Politik
27.01.2018

Marko Feingold: "Landbauer muss zurücktreten"

Marko Feingold ist mit 104 Jahren der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Mit seiner Frau Hanna spricht er im Doppelinterview über die Affäre Landbauer, über Antisemitismus und über seine Pläne für das Gedenkjahr.

Marko Feingold wird heuer 105 Jahre alt. 1913 in Banská Bystrica, in der heutigen Slowakei, geboren, gilt er als der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Mit seiner Frau Hanna Feingold tourt er seit Jahrzehnten durch Europa, hält Vorträge und sagt im Doppelinterview, dass „das Niemals vergessen“ kein Ende finden darf.

KURIER: Wie bewerten Sie die Affäre Udo Landbauer?

Marko Feingold: Ich habe gehofft, dass wir diese Form von Antisemitismus schon längst überwunden haben. Die Behörden haben hier viel zu lange zugeschaut.

Hanna Feingold: Erschreckend ist, dass diese antisemitischen Texte im Jahr 1997 neuerlich gedruckt und verbreitet wurden.

Jetzt ist das ja kein Einzelfall, Antisemitismus ist nach wie vor ein großes Problem. Haben Sie das Gefühl, dass die Problematik generell wieder größer wird?

Marko Feingold: Der Antisemitismus hat leider noch immer seinen Stammsitz in den christlichen Familien. Deswegen habe ich mich auch an die Bischöfe gewandt, und hoffe, dass die Aufklärung von Oben nach Unten getragen wird.

Hanna Feingold: Der Antisemitismus kann nicht verschwinden, er wird in kleinen Mengen der Bevölkerung immer wieder vorgeführt. So wie sich in jedem Wassertropfen auch ein wenig Kalk versteckt, und dieses Wenige doch in vielen Jahren zu sehr großen Stalaktiten und Stalagmiten heranwächst, genauso verhält es sich mit dem Antisemitismus. Wieviele Straßen und Plätze sind nach Antisemiten benannt? Nur weil sie fürs Business gut sind, oder weil die Namensgeber der ‚richtigen Partei‘ angehört haben, deswegen bleiben diese erhalten.

Viele antisemitische Vorfälle tauchen immer wieder im Umfeld der FPÖ auf. Die Partei trägt jetzt Regierungsverantwortung, finden Sie es einen Fehler, dass Kurz die Strache-FPÖ in die Regierung geholt hat?

Marko Feingold: Vorfälle gibt es nicht nur bei der FPÖ, sondern auch bei anderen Parteien.

Hanna Feingold: In der FPÖ sind sie vielleicht häufiger und dort werden sie auch breitgetreten, während man ihn zum Beispiel bei anderen Parteien so kaschiert, ‚dass es nicht so gemeint war‘. Wenn Herr Strache wirklich ein Staatsmann sein will, so muss er solche Personen wie Udo Landbauer aus der Partei ausschließen.

Die IKG hat sich dafür ausgesprochen, keinen Kontakt mit der FPÖ zu wollen, finden Sie das eine richtige Entscheidung?

Marko Feingold: Ich bin nicht ganz der Ansicht, denn ich habe mit FPÖ-Anhängern und Politikern gute Gespräche geführt.

Hanna Feingold: Ich akzeptiere die Entscheidung der IKG, würde aber den Kontakt nicht scheuen. Es gab für die jüdischen Gemeinden im Jahr 2000 (Schüssel/Haider) auch positive Entscheidungen. Die jüdischen Friedhöfe, die ja auch zum österreichischen Kulturgut zählen, werden nun durch finanzielle Hilfen renoviert.

Sind Sie der Meinung, dass die handelnde Politik genug gegen den grassierenden Antisemitismus aktuell unternimmt?

