Politik | Inland
25.03.2017

WIR statt ERWIN: Die erste Obfrau will Teamwork, nicht Personenkult

98,5 Prozent: Johanna Mikl-Leitner startet mit Traumergebnis. Ihr Plan pendelt zwischen Herz und Härte.

Die Sonnenbrillendichte in St. Pölten war am Samstagvormittag hoch. Die Abschiedsfeier für Erwin Pröll hatte bei einigen Parteitagsgästen bis in die frühen Morgenstunden gedauert. Die Nacht war entsprechend kurz, bereits um neun Uhr startete das Hochamt für Prölls Nachfolgerin.

Wo Erwin Pröll Landeshauptmann mit allen Attributen war, will Johanna Mikl-Leitner "Landesmanagerin mit Herz" sein. Einen Vorgeschmack bekamen die Delegierten, als sie gleich zu Beginn der Veranstaltung ihrer Familie dankte: Mutter Johanna, Ehemann Andreas und Tochter Larissa in der ersten Reihe, Tochter Anna – derzeit auf Schüleraustausch in Kanada – grüßte via Videowall.

Dann überraschte Mikl-Leitner in der Manager-Rolle: Sie verlangt für die nö. Volkspartei ein neues Programm. "Aber nicht von oben verordnet. Ich will eine Diskussion auf Augenhöhe, wo jeder sagt, was er denkt." Ein wichtiges Signal an die Parteimitglieder, nicht jedem hat der streng hierarchische Führungsstil der letzten 25 Jahre gefallen. Sichtbares Zeichen der Erneuerung: Wo am Freitag noch in großen Lettern "ERWIN" auf der Bühne stand, prangte am Samstag das Wort "WIR". Das Teamplayer-Image manifestiert sich auch in Mikl-Leitners Stellvertretern: Erstmals gibt es fünf Vizeobleute, darunter auch Bauernbund-Direktorin Klaudia Tanner, die mehrfach für ein Regierungsamt im Gespräch war.

ÖVP-Bundesparteichef Reinhold Mitterlehner genoss die gelöste Stimmung. Nach St. Pölten war er aber vor allem gekommen, um sich der Unterstützung seiner wichtigsten Landespartei zu versichern: "Gegeneinander wird man vieles los, miteinander wird man groß", reimte er auf der Bühne. Dass er mit Erwin Pröll seine Sträuße auszufechten hatte – geschenkt: "Wir haben immer gut zusammengearbeitet, da wurde vieles hineingeheimnisst."

Mikl-Leitners größte Hürde, nämlich sich von Erwin Pröll grundlegend zu unterscheiden, will sie mit einem Totalumbau in der Inszenierung meistern. Nach Jahren der Personenzentrierung appellierte sie am Samstag ans Wir-Gefühl der Partei. "Die Arbeit in den letzten Jahrzehnten hätte niemand besser machen können als Erwin Pröll. Wir müssen uns aber heute zu neuen Wegen aufmachen."

Der neue Weg wurde für Mikl-Leitner zum Balance-Akt, um keine Gruppe innerhalb der Partei zu vernachlässigen: "Die Bünde sind die Kraftkammern unserer Partei." Mikl-Leitner stellte ihnen den lautstark geforderten Bürokratieabbau in Aussicht: "Es braucht weniger Sachverständige und wieder mehr Hausverstand."

Keinen Zweifel ließ Mikl-Leitner daran, den strengen Kurs in Sachen Sozialleistungen fortzusetzen: "Das Sozialsystem muss für die Schwächsten da sein, nicht für die Frechsten." Die Verschärfung der Mindestsicherung ist für sie nur ein Anfang.

Mehr Stimmen als Pröll

Dann packte Mikl-Leitner die Wahlkampfrhetorik aus – Niederösterreich wählt in einem Jahr: Die ÖVP müsse "die starke Stimme für die breite Mitte, die Heimat der Fleißigen, Niederösterreich das Land der Tüchtigen sein".

Die Politik müsse sich wieder um echte Probleme kümmern, "und nicht um Heldenplatz, Ampelpärchen oder Allergenverordnung". Möglichen Kritikern präsentierte sie sich kämpferisch: "Ich weiß aus meiner Zeit als Innenministerin, was es heißt, Herausforderungen anzugehen, wo andere noch wegschauen, und dafür angefeindet zu werden."

Die Inszenierung kam bei den 493 wahlberechtigten Delegierten gut an: 98,5 Prozent gaben der ersten ÖVP-Landesobfrau ihren Segen. Zum Vergleich: Pröll erreichte bei seinem ersten Antreten 94,5 Prozent. Seine höchste Zustimmung lag 2004 bei 98,4 Prozent.