© KURIER/Percze Lajos

Vorwahlzeiten
08/25/2013

Wie Kreisky eine neue Form des Wahlkampfs erfand

Einst wurden politische Gegner auf Plakaten angepatzt. Dann kam „Lasst Kreisky und sein Team arbeiten“.

von Georg Markus

Faymann reicht uns seine „sichere Hand“, Spindelegger meint, „Österreich gehört den Optimisten“, Strache liebt seinen Nächsten, Eva Glawischnig macht „saubere Politik“, Stronach setzt auf „Frank“, Herr Bucher hat „genug gezahlt“. Und der KURIER plakatiert: „Lasst Brandstätter und sein Team arbeiten“. Ja, aber bitte, was macht denn der Chefredakteur einer unabhängigen Tageszeitung inmitten all der Parteichefs? Noch dazu am Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs.

„Lasst Kreisky und sein Team arbeiten“ war das Motto, mit dem Österreichs „Sonnenkönig“ 1971 eine der erfolgreichsten Wahlen in der Geschichte des Landes geschlagen hat. Bruno Kreisky erzielte damals zum ersten Mal die absolute Mehrheit.

Nebst anderem revolutionierte Kreisky, wer sonst“ (ein weiterer seiner Slogans) auch die Wahlwerbung in Österreich. Während die ÖVP ihren Gegenspieler Kreisky 1970 noch als „Wegbereiter des Kommunismus“ anprangerte, plakatierte dieser bereits „Ein modernes Österreich“. Da half es auch nichts, dass sich der damalige Bundeskanzler und ÖVP-Chef Josef Klaus als „echter Österreicher“ darstellen ließ – was als antisemitische Anspielung auf den somit „nicht echten“ Österreicher Bruno Kreisky ausgelegt wurde – eine Deutung, von der sich Josef Klaus distanzierte. Wie auch immer: Kreisky feierte 1970 den ersten (von insgesamt vier) Nationalratswahl-Triumphen.

Positive Slogans

Die 70er-Jahre waren es, die eine neue Form der politischen Auseinandersetzung schufen. Kreiskys Positiv-Slogans machten endgültig Schluss mit düster maskierten Räubern, hässlichen Fratzen und giftigen Spinnen, die jahrzehntelang bedrohlich von den Plakatwänden auf die Wähler hinunterblickten.

So warnte die SPÖ bei den ersten Wahlen im November 1945 vor „Schwarzen Volksschädlingen“, und die Volkspartei zeigte einen Stacheldrahtzaun, hinter dem das Land versinken würde, sollte sie die Wahl verlieren. Leopold Figl (ÖVP) schaffte damit die absolute Mehrheit.

Plakatierer-Streit

Eine Wahl später warnte die Volkspartei vor einem „Sozialistischen Weg in die Kolchose“, worauf Kanzler Figl auf SPÖ-Plakaten zum „Lügner“ wurde. Und Parteichef Adolf Schärf drohte: „Wenn ihr nicht arbeitslos werden wollt, müsst ihr SPÖ wählen.“ Die Stimmung war so aufgeheizt, dass es in Graz zu den einzigen Wahl-Ausschreitungen in der Geschichte der Zweiten Republik kam: Plakatierer attackierten einander mit Messern und Schlagringen, 32 Männer wurden verletzt.

Entsprechend hitzig gingen die Propagandaschlachten der beiden Großparteien weiter, etwa mit Parolen wie „Wehrt Euch gegen Rentenraub – wählt SPÖ!“ (1953) oder „Die rote Volksfront droht! Stärkt darum die ÖVP(1966). Derlei Horrorszenarien, als Fortsetzung der hasserfüllten Kämpfe der 1930er-Jahre inszeniert, diffamierten den „schwarzen“ Bundeskanzler Julius Raab als „Hunger-Raab“ und ein Flugblatt verkündete 1966 über den „roten“ Parteichef: „Pittermanns Würstelfinger greifen nach der Macht.“

Schlammschlacht

Wenn derartige Plakate heutzutage nicht mehr affichiert werden, heißt das nicht, dass die Wahlkämpfe nobler geworden wären, die Schlammschlachten haben sich nur ins Fernsehstudio, zu Zeitungsinterviews und ins Internet verlagert – wenn etwa Faymann als „Lügenkanzler“ bezeichnet und im Gegenzug erklärt wird, „manche in der ÖVP fügen Österreich schweren Schaden zu“.

