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Politik Inland
03/26/2021

Welche Impfstrategie die Intensivstationen schneller entlasten könnte

Studie: Mit 500.000 Impfdosen ist Effekt von drei Millionen möglich, würde man aus Kassendaten die Top-Risikopersonen herausfiltern.

von Christian Böhmer

Impft Österreich schnell genug? Seit Wochen ist das eine, wenn nicht die wichtigste Frage in der Innenpolitik. Und politische Verantwortungsträger antworten vielfach so: Natürlich wäre es wünschenswert, würde es schneller gehen. Aber die nächsten Wochen und Monate gibt es einfach noch Engpässe bei den Impfdosen, weil die Industrie nicht mehr produzieren und liefern kann.

Die Frage ist nur: Stimmt das in dieser Form? Geht mit den vorhandenen Impfdosen tatsächlich nicht mehr?

Heike Dorninger gehört zu jenen Experten, die in diesem Punkt zu einem anderen Schluss kommen. Dorninger arbeitet für die Boston Consulting Group, eine der weltweit führenden Unternehmens- und Strategieberatungen. Und sie ist spezialisiert auf die Analyse von Krankenkassen und Gesundheitssystemen. Dorningers These lautet: Mit derselben Menge an Impfdosen könnte man die Gefahr für Hochrisikopatienten deutlich senken und die Intensivstationen schneller entlasten.

Wie das geht? "Wir sind bei der Verteilung der vorhandenen Impfdosen, also bei der Priorisierung, einfach noch nicht so zielgerichtet, wie wir sein könnten", sagt Dorninger zum KURIER.

Vereinfacht gesagt geht es darum: Der heimische Impfplan sieht zwar eine Bevorzugung bestimmter Alters-, Berufs- und Patientengruppen vor. Er ist aber im Detail nicht so ausgefeilt, wie er sein könnte.

Als Beleg verweist die Expertin auf eine Studie des Barmer Instituts für Gesundheitsforschung. Barmer ist eine deutsche Krankenkasse, und für die Studie wurde anhand der Sterbefälle auf Covid-19-Stationen errechnet, um wie viel höher das Sterberisiko von Patienten mit kumulativen, also mit zusammenfallenden Risikofaktoren ist.

In weiterer Folge wurde angenommen, dass sich die Impfstrategie nicht einfach nach dem Alter und/oder einzelnen Risiko-Faktoren wie Diabetes oder Lungenerkrankungen orientiert, sondern die kumulierten bzw. höheren Risiken der einzelnen Patienten genau berücksichtigt.

Die Ergebnisse sind überraschend: Würde man mit dem angedachten "Individualansatz" impfen, hätte laut Barmer-Institut jeder vierte Patient, der später auf einer Intensivstation verstorben ist, bereits nach drei Tagen eine erste Impfdosis bekommen. Zum Vergleich: In der Realität mussten dieselben Patienten im Durchschnitt 24 Tage auf ihre Impfung warten.

"Wenn man mit diesem Ansatz impft, schafft man mit nur 500.000 Impfdosen denselben Effekt für das Gesundheitssystem und die Intensivstationen wie mit drei Millionen", sagt Dorninger.

Vernetzung

Warum wird derlei dann nicht sofort gemacht?

Um eine, diesem Modell folgende und auf viel mehr Patientengruppen heruntergebrochene Impfstrategie erstellen zu können, müsste man die Gesundheitsdaten der Versicherten digital vernetzen – und das wird noch nicht ausreichend getan.

"Auch die österreichische Sozialversicherung hat eine Fülle an relevanten Gesundheitsdaten. Erhielten sie den Auftrag dafür, hätten sie die Möglichkeit, diese Daten zur Erarbeitung einer zielgerichteten Priorisierung zu nutzen." Dorninger ist bewusst, dass es sich um sensible und intime Informationen handelt, aber: "Eine aktuelle BCG-Umfrage zeigt, dass 44 Prozent der Österreicher bereit sind, ihre anonymisierten Daten zu teilen, wenn die Gemeinschaft davon profitiert."

Diesen Nutzen müsse man vermitteln. Und der Datenschutz könne dabei jedenfalls gewahrt werden.

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