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Politik
12/05/2011

Militärs öffnen Flugverbotszonen

Einheitlicher Luftraum: Künftig soll es schneller ins Urlaubsgebiet gehen. Militärische Sperrgebiete werden für zivile Flieger geöffnet.

von Wilhelm Theuretsbacher

Mancher Fluggast wundert sich: Wenn es nach Süden geht, kann man nur selten den Blick auf inneralpine Regionen genießen. Meistens geht die Flugroute außen herum. Der Grund dafür waren bisher militärische Flugverbotszonen über den Alpen.

Das soll nun vorbei sein. Die EU verlangt die gemeinsame Nutzung des europäischen Luftraumes. Es ist eine Megaaufgabe für die Austro-Control. Die nationalen Grenzen und die militärischen Sperrgebiete sollen fallen. Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung wurde dieser Tage vollzogen. Denn der Einsatzchef des Bundesheeres, General Christian Segur-Cabanc, konnte der Flieger- und Fliegerabwehrschule in Langenlebarn ein EU-Zertifikat übergeben. Dieses besagt, dass die Ausbildung der militärischen Fluglotsen Österreichs auch den zivilen EU-Bestimmungen entspricht.

Für Oberst Christoph Sützl, dem Chefausbilder der militärischen Fluglotsen, war die Dekretverleihung ein ganz besonderer Tag. Nach einem eher schleppende Start spielt nun Österreich bezüglich der gemeinsamen Nutzung des Luftraumes durch Zivilisten und Militärs eine Vorreiterrolle in der EU. Denn das Zertifikat bedeutet, dass künftig jeder der etwa 60 militärischen Fluglotsen auch einen x-beliebigen Jumbo übernehmen kann, um ihn durch einen militärischen Übungsraum zu leiten.

Temporäre Sperrgebiete

General Segur-Cabanac gesteht zu, dass in Österreich die Vereinheitlichung des Luftraumes leichter durchführbar sei, als bei den Nachbarn: "Wir haben nur eine kleine Luftwaffe, und hatten schon bisher nur temporäre Sperrgebiete."

Bisher war es so, dass das Bundesheer zeitlich begrenzte Luftraumsperren für den Ausbildungsbetrieb verhängte. Die lagen meistens im Alpenraum zwischen den Flugplätzen Zeltweg und Linz-Hörsching. Wegen der ständigen Blockaden wurden Österreichs Luftverkehrsstraßen außerhalb dieses Raumes angesiedelt. Das bedeutet Umwege. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass etwa auf der Strecke von Linz nach Klagenfurt fast ein Drittel durch einen "Abkürzer" gespart werden könnte.

Vergangenes Jahr verpflichtete sich das Verteidigungsministerium in einem Vertrag mit dem Verkehrsministerium, die Ausbildung der militärischen Fluglotsen so zu gestalten, dass sie auch den zivilen Richtlinien entspricht. Die gemeinschaftliche Fluglotsenlizenz macht es nun möglich: Der militärische Fluglotse kann auch während des Übungsbetriebes einen zivilen Flieger am Direktweg durch das Sperrgebiet bringen.

Luftraummanagement

Von dem gemeinsamen Luftraummanagement profitieren auch die Nachbarn. So könnte beispielsweise ein militärisches Training in großer Höhe über der Steiermark zivile Flieger, die nach München wollen, an der frühzeitigen und kostensparenden Einleitung des Sinkfluges hindern. Derartige Behinderungen soll es künftig nicht mehr geben. Austro-Control-Sprecher Peter Schmidt zeigt sich höchst zufrieden: "Wir arbeiten bestens zusammen."

Auch für die militärischen Fluglotsen eröffnet die Zertifizierung neue Perspektiven. Ihre Ausbildung dauert fast fünf Jahre. Mit dem Zertifikat können sie nun bei allen europäischen Flugverkehrsstellen anheuern. Oberst Sützl weiß von einem österreichischen Offizier, der nun als Chef einer privaten Firma Lotsendienste an norddeutschen Flugplätzen anbietet.

SES: Einheitlicher Luftraum

Der europäische Luftraum ist in 650 Sektoren mit 47 Flugverkehrskontrollstellen aufgesplittert. Das bringt Wartezeiten und unnötige Flugkilometer. Pro Tag durchqueren etwa 25.000 Flugzeuge den europäischen Luftraum. Davon verspäten sich etwa 5000 Flieger um durchschnittlich 22 Minuten. Ein großes Hemmnis sind auch militärische Sperrgebiete. Die Schweiz ist fast zur Hälfte Sperrgebiet, auch in Deutschland und Frankreich sind große Flächen militärisch blockiert. Mit dem Programm "Single European Sky" (SES), was zu Deutsch einheitlicher europäischer Luftraum bedeutet, will die EU die Luftverkehrsstraßen leistungsfähiger machen.