Politik | Inland
23.01.2018

Wegen Nazi-Liedern unter Druck: FPÖ-Kandidat Landbauer geht auf Distanz

Im Finish des niederösterreichischen Wahlkampfes gerät FPÖ-Frontmann Udo Landbauer neuerlich in Erklärungsnot.

Abstoßend. Das ist das Wort, das auf ein "Liederbuch" passt, das den freiheitlichen Spitzenkandidaten für die Niederösterreich-Wahl, Udo Landbauer, im Wahl-Finish in Erklärungsnot bringt.

Der Wiener Stadtzeitung Falter wurde ein altes Liedbuch der "Germania zu Wiener Neustadt" zugespielt.

Landbauer ist in dieser Burschenschaft stellvertretender Sprecher, und das alte Trinklied "Es lagen die alten Germanen" wird in der Gesangsunterlage mit menschenverachtenden, antisemitischen und NS-verherrlichenden Strophen versehen.

Judenmord wird verhöhnt

Zum Teil macht man sich ungeniert über den millionenfachen Judenmord lustig ("Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: 'Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million'"). Zum Teil werden die kruden Rassen-Theorien der Nazis kolportiert und Institutionen wie die Schutzstaffel verherrlicht ("Da schritt in ihre Mitte ein schlitzäugiger Chines': Auch wir sind Indogermanen und wollen zur Waffen-SS.'")

Niederösterreichs Volkspartei bezeichnete die Vorwürfe als "schwerwiegend", die Neos sahen jedenfalls einen Rücktrittsgrund, falls die Causa nicht restlos aufgeklärt werde.

Kurz auf Distanz

ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz ging noch am Abend auf Distanz: Die publik gewordenen Liedtexte der Burschenschaft Germania seien "rassistisch, antisemitisch und absolut widerwärtig. Dafür darf es in unserem Land keinen Platz geben. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden." Für Landbauer ist es innerhalb von nur wenigen Tagen bereits das zweite Mal, dass er sich von rechtsrechtem Gedankengut distanzieren muss. Erst am Samstag hatte das Nachrichtenmagazin profil berichtet, dass der Freiheitliche als Spitzenfunktionär der Freiheitlichen Jugend im Jahr 2010 den rechtsextremen Verein "Junge Patrioten" unterstützt haben soll.

Während die FPÖ diesen Vorhalt vergleichsweise gelassen als "linke Polemik" zurückwiesen, wird Landbauer bei der aktuellen Causa demonstrativ emotional: "Ich bin auf das Äußerste entsetzt und schockiert über jene Text- und Liedpassagen, die heute zum Gegenstand politischer Diskussionen geworden sind", sagte Landbauer Dienstagabend.

Landbauer: Ziehe Konsequenzen

Als das Buch gedruckt wurde, sei er gerade einmal elf Jahre alt gewesen. "Ich erhalte zum ersten Mal Kenntnis und ziehe sofort die notwendigen Konsequenzen."

Diese bestehen darin, dass Landbauer seine Mitgliedschaft in der Burschenschaft umgehend ruhend stellt und die Einsetzung einer Untersuchungskommission mit allen Konsequenzen fordert. "Die skandalöse Angelegenheit muss restlos geklärt werden, gegebenenfalls auch vor Gericht."

Etwas Hässliches

Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit seien "etwas sehr Hässliches" und müssten auch in der kleinsten Dosis verurteilt und bekämpft werden, sagt Landbauer, der im Zusammenhang mit der Causa etwas durchaus Bemerkenswertes tut: Er verweist auf seinen eigenen "Migrationshintergrund". "Und mit eben dem habe ich weder in der FPÖ noch in meinem Bund auch nur das geringste Maß an Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus wahrgenommen."

Die Bundes-Freiheitlichen bewerten die Causa genauso wie Landbauer selbst: "Wir haben mit dem Liederbuch absolut nichts zu tun und distanzieren uns grundsätzlich von jedwedem Antisemitismus", sagt ein Sprecher von Heinz-Christian Strache zum KURIER. Wenn jemand Konsequenzen ziehen müsse, dann sei das im konkreten Fall allerdings nicht die FPÖ, sondern die Burschenschaft Germania.

Neben Bundeskanzler Kurz reagierten zahlreiche weitere Politiker auf Landes- und Bundesebene zu Landbauer und dem rechtsextremen Liedbuch. SPÖ-Chef Christian Kern meldete sich ebenfalls auf Twitter zu der Causa zu Wort und kritisierte: "Während Landbauer/FPÖ im Verdacht der Verhetzung und Wiederbetätigung steht, teilt Strache Landbauers Werbevideo auf FB." "Diesmal geht sich, 'da war ich ja noch gar nicht auf der Welt', nicht mehr aus", meinte Kern lakonisch.

Rücktrittsforderungen

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Max Lerecher forderte in einer Aussendung, Landbauer müsse die Vorwürfe aufklären oder sofort zurücktreten. Auch die ÖVP müsse sich fragen, wen sie auf Bundesebene in die Regierung und die "höchsten Ämter im Staat geholt hat". Julia Herr, Chefin der Sozialistischen Jugend, sagte in einer Aussendung ebenfalls, Landbauer müsse zurücktreten. Die Verharmlosung des Holocausts und der NS-Verbrechen sei untragbar.

Indra Collini, die Chefin der Neos in Niederösterreich, forderte auch Landbauers Rücktritt, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Die Grünen Niederösterreich rund um Kandidatin Helga Krismer haben am Mittwoch sogar zu einem Pressegespräch wegen der Causa Landbauer geladen.

FPÖ macht Landbauer die Mauer

Der niederösterreichische FP-Obmann und Nationalratsabgeordnete Walter Rosenkranz teilte am Dienstagabend mit, man werde an Landbauer als Spitzenkandidat festhalten. Die gezogenen Konsequenzen seines Parteikollegen seien richtig und ausreichend.

Auch die Burschenschaft Germania selbst meldete sich am Dienstagabend zu Wort. Wie Landbauer distanzierte sich auch die pennale Burschenschaft "von jeder Verherrlichung der Verbrechen der NS-Diktatur", hieß es in einer Stellungnahme an die Austria Presse Agentur.

Philip Wenninger, stellvertretender Obmann der Mittelschülerverbindung, erklärte, dass man seit Jahren das 1997 gedruckte Liederbuch erneuern wolle. Bisher habe es aber am Geld gefehlt, soll es doch ein ledergebundenes Buch werden. Wie die den Holocaust grob verharmlosenden Texte in das Liederbuch kamen, sei nun zu klären. Die Germania hat laut Wenninger rund 70 Mitglieder und wurde 1917 gegründet.