Kroatien: "Menschen profitieren von EU"

Großes Versprechen: Kroatien wird seinen Nachbarn auf dem Weg nach Europa helfen. "Wir wollen Advokat für die Länder Südosteuropas sein", sagt Außenminister Jandroković.
Foto: KURIER/Gnedt

Außenminister und Vize-Premier Gordan Jandrokovic rechnet, dass zwei Drittel der Kroaten für den EU-Beitritt stimmen werden.

Kroatien wartet ungeduldig auf die Unterzeichnung seines Beitrittsvertrages. Ende November oder Anfang Dezember soll es so weit sein: Der Ort für die Zeremonie steht noch nicht fest: Brüssel, Zagreb oder Warschau stehen zur Auswahl. Innerhalb von 30 Tagen nach Unterzeichnung findet ein Beitrittsreferendum statt.

KURIER: Herr Außenminister, wie ist die EU-Stimmung?
Gordan Jandrokovic:
Das Ende der Verhandlungen und 20 Jahre Unabhängigkeit fallen zusammen. Das hat für uns eine doppelte Symbolik. Aktuelle Umfragen zeigen, dass mehr als 60 Prozent den EU-Beitritt unterstützen, ein Drittel ist dagegen. Nach einer Informationskampagne werden sicher zwei Drittel für den Beitritt stimmen.

Was ist der Inhalt der Info-Kampagne?

Zuerst diskutierten wir mit Interessengruppen. Jetzt läuft die Kampagne verstärkt über Radio und Fernsehen. Wir geben Antworten auf Vorurteile und Ängste.

Was sind diese Ängste?
Viele fürchten um den Verlust der nationalen Identität, der Sprache, der Bräuche und Traditionen. Mitgliedschaft und die nationale Identität sind kein Widerspruch. Zweitens geht es um Fragen des Lebensstandards, der Wirtschaft, der Arbeitsplätze, der Personenfreizügigkeit. Das Ende der Beitrittsverhandlungen zwei Jahre nach dem NATO-Beitritt und nach allem, was wir durchgemacht haben, ist ein Erfolg. Die Menschen werden von der EU profitieren.

Was sind die Vorteile?
Wir haben den gleichen Status wie andere Länder, und wir entscheiden mit. Die EU ist auch wichtig für unseren Wohlstand. Die Beitrittsverhandlungen haben uns verändert: Wir haben eine bessere Verwaltung, die Korruption wird bekämpft, es gibt auch ein besseres Investitionsklima. Unsere Rolle in der gesamten Region ist wichtiger geworden.

Wie sehen Sie diese Rolle?
Wir haben das Wissen über unsere Nachbarn und werden ihnen auf dem Weg nach Europa helfen. Wir haben erfahren, wie wichtig es ist, EU-Kriterien zu akzeptieren, die europäische Logik zu verstehen. Reformen sind für den Gesellschaftswandel entscheidend. Das Beste für Sicherheit und Stabilität in Südosteuropa ist die euro-atlantische Perspektive.

Serbien will in die EU, aber nicht in die NATO.
Alle Länder in der Region wollen in die EU. Bis auf Serbien wollen auch alle in die NATO. Ich denke, dass Serbien seine NATO-Position noch überdenken wird.

Starten die Verhandlungen mit Serbien im Herbst?
Das hängt von den 27 Mitgliedsländern ab. Nach der Verhaftung von Mladic erwarten wir auch die Festnahme von Hadzic, der für Verbrechen in Kroatien verantwortlich gemacht wird. Wir wollen Serbien mit unserem Wissen unterstützen. Wir haben allen Nachbarn die Übersetzung des EU-Rechtsbestandes gegeben und wollen Advokat für Länder Südosteuropas sein.

Sind Hass, Nationalismus und Ressentiments in Kroatien überwunden?
Wenn man durch so harte Verhandlungen geht, dann ändert sich die Gesellschaft und der Staat. Minderheiten haben einen großen Stellenwert in unserem politischen Leben. Acht Minderheiten-Vertreter, davon drei Serben, sitzen im Parlament. Die serbische Minderheit ist auch Koalitionspartner. Der Vize-Premier, zuständig für Menschenrechte, ist ein Serbe.

Kroatien steht bis zum Beitritt unter EU-Kontrolle. Stört Sie das Monitoring?
Wir haben keine Angst. Im Juli 2013 sind wir zu 100 Prozent reif für den Beitritt.

Wirkt sich die Schuldenkrise auf die EU-Stimmung in Ihrem Land aus?
Wir verfolgen sehr genau, was in der EU passiert. Ich glaube nicht, dass die Schuldenkrise den Ausgang des Referendums beeinflussen wird. Natürlich fürchten wir um die Zukunft der Währungsunion, der Stabilität des Finanzsektors, um den Lebensstandard unserer Bevölkerung. Aber: Die EU hat bisher alle Krisen gelöst, sie wird es auch diesmal tun.

Wie sind die Beziehungen Österreich-Kroatien?

Österreich ist Investor Nummer 1. Von 1993 bis 2010 wurden 6,5 Milliarden Euro investiert. Ich habe gerade mit Unternehmen, Banken und Versicherungen verstärkte Kooperationen besprochen. 715 österreichische Firmen haben Niederlassungen in Kroatien, und es werden mehr.

Jandroković: Ein politisches Talent

Geboren 2. 8. '67 in Bjelovar.

Studium Technik und Politologie an der Uni Zagreb. Ausbildung zum Diplomaten; Post-graduate-Studium (Internationale Beziehungen) an der Erasmus-Universität Rotterdam.

Karriere 1989-1994 in der Privatwirtschaft tätig; 1994 Eintritt ins Außenministerium. 2003 Abgeordneter; 2008 Außenminister; 2010 Vize-Premier. Seit 1992 Mitglied der regierenden HDZ. Er gilt als Zukunftshoffnung der Partei.

(kurier) Erstellt am
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