Reise
02.01.2017

Aarhus: Buntes Panorama in der Kulturhauptstadt

Als Kulturhauptstadt 2017 tritt Aarhus aus dem Schatten der großen Schwester Kopenhagen. Eine Symbiose aus alt und neu.

Für Städtereisende ist Aarhus 2017 ein Top-Kandidat. Schon 2016 räumte Lonely Planet der zweitgrößten Stadt Dänemarks einen Platz auf der Top-10-Liste der lohnendsten Ziele in Europa ein. Der Reise-Riese erkannte die Vielfalt: Auf überschaubarem Raum bietet Aarhus Wikinger, atemberaubende Architektur, Weltklasse-Restaurants, die ansteckende dänische Entspanntheit und macht der Hauptstadt Kopenhagen Konkurrenz. 2017 kommen 350 kulturelle Veranstaltungen hinzu, wenn Aarhus gemeinsam mit dem zypriotischen Paphos (siehe rechts) Kulturhauptstadt Europas ist.

"Rethink", umdenken, lautet das Motto des Kulturjahres. Die Kultureinrichtungen aus Aarhus und Umgebung steuern dem Programm Projekte bei, die mit den Grenzen der Kunstformen, Sprache und nicht zuletzt der Räumlichkeiten spielen. Das für Design und innovative Stadtplanung bekannte Dänemark ist ein guter Nährboden für Ideen wie eine kilometerlange Kunstmeile oder eine auf dem Dach eines Museums aufgeführte Wikingersaga. Das Symphonieorchester verquickt Wissenschaft mit klassischer Musik und gibt dem Vorstoß ins All eine Melodie.

Schrebergärten im "Eis"

Besonders gut sichtbar wird das Umdenken an der modernen Aarhus-Architektur. Viereckige Häuser? Da geht noch mehr. In der Seestadt "Aarhus Ö" prägt der Eisberg-Komplex mit spitz zulaufenden Bauten und türkisen Balkonen die Silhouette am Wasser. Ein Stück Ländlichkeit bewahren sich die Bewohner der betonlastigen Anlage in ihren mobilen Schrebergärten: Zwischen Häusern und Uferpromenade entfaltet sich ein Meer an Holzkisten, in denen Familien Kräuter und Gemüse anbauen. Ein Paar dehnt sich nach der Joggingrunde am Rand seines Beetes, die Frau erntet eine handvoll Erdbeeren, dann verschwinden sie im Eisberg.
In den Wäldern vor Aarhus ist vor zwei Jahren ein modernes Geschichtsmuseum aus dem Boden gewachsen: Das Moesgaard Museum liegt halb unterirdisch, bedeckt von einem schräg aus der Erde strebenden, grasbewachsenen Dach. Der Mensch wird dort eins mit seinem Ursprung. Und drinnen vergeht die Zeit, wenn man über den weich nachgebenden Boden zur achttausend Jahre alten Moorleiche namens Grauballe-Mann geht, den Wikingern auf ihren Handelsreisen folgt oder mit den ersten Migranten durch die Steinzeit wandert. Animationen, persönliche Geschichten und das dramatische Design zeigen, wie Geschichte unter die Haut gehen kann.
Einen rosaroten Blick auf die Welt hat man aus dem Regenbogen-Panorama auf dem Dach des Kunstmuseums ARoS. Als ob das Museum mit zehn Etagen minimalistischer Architektur, der überlebensgroßen Skulptur "Boy" und der zwei Jahrhunderte durchschreitenden Gemäldegalerie nicht schon spektakulär wäre, hat der isländisch-dänische Künstler Olafur Eliasson noch ein begehbares Kunstwerk obenauf gesetzt: "Your Rainbow Panorama" ist eine kreisförmige, von buntem Plexiglas umgebene Aussichtsplattform.

Zu Hause bei den Hippies

"Die alte Stadt" ist eine Parallelwelt neben dem modernen, pulsierenden Aarhus. Gemeint ist nicht etwa der mittelalterliche Stadtkern, sondern ein aus Gebäuden verschiedener Epochen zusammengestelltes Freilichtmuseum für Stadtkultur, angeblich das Erste seiner Art. Im Eintritt sind historische Schmankerln wie Kohleintopf und Bier nach einem Rezept aus 1860 inkludiert. Die Häuser der 30 Handwerker zeigen, wie eng Beruf und Privatleben vor der Industrialisierung zusammenhingen. Im Haus eines Kaufmanns schwirren die Mitarbeiter umher, im Anwesen des Bürgermeisters beeindrucken die trügerischen Wandmalereien und Schous Seifenladen hatte lange das Monopol auf Kosmetikprodukte.

Ein neu eröffneter Teil wagt den Sprung in die Neuzeit: In einem Wohnhaus von 1974 leben Hippies und eine konservative Arztfamilie nebeneinander, in den Keller des Nachbarhauses ist der einst weltberühmte Jazzclub Bent J. eingezogen. Freitags erklingen noch die Rhythmen, die in den 1950er-Jahren amerikanische Jazzmusiker nach Aarhus gelockt hatten. Im Kulturhauptstadtjahr besinnt man sich mit einem unterirdischen Bereich auf die Anfänge der Stadt, die Wikinger als Hafenstadt Aros, übersetzt Flussmündung, gegründet hatten.