Marko Feingold: Nein, die Politik hat nie im notwenigen und vollen Ausmaß reagiert, wie es notwendig wäre. Der Fehler ist schon 1945 passiert. Man hat zu sehr Rücksicht genommen auf Väter, Großväter, Onkeln und Verwandte, und deshalb ist damals fast niemandem etwas passiert, auch belastete Beamte wurden wieder in ihre Ämter eingesetzt.

Hanna Feingold: Nein, weder die derzeit handelnden Politiker noch die der vergangenen Regierungen haben genug gegen den Antisemitismus getan. Sonst kann es auch nicht sein, dass Personen aus dem Nahen Osten, die sich in Österreich aufhalten, mit brennenden Fahnen und Rufen wie etwa ‚Tod den Juden‘ auf den Straßen sind, und alle schauen nur zu. Es kann nicht sein, dass Flüchtende bei uns in Österreich Schutz suchen, aber gleichzeitig den Tod einer anderen Gruppe fordern.

2018 ist ein Gedenkjahr, vor 80 Jahren kam es zum Anschluss an Nazideutschland. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Jahr?

Marko Feingold: Das war kein Überfall, sondern ein Willkommen und Liebkosen deutscher Soldaten. Für mich war damals jede Uniform lebensbedrohend. Das Jahr 1938 bedeutete für mich Verhaftung, Gestapo-Verhör und Konzentrationslager.

Sie treten nach wie vor mit knapp 105 Jahren als Mahner auf und halten Vorträge, was planen Sie noch in diesem Jahr?

Marko Feingold: Ich erzähle nur Selbsterlebtes. Das „Niemals vergessen“ darf kein Ende finden.

Hanna Feingold: Mein Mann wird wieder mit ca. 700 Schülerinnen und Schülern nach Auschwitz fahren. Ich kann nur vielen Schulen empfehlen, mit Klassen dorthin zu fahren, es ist für die Schüler ein einzigartiges Erlebnis, sie nehmen am ‚March of the Living‘ teil, sie sehen sich die Museen an, unternehmen eine Stadtführung durch Krakau und haben am letzten Tag vor der Heimreise auch noch eine lustige Veranstaltung.

Sollte Landbauer zurücktreten?

Marko Feingold: Ja, er muss zurücktreten.

Hanna Feingold: Österreich hat leider keine Rücktrittskultur. Aber Landbauer könnte sich mit einem Rücktritt einen Namen machen und in die Geschichtsbücher eingehen und alle künftigen "Schlechtsprecher" müssten sich danach richten, das hätte zur Folge, dass sich das politische Klima in Österreich positiv ändern würde und somit unser Zusammenleben.

Zur Person:

Marko M. Feingold wurde am 28. Mai 1913 in der heutigen Slowakei geboren. Er wuchs in Wien, im zweiten Bezirk auf. Nach einer Lehre als kaufmännischer Angestellter fand er Arbeit in Wien, wurde arbeitslos und war gemeinsam mit seinem Bruder Ernst als Reisender in Italien unterwegs. 1938 wurde er anlässlich eines kurzen Aufenthalts in Wien verhaftet. Er floh zuerst nach Prag, wurde nach Polen ausgewiesen und kehrte mit falschen Papieren nach Prag zurück, wo er 1939 erneut festgenommen, inhaftiert und schließlich in das KZ Auschwitz deportiert wurde. Über die KZs Neuengamme und Dachau kam er 1941 ins KZ Buchenwald, wo er bis zur Befreiung interniert war. Durch Zufall ließ er sich 1945 in Salzburg nieder. Zwischen 1945 und 1948 half er jüdischen Überlebenden und organisierte mit der jüdischen Flüchtlingsorganisation Bricht Durchreise von Juden aus Mittel- und Osteuropa nach Palästina. 1948 wurde er Inhaber eines Modegeschäftes (Wiener Moden) in Salzburg. Schon von 1946 bis 1947 war Feingold kurz Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Nach seiner Pensionierung 1977 wurde Feingold amtierender Vizepräsident und 1979 wieder Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg.