Politik | Inland
25.11.2018

Wozu noch Rot? Stimmen zur Krise der Linken

In ganz Europa ist die Linke in der Krise. Wozu braucht es die Sozialdemokratie überhaupt noch? Ein Stimmungsbild.

Peter Patzak, Regisseur: „Die SPÖ hat maßgeblich an dem Wohl und den Werten dieses Landes mitgeschrieben. Diese historische Arbeit verpflichtet! Sie darf sich nicht in die Nähe des ,Instant – Chamäleon – Suppentopfs’ begeben, auch wenn er gerade als saisonales Angebot aus vielen Mündern quillt.“

Sabine Derflinger, Regisseurin: „Wir brauchen Lohngerechtigkeit, sozialen Frieden, die Gewissheit, dass wir uns auf die Einhaltung der Menschenrechte verlassen können. Mit Pamela Rendi-Wagner, einer blitzgescheiten, global denkenden, bodenständig handelnden Frau, ist erstmals eine Frau an der SPÖ-Spitze, und Johanna Dohnals Traum ist wahr geworden.“

Claus Raidl, Ex-Präsident Nationalbank: „Die Sozialdemokratie ist auf der ganzen Welt ein wichtiger ausgleichender Strom zu den stark nur an die Marktkräfte glaubenden Parteien. Sie ist Korrektiv einer liberalen, nicht so staatsgläubigen Politik. Demokratische Systeme brauchen immer wieder den Wechsel zwischen Mitte-links und Mitte-rechts.“

Ioan Holender, Ex-Opernchef, TV-Kulturexperte: „Wozu noch rot? Schon die Frage zeigt den Zustand der Sozialdemokratie. Das hätte sich keiner von Victor Adler bis zu seinen Nachfolgern je gedacht. Gäbe es nicht die Invasion der Immigranten aus fernen Ländern und die wohlwollende Stellung der ,Linken’ dafür, würde sich der Volkswille in Europa nicht geschlossen von ,links’ abwenden. Und wendet man sich von ,links’ ab, kann man sich notgedrungen nur nach ,rechts’ orientieren, auch wenn man kein ,Rechter’ ist oder es je gewesen ist. Wir sind alle Humanisten, solange man uns nichts nimmt oder solange man es uns nicht schwer macht, noch mehr zu haben. ,Rot’ stirbt wegen des Trugbildes, dass der Mensch gut sei.“

Florian Scheuba, Kabarettist: „Ich habe zwei Wünsche an die SPÖ: 1. Rasche Einsicht, dass ,Opposition’ ein Auftrag ist und nicht ein Begriff für den partei-internen Umgang. 2. Beantwortung der sich zuspitzenden Boulevard-Subventions-Frage ,Dichand oder Fellner?’ mit einem klaren: ,Weder – noch!’“

Thomas Roth, Filmemacher: „Gerade jetzt, wo eine starke Opposition der Regierung und deren Wählern dringend täglich vehement entgegentreten müsste, scheint die SPÖ verschwunden zu sein. Dabei bräuchte dieses Land sie genau jetzt ganz besonders und ganz genau dazu. Mit parteitreuer Ideologie gewinnt man heute keine Wahlen mehr. Und warum man den Rechten und ihren braunen Vertretern und jenen, die sie durch Regierungsehren auch noch gesellschaftsfähig machen wollen, einfach schweigend das Feld überlässt, wird kein Parteitag der Welt erklären können.“

Rudolf Edlinger, Ex-Finanzminister: „Die Bedeutung der Sozialdemokratie wird sogar noch zunehmen. Derzeit regieren Populisten und Leute, die Demokratie verschmälern. Vieles, was in Österreich und rundherum passiert, erinnert mich an das, was in Geschichtsbüchern über die 20er und 30er zu lesen ist. Daher warten große Aufgaben auf die Sozialdemokratie.“

Harald Krassnitzer, Schauspieler: „Sehr viele fühlen sich als Opfer und sind es wohl auch. Das Hauptübel dieser Parteien ist das starre Beibehalten paternalistischer Sprache und Strukturen ,von oben nach unten‘. Man redet mehr übereinander als miteinander und wenn man miteinander redet, dann redet man aneinander vorbei.“

Nikolaus Habjan, Puppenspieler: „Wir brauchen die SPÖ dringender denn je. Wir brauchen eine Partei, die geschlossen gegen Rechts auftritt. Umso schlimmer ist es, dass sie gerade auf einem Todestrip zu sein scheint. Ich hoffe, es zerreißt die SPÖ nicht wie die Grünen.“

Andreas Vitásek, Kabarettist: „Wenn die Leute erkennen, dass der Kampf der Kulturen und der Kampf der Religionen bloß der verschleierte Kampf Reich gegen Arm ist, werden sie vielleicht wieder eine Partei wählen, die sich auf jene Eigenschaften besinnt, die sie in ihrem Namen trägt. Sozial und demokratisch. Und etwas europäisch kann auch nicht schaden.“

Peter Turrini, Schriftsteller: „Möglicherweise glorifiziere ich die Arbeiterklasse, aber es ist für mich in Ordnung, dass sie, die vielgeschmähte und immer wieder für tot erklärte, etwas Glorie abbekommt. Ich weiß auch, dass viele Arbeiter, viel zu viele, die FPÖ wählen, und ich kann nicht überhören, welche Blödheiten sie manchmal über Flüchtlinge von sich geben. Ich tröste mich dann, dass die Unterstellungen aufhören, wenn sie miteinander pfuschen und auf ein Bier gehen. Mein wirklicher Widerwille gehört den akademisierten Fremdenhassern, die keinen persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen haben, aber mit Zahlen und Tabellen bewaffnet vom kommenden Untergang des Abendlandes faseln.“ (aus einer Rede zur Republiksfeier des SPÖ-Parlamentklubs)

Händl Klaus, Autor: „Wer braucht noch Rot? Wir alle, die wir an das Recht des Schwächeren glauben. Die wir an die gelebte Utopie des Miteinander glauben – das doch immer wieder gelingt. Die Angst vor diesem Miteinander ist inzwischen erschütternd groß; alles strebt auseinander, so scheint es; eine gegenläufige Bewegung greift kalt in den ganzen Raum; die Gesellschaft sucht Kälte – so fühlt es sich an. Wie ein kaltes Fieber, das ich mir nicht erklären kann.“

Werner Schneyder, Autor und Kabarettist: „Wozu man Rot noch braucht, weiß jeder intelligente Mensch. Wenn es die Sozialdemokratie nicht weiß, soll sie mich anrufen.“

Joesi Prokopetz, Autor: „Natürlich brauchen wir Rot noch! Eine starke Sozialdemokratie sichert flächendeckende Kaufkraft, ohne die der Kapitalismus zugrunde ginge.“

Nadja Maleh, Kabarettistin: „Die Sozialdemokratie ist ein feminines Substantiv, sie steht für eine sozial gerechte Gesellschaft – ganz im Gegensatz zur UNsozialdemokratie oder zum Antisozialdespotismus oder zur Wappler-Tyrannei. Ersteres macht mehr Sinn als die Letzteren.“

Rupert Henning, Autor, Regisseur: „Trotz meiner berufsbedingten Distanz zu allen Parteien war ich 2016 einer Meinung mit dem damaligen SPÖ-Chef Kern: ,Das sozialdemokratische Zeitalter ist nicht vorbei.‘ Aus meiner Sicht ist ein Zeitalter sogar generell gänzlich fehlgeleitet, das nicht (um die beiden Begriffe noch einmal separat zu verwenden) ,sozial‘ und ,demokratisch‘ ist. Ich möchte ungern in einem solchen leben.“