer. Das bringt Herausforderungen mit sich. Und einen Schlag von Besuchern, den es bisher nicht gab. „Diese Gäste stellen hohe Ansprüche, die so ein authentisches Dorf wie unseres nicht erfüllen kann“, klagt Alix Cluet. Die 33-jährige gebürtige Französin kennt die Insel seit ihrem dritten Lebensjahr, seit 2011 lebt sie das ganze Jahr über hier. Mit ihrer Agentur „Find in Greece“ bietet sie lokale, authentische Urlaubserlebnisse im Bergdorf Langada und auf der gesamten Insel an: Wanderungen, ein Besuch beim Imker, eine Kräutertour.

Als Touristikerin müsste sie sich eigentlich über steigende Besucherzahlen freuen. Die Erwartungen und Einstellungen so mancher neuen Gäste bereiten ihr und ihrer griechischen Geschäftspartnerin Semeli Drymoniti aber Sorgen. Egal, ob Essen, Betten oder Gastronomie – alles soll möglichst perfekt und fototauglich sein. „Das Problem ist, dass die lokalen Unternehmer versuchen, sich diesen Wünschen anzupassen, sagt Drymoniti. Ihre Befürchtung: „Wir sind uns nicht sicher, ob das, was man in ein paar Jahren als Amorgos wahrnehmen wird, noch das echte Amorgos sein wird.“ Nachsatz: Freilich solle man mit der Zeit gehen. Aber es brauche eine Balance zwischen lokalem, authentischen Leben und touristischen Angeboten.

Tourismus spaltet die Inselbewohner

Auf der Insel gab es bislang kein Konzept für den Tourismus, auch kein offizielles Tourismusbüro. Der Fremdenverkehr ist dahingeplätschert, hat sich gemächlich weiterentwickelt. Aber die Umstände ändern sich gerade. Wichtige Entscheidungen stehen an. Das spaltet die nicht einmal 2.000 Bewohner: Die einen wollen Amorgos davor schützen, zu einem Hotspot à la Santorin mit all seinen negativen Folgen zu werden. Die anderen sehen es als lukrative Chance, wenn immer mehr Menschen die Insel besuchen. Ende Mai haben in Griechenland Wahlen stattgefunden. Im September tritt auf Amorgos die neue Lokalregierung mit neuem Bürgermeister an. Sie besteht zu einem großen Teil aus jungen, motivierten Einheimischen, die Dinge aktiv anpacken wollen. Auch Semeli Drymoniti hatte sich bei der Wahl engagiert. „Wir brauchen ernsthafte Diskussionen darüber, wie es mit unserer Insel weitergeht“, sagt sie.

Davon ist auch die 33-jährige Maria Nomikou überzeugt. Ihre Eltern stammen von hier, aufgewachsen ist sie in Athen, die Sommer hat sie auf der Insel verbracht. Vor sieben Jahren hat sie in Langada das Café Pergalidi eröffnet, mittlerweile bleibt sie auch die meisten Winter über hier. Wann immer sie Zeit hat, besucht sie ihren Lieblingsstrand Levrossos, um eine Runde zu schwimmen. Aber auch die Strände sind aktuell ein heikles Thema. Amorgos ist gebirgig und hat nur eine Handvoll kleine Buchten. Ein paar davon sind bereits mit Liegen und Sonnenschirmen ausgestattet. In Zukunft könnten es viel mehr sein, ein neues Gesetz erleichtert das. Für Maria ist das eine traurige Vorstellung. „Ein paar Liegen sind kein Problem, aber wenn alle unsere Strände damit voll sind, kommt das einer Privatisierung gleich und würde den Charakter der Insel verändern.“

Engagement für nachhaltige Lösungen

Die Insel steht an einem Wendepunkt. Langsam bilden sich Gruppierungen, die sich aktiv für einen nachhaltigen touristischen Weg einsetzen wollen. Auch Maria Nomikou ist mit von der Partie, sie will künftig Lösungen für Themen wie Wasserversorgung, Müllmanagement oder medizinische Versorgung vorantreiben. Immer wieder tun sich Leute zusammen, um die Strände von Plastik zu befreien. Die inselübergreifende Initiative „A.C. Laskaridis“ setzt sich gegen Plastikmüll und für Mehrwegbecher ein. Es gibt erste Projekte im Ökotourismus.

Im Hafenort Katapola haben junge Leute einen kleinen botanischen Garten aufgebaut. Sie informieren über endemische Pflanzen und verkaufen getrocknete Kräuter. Im Bergdorf Lagada werden Blüten und Kräuter in einer Destillerie zu Kräuterauszügen, Ölen und Seifen verarbeitet. „Es wäre schön, wenn wir in diese Richtung weitergehen würden“, sagt Alix Cluet. Sie wünscht sich den Erhalt der lokalen Traditionen und Lebensart: Dass sich die Leute nach der Arbeit in einem Kafenion (traditionelles griechisches Kaffeehaus) treffen und für die Dorffeste gemeinsam kochen. Gerne auch zusammen mit Besuchern, die das authentische Inselleben schätzen.

Typisch Amorgos: Drei Beispiele

Fava: Das „Arme-Leute-Essen“ wird nicht nur in der Fastenzeit gegessen und fehlt auf keiner Speisekarte. Zum veganen Aufstrich aus gelben Linsen, Olivenöl, Zwiebeln, Zitronensaft und Salz wird traditionell Brot gereicht. Moderne Varianten gibt’s mit sonnengetrockneten Tomaten, karamellisierten Zwiebeln oder Lauch.

Panagia Chozoviotissa: Das in einem Felshang über dem Meer gebaute Kloster soll im 9. Jahrhundert von geflüchteten  Mönchen aus Palästina gegründet worden sein. Heute leben noch drei Geistliche hier, die Gäste mit Rakomelo (Raki mit Honig) bewirten und einen Klosterladen betreiben. Tipp: Nach einer  Wanderung von Aegiali zum Kloster in der Steinbucht von Agía Ánna baden.

Thymian: Im Frühsommer duftet es überall  nach Wildkräutern wie Thymian oder Salbei, dazwischen wächst meterhoch wilder Fenchel. Auffällig sind die blühenden Thymianbuschen, die auf Bergkuppen und den sandigen Böden in Strandnähe gedeihen. Im Bioladen Kelari am Hafen von Aegiali gibt es manchmal feinen Thymianhonig zu kaufen.

Anreise
Flug nach Athen, Santorin, Mykonos oder Naxos. Die Fahrt von Athen dauert sechs bis acht Stunden, von den Inseln ist es kürzer. Häfen gibt es in Katapola und Aegiali. ferryhopper.com

Beste Reisezeit
Zum Wandern eignen sich die Monate von März bis Juni sowie September und Oktober. Im Juli und August kommen am meisten Strandurlauber, dann herrscht Trubel und die Zimmerpreise sind am höchsten

Touren und Buchung
findingreece.com, info@findingreece.com

Auskunft
visitamorgos.com, amorgos.gr