Natürlich gibt es auch eine richtige Altstadt. Als Latinerviertel bekannt, lebt Aarhus’ historisches Zentrum von der warmen Atmosphäre zwischen Häusern in Gelb und Orange und zahllosen Geschäften, Cafés und Restaurants. Kulinarisch tritt Aarhus aus dem Schatten der Hauptstadt Kopenhagen, das seit "Noma" als Epizentrum der New Nordic Cuisine gilt. Seit der Guide Michelin 2015 erstmals über die Grenzen der skandinavischen Hauptstädte hinwegschaute, tragen drei Lokale in Aarhus einen Stern, darunter das Gastromé in der Altstadt. Einen gedankenweckenden Kulturtag lässt man günstiger in einem der Schanigärten entlang des Aarhus-Kanals ausklingen. Aarhus, so scheint es, gleitet sicher durch die Geschichte und wird doch immer jünger.

The garden Das Museum für moderne Kunst ARoS verwandelt Teile der Stadt in eine offene Galerie. Eine Strecke von vier Kilometern wird im Sommer zur Kunstzone.

Die rote Schlange Das Wikinger-Spektakel unter freiem Himmel wird der Höhepunkt des Kulturjahres. Im Sommer zeigt das Dänische Königliche Theater die Saga unter freiem Himmel, auf dem grasbewachsenen Dach des Moesgaard Museums. Tickets: kglteater.dk

Tree of codesModernes Ballett mit einer Bühnengestaltung vom Licht- und Farbenmeister Olafur Eliasson im Konzerthaus von Aarhus.

Aarhuser Geschichten Das Freilichtmuseum "Den gamle by" bekommt Zuwachs – und zwar unterirdisch. Die neue Ausstellung zeigt Aarhus von der Gründung als Wikingerdorf, durch das Mittelalter bis zur lebendigen Handelsstadt.

Origins2017 Das Symphonieorchester Aarhus gibt den großen Entdeckungen der Wissenschaft einen Klang. Zu hören gibt es vier Musikstücke an verschiedenen Orten in und um Aarhus. Tickets: origins2017.com

The people's feast Dänische Spezialitäten auf einer Hunderte Meter langen Tafel. Bei dem Foodfestival von 1.–3. September werden alle satt.

Image storm Die Reformation veränderte das religiöse Leben in Nordeuropa und den Umgang mit Bildern. Drei Museen, darunter das Frauenmuseum, fragen: Was können Bilder?

AnreiseZ. B. mit Austrian und SAS über Kopenhagen (ca. 250 €). Mit dem Bus ins Stadtzentrum, Abfahrt ca. 15 Min. nach der Landung (30 €). Alternative: Flug nach Kopenhagen (ca. 200 €) und weiter mit dem Zug (ab 30 €; alle Richtpreise jeweils hin und retour).

Unterwegs Die Aarhus-Karte bietet für 24 oder 48 Stunden freie Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und Rabatte bei den Attraktionen. 20–25 €.
– Typisch dänisch mit einem Fahrrad. Ab 12 €/ Tag. cycling-aarhus.dk, bikes4rent.dk

Shopping HAY: Dänisches Design in fröhlichen Farben und reisefreundlichem Format. Rosenkrantzgade 24.
– Skagen: Uhren und Taschen in schlichtem Design. Søndergade 42.
– Salling: Das Kaufhaus versorgt Aarhus seit 110 Jahren mit Neuheiten aus Mode und Einrichtung.Søndergade 27.

Essen und Trinken Im Latinerviertel, Aarhus’ Altstadt, haben Sie die Wahl zwischen Cafés, typisch dänischen Restaurants und gehobener Küche.
– Hos Sofies Forældre: Wie "bei Sofies Eltern" fühlt man sich im Café mit Interieur aus den 70er-Jahren. Fredriksgade 74.
– Café Drudenfuss: Beliebtes Lokal, das man an seiner üppig-grünen Fassade erkennt. Graven 30.
– Mefisto: Fischrestaurant und Weinbar in der Einkaufsgasse Volden. Volden 28.
– Gatromé: Eines von drei Sterne-Lokalen in Aarhus. Rosensgade 28.

Museen Moesgaard Museum: Interaktives Museum für frühe Geschichte.
– AroS: Kunstmuseum, das alle Vorlieben bedient. Das Regenbogen-Panorama auf dem Dach ist einmalig.
– Den Gamle By (Die alte Stadt): Freilichtmuseum für Stadtgeschichte, in dem man vergangene Lebens- und Wohnformen detailgetreu erlebt. Schilder auf Deutsch.
Frauenmuseum: Im für Gleichberechtigung bekannten Skandinavien die politische Geschichte der Frauen kennenzulernen, ist lehrreich. Gratis Eintritt.
– Besetzungsmuseum: Im ehemaligen Gestapo-Hauptquartier holt einen Europas dunkle Vergangenheit ein.

Buchtipp Aarhus. Stadt des Lächelns von Kristen Benning (epubli-Verlag), ab 17,90 €.

Infos aarhus2017.dk/de, visitaarhus.de