© APA/HELMUT FOHRINGER

Wenig netto von brutto
04/12/2014

Warum den Österreichern von mehr Lohn nichts bleibt

Wie Steuern, Abgaben und Inflation trotz Lohnplus die Gehälter halbieren.

von Bernhard Gaul, Johanna Hager

In Österreich gibt es derzeit rund 6,6 Millionen Lohnsteuerzahler, Frauen und Männer, die für ihre Arbeit Geld bekommen. Und immer mehr Erwerbstätige beschleicht ein komisches Gefühl: So schön auch der Brutto-Lohnzettel aussieht, unterm Strich bleibt zu wenig. Und mit dem wenigen kann man sich irgendwie Jahr für Jahr immer weniger leisten.

Dieses Gefühl trügt nicht. Die Wissenschaft hat das unangenehme Phänomen längst erkannt, berechnet und ihm sperrige Begriffe wie "kalte Progression" oder "Inflation" gegeben. Sie sind es, die Netto-Löhne, also das, was übrig bleibt, Tag für Tag schrumpfen lässt.

"Die kalte Progression bedeutet eine stille Steuererhöhung, die nie demokratisch beschlossen wurde", bringt es Christian Keuschnigg, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), auf den Punkt. Er fordert seit Jahren: "Eine Steuerreform ist aufgrund der kalten Progression längst überfällig."

Die Warnung verhallte bisher. Vom Stillstand profitiert niemand.

Die Österreicher zahlten im Vorjahr 23,92 Milliarden Euro an Lohnsteuer (zum Vergleich: Konzerne und Firmen zahlten über die Körperschaftssteuer 6,4 Milliarden Euro). Die Lohnsteuer stieg damit um beeindruckende 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Geld, das den Menschen im Börsel fehlt. Schuld daran ist insbesondere die kalte Progression. Aber was ist das genau?

Wir bekommen zwar jedes Jahr ein bisschen mehr Lohn, müssen aber auch mehr Steuern dafür zahlen. Was vom Lohn-Plus übrig bleibt, wird von den, Inflation genannten, steigenden Preisen – von der Milch bis zur Miete – aufgefressen. "Und die Einkommenssteuersätze werden zudem nicht an die steigenden Preise angepasst, was zu der Steuermehrbelastung führt, die wir kalte Progression nennen", erklärt Georg Kovarik, Volkswirt im ÖGB, das Dilemma.

Alles wird teurer

2013 wurden die Löhne der Österreicher im Durchschnitt um 2,1 Prozent erhöht. Die Inflationsrate lag mit rund zwei Prozent knapp darunter. Konkret verteuerte sich zuletzt der "Mikrowarenkorb", der Dinge des täglichen Gebrauchs beinhaltet, um 3,9 Prozent. So wurden Milch, Käse und Eier um 6,8 Prozent teurer, Brot um 2,1 Prozent, Wohnen um 2,4 Prozent, dafür sanken die Preise für Energie und Bekleidung.

Was heißt das für den Einzelnen? Ein Facharbeiter, der im Vorjahr 2800 Euro brutto verdiente, kann sich dank einer über der Inflation liegenden Lohnerhöhung von 2,8 Prozent heuer über 36,42 Euro netto monatlich mehr in der Geldtasche freuen, muss aber auch mit einer kalten Progression von 10,21 Euro rechnen. Absolut betrachtet, bleiben dem Facharbeiter damit nur 46 Prozent der Lohnerhöhung. Oder: Für eine Verkäuferin, die monatlich netto 20,64 Euro mehr verdient als im Vorjahr, beträgt die kalte Progression 7,39 Euro – also nur knapp die Hälfte. Das klingt nach wenig, macht aber über das Jahr gerechnet immerhin 88,68 Euro aus (siehe Grafik unten).

"Es ist eine Tatsache, dass von dem Lohnplus, das wir verhandeln, am Ende für die Arbeitnehmer kaum etwas bleibt", sagt Josef Reisenbichler, Branchenvorsitzender der Forstwirtschaft der Produktionsgewerkschaft PRO-GE. Eigentlich müsste er sich dieser Tage über die bis zu 2,3 prozentige Steigerung der Kollektivvertrags-Löhne für die rund 1300 Beschäftigten in der Holz- und Sägeindustrie freuen – wäre nicht dieser bittere Beigeschmack. Den verspürt auch Gewerkschaftsboss Erich Foglar, der vergangenen Sonntag im KURIER auf die Reallohnverluste trotz Lohnerhöhungen aufmerksam machte. Sein Appell an die Regierung war, für eine flachere Steuerprogression zu sorgen. Foglar wie auch Arbeiterkammerpräsident Rudi Kaske sehen akuten Handlungsbedarf beim Eingangssteuersatz, der trotz Krise unverändert blieb. Dieser beträgt 36,5 Prozent für Einkommen über 11.000 bis 25.000 Euro jährlich. Wer ein Bruttojahresgehalt darüber hinaus und bis zu 60.000 Euro bezieht, muss 43,21 Prozent an Steuer abführen (siehe Grafik links).

Unrühmlicher Spitzenreiter

Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) bestätigt, dass Arbeit in Österreich überdurchschnittlich stark belastet wird (mehr dazu hier). Der Anteil an Steuern und Abgaben an den Gesamtarbeitskosten lag 2013 bei 49,1 Prozent des Einkommens eines durchschnittlichen Alleinverdieners. Österreich liegt damit weit über dem OECD-Schnitt von 35,9 Prozent.

So sehr ÖGB, AK und Industriellen-Vereinigung auf eine Reform drängen – die Bundesregierung zeigt sich unwillig. Kanzler Werner Faymann sah diese Woche eine Reform zwar "jedenfalls als geboten", ein Datum lasse sich allerdings nicht nennen. Keinen Spielraum für Entlastungen sieht Finanzminister Michael Spindelegger. Er hält seine erste Budgetrede am 29. April.