Politik
16.01.2012

Nigeria: Die Lunte am Pulverfass brennt

Ein blutiger Krieg der Religionen und harte Proteste wegen hoher Spritpreise bringen den afrikanischen „Koloss“ ins Wanken.

Als ich die Bar verließ, sah ich drei Männer hereinkommen. Dann hörte ich Schüsse und rannte um mein Leben.“ Dauda Waziri konnte dem Gemetzel im Nordosten Nigerias entrinnen, acht andere Gäste des Lokals nicht: Sie starben im Kugelhagel der Angreifer, die von der radikal-islamischen Gruppe „ Boko Haram“ geschickt worden waren.

„Westliche Bildung ist Sünde“

Blutbäder wie dieses in der Vorwoche gehören derzeit zum Alltag in dem afrikanischen Land – seitdem die extremistische Truppe (ihr Name bedeutet „Westliche Bildung ist Sünde“) eine Offensive zu Weihnachten gestartet hat. Im Visier der „nigerianischen Taliban“ stehen die 60 Millionen Christen, die im Norden die Minderheit darstellen und von „Boko Haram“ ultimativ aufgefordert wurden, die Region zu verlassen. Seit dem Heiligen Abend wurden mehr als 100 Christen getötet. Aber auch Moscheen brannten bereits. Vor allem der „Mittelgürtel“, wo es auch Streit um fruchtbares Land gibt, gilt als Pulverfass.

Da sich die Gewaltspirale ungebremst dreht, haben schon Tausende Christen ihre Heimat im Norden Nigerias verlassen. Umgekehrt haben sich 10.000 muslimische Bürger aus dem Süden in den Norden geflüchtet. Viele sprechen von „ethnischen (und religiösen) Säuberungen“. Nigerias Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka warnt: „Wir sehen, dass die Nation auf einen Bürgerkrieg zusteuert.“ Zusätzlich angeheizt wird der konfessionelle Konflikt von Stammesinteressen der über 400 Ethnien.

Die Regierung unter Goodluck Jonathan scheint der Entwicklung nichts entgegenzusetzen zu haben. Im Gegenteil: Erst jüngst musste der (christliche) Staatschef eingestehen, dass Radikal-Islamisten staatliche Institutionen unterwandert haben: „Manche sind im Parlament, einige in der Armee und bei der Polizei. Du weißt es einfach nicht.“

Zulang wurden die Extremisten nicht ernst genommen. Spätestens aber, seit ihnen im August 2011 ein verheerender Anschlag in der Hauptstadt Abuja „gelang“, sind sie ein Machtfaktor: Vor dem UN-Quartier sprengte sich ein Attentäter in die Luft und tötete 23 Menschen.

Die Kampf- und Hetzparolen von „Boko Haram“ (kriminelle Banden agieren als Trittbrettfahrer) fallen im verarmten Norden auf fruchtbaren Boden. Seit jeher fühlen sich die muslimischen Bewohner dieser Region vom christlichen Süden, wo die Haupteinnahmequellen des Landes – die Ölfelder – liegen, benachteiligt. Tatsächlich fällt der Norden in einigen Parametern klar hinter den Süden zurück. So fristen drei Viertel der „Nordländer“ mit einem Jahreseinkommen von 155 Euro ein Dasein weit unter der Armutsgrenze.

Mit diesen 0,4 Euro pro Tag können sich die verelenden Massen nicht einmal einen Liter Benzin leisten, der sich mit 1. Jänner auf 0,67 Euro mehr als verdoppelt hat. Der Grund dafür: Die Regierung hat die Subventionen gestrichen. Seit Tagen steigen deswegen im ganzen Land die Menschen auf die Barrikaden, Streiks lähmen den größten afrikanischen Erdöl-Exporteur – und bringen Präsident Jonathan gleichsam in einen Zwei-Fronten-Krieg.

Benzinpreis-Streit

Der Staatschef rechtfertigte die Maßnahme damit, dass er die freiwerdenden Subventionsgelder (6,3 Mrd. Euro pro Jahr) in Infrastruktur-, Gesundheits- und Bildungsprojekte stecken will.

Doch die Bevölkerung misstraut den Ankündigungen, zumal die Korruption allgegenwärtig ist. Und kurzfristig sind die hohen Spritpreise für die Nigerianer fatal: Die steigenden Transportkosten verteuern den Bus-Weg zur Arbeit, Lebensmittel und sonstige Produkte. Dazu kommt, dass sich viele Familien Benzin-betriebene Generatoren zugelegt haben, weil die Stromversorgung oft zusammenbricht.

Nach Protesten mit Toten ruderte der Präsident nun zurück und kündigte eine Senkung des Benzinpreises auf 0,51 € an. Der Gewerkschaft ist das zu wenig, ihre Streiks gehen weiter. Auch der Protest auf der Straße, gegen den die Regierung jetzt sogar Soldaten einsetzt.

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