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Interview
05/08/2022

Holocaust-Zeitzeugin Erika Freeman: "Es gibt die Hölle – aber sie ist auf Erden"

Heute vor 77 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Am Fest der Freude tritt Zeitzeugin Erika Freeman auf. Ein Gespräch über das Wesen der Österreicher, das Verzeihen, Seitensprünge und Heinz Fischer.

von Elisabeth Hofer

Erika Freeman sitzt im Café des Hotel Imperial und erzählt Anekdoten aus ihrem Leben. Manchmal, wenn ihr ein deutsches Wort nicht einfällt, spricht sie auf Englisch weiter. Ein Interview zu geben, macht sie keineswegs nervös, sie hat die Geschichte ihres Lebens schon viele, viele Male erzählt: Wie sie als Kind einer jüdischen Familie alleine vor den Nazis aus Österreich fliehen musste. Wie ihre Mutter den Krieg fast überlebt hätte, wenn sie nicht in den letzten Kriegstagen von einer Bombe getroffen worden wäre. Wie sie in den USA zur gefeierten Psychoanalytikerin wurde ...

Heute, am 8. Mai, hält Freeman am Fest der Freude am Wiener Heldenplatz eine Rede. Mit dem KURIER sprach sie im Vorfeld über die Vergangenheit, die Gegenwart, und das, was nach diesem Leben kommt.

Kurier: Dr. Freeman, wenn Sie in Österreich sind, wohnen Sie meistens im Hotel Imperial. Sie sagen immer, das sei Ihre Rache an Hitler. Warum?

Erika Freeman: Hitler hat auch im Imperial gewohnt. Jetzt wohne ich hier. Er ist weg, ich bin noch da. Ich lebe noch. Das ist die beste Rache. Der Herrgott ist schon ein netter Kerl. Nur Geduld muss man haben mit ihm. Aber ich denke mir immer, er hat ja auch viel Geduld mit uns.

Sie sind mit 12 Jahren vor den Nazis aus Österreich geflüchtet. Wie ist es für Sie, hierher zurückzukommen?

Jetzt ist es ganz anders als früher. Die neue Generation ist nicht mehr so scheinheilig. Scheinheiligkeit war ja immer ein Wort, das den Österreichern nicht unbekannt war.

Spüren Sie noch einen Antisemitismus? In Österreich, aber auch im Rest der Welt?

Es gibt ihn noch, er steckt noch irgendwie drinnen, aber er strahlt nicht mehr so. Es gibt einfach Menschen, die in den Hass verliebt sind. Das Böse ist etwas Menschliches. Ich glaube nicht, dass der Teufel existiert. Den haben die Menschen erfunden, damit sie eine Ausrede haben, schlecht zu sein. Und ich glaube auch, es gibt keine Hölle. Das heißt, ich weiß, es gibt eine Hölle – aber die ist auf Erden. Die Menschen kommen in den Himmel, denn der Herrgott verzeiht ihnen alles.

Erika Freeman musste als zwölfjährige  jüdische Wienerin  1940 vor den Nazis nach New York flüchten. Sie studierte an der Columbia University und arbeitet bis heute als  Therapeutin. Unter ihren Klienten waren Hollywood-Stars wie Marilyn Monroe, Paul Newman oder Woody Allen

Haben Sie alles verziehen?

Schauen Sie: Wenn du etwas Schlechtes in dir trägst, das dir jemand anderer angetan hat, dann wird das zu deinem Rucksack. Aber warum soll ich den Rucksack deiner Schuld tragen und böse sein? Das braucht doch meinen Sinn und meine Seele. Aber ich brauche meine Seele für andere Sachen, nicht für den Hass.

Sie sind Psychoanalytikerin. Gibt es im Wesen der Österreicher etwas, das es möglich gemacht hat, dass hier solch unfassbare Verbrechen passiert sind wie der Holocaust?

Vielleicht ist es auch in machen anderen Ländern so, aber in Österreich merke ich, dass die Schadenfreude einen größeren Stellenwert hat. Es macht die Leute glücklich, wenn ein bisschen Schaden bei der Freude dabei ist.

Während der Pandemie haben einige Maßnahmengegner gesagt, wie mit Ungeimpften umgegangen wird, gleiche der Judenverfolgung. Manche haben sich sogar einen „Judenstern“ angesteckt.