Auch diese Sprüche ließen sich Parteisekretariate und „Spindoktoren“ in Vorwahl-Zeiten einfallen: „Wer, wenn nicht er“ (Slogan für Wolfgang Schüssel, 2002), keineswegs (für einen Wahlsieg) reichte jedoch „Es reicht“ (Plakattext für Wilhelm Molterer, ÖVP 2008).

In der FPÖ reimte man mit Unschuldsmiene „Daham statt Islam“ (Strache, 2006). Und fand den im Rückblick geradezu rührenden Slogan: „Er hat Euch nicht belogen.“ Untertitel: „Einfach ehrlich, einfach Jörg“ (Haider, 1995).

Im selben Jahr warb die SPÖ für Franz Vranitzky mit „Jetzt geht’s um den Kanzler“, und die Grünen plakatierten 2006 für Alexander Van der Bellen: „Es geht auch ohne Skandale“.

Faktometer: Was ist dran an den Politiker-Aussagen?

In Zeiten wie diesen

Die meisten Werbesprüche verbrauchte naturgemäß Österreichs Langzeit-Kanzler: „Wir werden die Zukunft meistern“, „Kreisky. Österreich braucht ihn“, „In Zeiten wie diesen“... (SPÖ, 1970–1983).

Warum aber hat sich der KURIER mitten im Nationalratswahlkampf für den von Kreisky entlehnten Slogan „Lasst Brandstätter und sein Team arbeiten“ entschieden?

„KURIER-Leser sind an politischen Themen überaus interessiert“, sagt Christoph Bösenkopf von der Agentur Wirz, „wobei sich das Interesse an Meinungen, Fakten und objektiver Berichterstattung in Vorwahlzeiten verstärkt darstellt. Der Slogan ,Lasst Kreisky und sein Team arbeiten‘ kommt uns insofern entgegen, als Chefredakteur Helmut Brandstätter auf Plakaten und Werbeflächen sein Team zeigen will. Natürlich geht es in einer Werbekampagne darum, Aufmerksamkeit zu erzielen. Und das gelingt mit einem so populären Satz, der den Plakaten darüber hinaus auch einen gewissen Pfiff verleiht, ganz besonders.“

Hätte mich auch gewundert, wenn wir vom alten Kreisky so gar nichts mehr gehört hätten.

Lesen Sie hier mehr zur Nationalratswahl 2013

Wir schreiben den 24. Februar 1981, als ORF-Redakteur Ulrich Brunner im Pressefoyer nach der Sitzung des Ministerrats an Kanzler Bruno Kreisky herantritt und ihn zum Skandal um den Bau des Wiener AKH befragt. Hintergrund des Interviews war, dass der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu diesem Thema seit Monaten ergebnislos blieb, weshalb sich ÖVP-Obmann Alois Mock bei Bundespräsident Kirchschläger über die „undemokratische Vorgangsweise“ der SPÖ beklagt hatte.

Kreisky fand das unerhört und erklärte vor versammelter Presse, dass der Bundespräsident „kein Schiedsrichter über das Parlament“ sei. Der Kanzler ging soweit, eine „Verfassungskrise“ heraufzubeschwören, zumal er „die Justiz-Tricks der 30er-Jahre noch erlebt“ hätte und „nicht früh genug vor einer Wiederholung warnen“ könne.

Als Ulrich Brunner (damals selbst SP-Mitglied und mit Kreisky per Du) zu entgegnen wagte: „Aber wir leben doch heute in einer ganz anderen politischen Situation“, explodierte Kreisky. Und brummte einen seiner bis heute meistzitierten Sätze: „Lernen Sie Geschichte, Herr Reporter!“

Heute, mehr als 30 Jahre später führt der (historisch sehr versierte) Ulrich Brunner (75) die Aufregung des „Journalistenkanzlers“ auf dessen damals schon sehr angegriffene Gesundheit zurück: „Es ist typisch für Nierenkranke, dass sie unmittelbar vor einer Dialyse psychisch sehr angespannt sind. Dieses Interview hat die Beziehung zwischen Kreisky und mir nachhaltig verschlechtert, wir haben nie wieder ein persönliches Wort miteinander gesprochen.“

Helmut Brandstätters Wahlplakate-Check