Das ist widerlich. Und es ist eine Ausrede dafür, etwas nicht zu tun, was für die Menschheit nützlich wäre. Und das unter dem Namen Freiheit. Manche Menschen sind leider blöd und auch noch stolz darauf.

Sie sprechen am 8. Mai beim Fest der Freude. Ist Ihnen das lieber als eine traurige Gedenkfeier?

Man soll sich nicht so wichtig machen mit der Trauer und man soll die Trauer nicht gewinnen lassen. Man braucht nicht so viel Wasser verschütten und so viele Tränen vergießen.

Trotzdem ist es Ihnen wichtig, Erinnerungsarbeit zu leisten.

Man muss die Geschichte erzählen, wie sie wirklich war, damit man die Schuld annehmen kann und Buße tun. Das heißt, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht wieder passiert.

Apropos erinnern: Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute die Bilder von Flüchtenden aus der Ukraine sehen?

Die Menschen tun mir leid, aber man kann das nicht vergleichen. Sie gehen in einen Zug hinein, nicht ins Feuer. Der Zug kommt in ein anderes Land, das sie aufnimmt und alle sind solidarisch. Wir Juden haben damals niemandem leidgetan.

Interessieren Sie sich denn noch für Politik? Auch für österreichische Politik?

Ich interessiere mich für Politik. In Österreich kenne ich mich noch nicht so gut aus. Ihr habt einen Präsidenten gehabt, der sehr nett war. Heinz Fischer – und auch seine Frau Margit.

In Österreich ist Korruption gerade ein großes Thema ...

Wir Frauen wären nicht so leicht bestechlich wie die Männer. Man versucht uns auch nicht so oft zu bestechen, denn wir haben ohnehin nicht die politische Macht. Bei Politikern erwischt man, wenn man Glück hat, jemanden, der auch das Wohl des Landes im Sinn hat. Die meisten denken aber nur an sich selbst. Aber nicht die Fischers. Die sind herrlich.

Weil wir über Frauen und Macht gesprochen haben: Sind Sie zufrieden mit den Fortschritten des Feminismus?

Ich bin zufrieden mit jedem Schritt. Wenn es schneller gehen könnte, wäre das auch sehr nett. Aber eigentlich haben die Männer Angst vor uns. Sonst würden sie uns ja genauso helfen, wie wir ihnen die ganze Zeit. Warum gibt es fast nur männliche Genies? Weil ihnen ihre Frauen helfen. Und mit dem, was dann noch von ihrer Kraft übrig ist, kümmern die Frauen sich um andere Sachen. Und die Männer sind am Ende nicht einmal dankbar.

Wird sich das jemals ändern?

Na hoffentlich. Aber die Frauen sind immer noch zu mütterlich zu ihren Partnern. Und dann werden sie verlassen oder betrogen. Frauen machen hingegen kaum Seitensprünge. Und ab einem gewissen Alter gar keine mehr. Das muss sich ändern.

Wir Frauen sollten mehr Seitensprünge machen?

Entweder das, oder uns viel jüngere Partner suchen.

Sie haben so viel erlebt und so viele Menschen kennengelernt. Was würden Sie heute antworten, wenn man Sie nach dem Geheimnis eines glücklichen Lebens fragt?

Es geht immer darum, wie du die Welt sehen willst. Willst du leiden? Kannst du. Willst du glücklich sein? Kannst du. Ist alles perfekt? Nein. Perfekt ist für den lieben Herrgott. Hilf! Lach! Schau auf die anderen Menschen, als wären sie deine Brüder und Schwestern. Und dann gibt es noch etwas, das man sich selbst öfter sagen sollte: Mach dir nichts draus. Es ist sowieso bald aus.

Historisches
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 kapitulierte die Deutsche Wehrmacht offiziell. Damit endetet der Zweite Weltkrieg. Er kostete mehr als 50 Millionen Menschen das Leben. Die Nazis ermordeten sechs Millionen Juden 

Das Fest der Freude
auf dem Wiener Heldenplatz wird um 19.30 Uhr von Bundespräsident  Alexander Van der Bellen  und dem  Vorsitzenden des Mauthausen Komitees, Willi Mernyi, eröffnet. Es spielen die Wiener Symphoniker unter dem Dirigenten Lahav Shani

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