Steger, Rabl (re.) beim ersten "Sommergespräch" 1981

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Politik Inland
08/05/2019

Wahlkampf auf der Mattscheibe: Die Show kann beginnen

Entscheidungshilfe: Wer will was, wer kann mit wem? Heute fällt im ORF mit den Sommergesprächen der Startschuss zum TV-Wahlkampf

von Michael Bachner

Vom soften Einzelgespräch über die härteren Zweier-Duelle bis hin zur finalen „Elefantenrunde“; von den neuen Formaten „Wahlometer“ im ORF oder dem „Wahlbarometer“ auf Puls 4 bis zu den Doppel-Pressestunden und Bürgerforen: In der Wahlauseinandersetzung 2019 verfolgen die TV-Sender wieder hochtrabende Pläne und liefern Hunderte Stunden geballte Polit-Information frei Haus.

Die Wahl 2017 hat bewiesen: Der befürchtete TV-Overkill ist nicht eingetreten. Nicht nur das Kanzler-Duell Christian Kern gegen Sebastian Kurz hat gezogen. Die Sender vermeldeten Quotenrekorde am laufenden Band.

Den Anfang des achtwöchigen TV-Marathons bis zum 29. September machen heute, Montag, die schon traditionellen ORF-„Sommergespräche“. Auch wenn die Privatsender Puls 4 und Servus TV teils schon in die Vorberichterstattung eingestiegen sind, so gelten doch die „Sommergespräche“ im Öffentlich-Rechtlichen als der eigentliche Startschuss in den Fernseh-Wahlkampf 2019.

Er kennt sie alle

Einer, der (fast) alle „Sommergespräche“ gesehen hat, ist Kommunikationsforscher Andreas Riedl von der Akademie der Wissenschaften. In einem Vierer-Team haben Riedl & Co über einige Monate die 125 Folgen von 1981 bis 2016 analysiert und kommen zu einem für das Publikum erfreulichen Schluss: Die einstündigen, eher unaufgeregten „Sommergespräche“ sind seit jeher dazu angetan, auf Inhalte einzugehen – sowohl seitens des Interviewten wie auch seitens des Interviewers. Riedl sagt: „Bei 60 Minuten läuft Hickhack ins Leere. Die ,Sommergespräche‘ sind ein wertvolles Format, sie bieten die echte Chance auf Inhalte. Es wird in der Regel konstruktiv statt konfrontativ auf Themen eingegangen.“

Mitverantwortlich dafür ist erstmals ORF-Jungstar Tobias Pötzelsberger, der sich rund um das Ibiza-Video und das Ende von Türkis-Blau einen Namen gemacht hat. Er interviewt Maria Stern von der Liste Jetzt (Beginn 21.05 in ORF 2). Die Chefs der anderen im Parlament vertretenen Parteien folgen jeweils an den Montagen danach.

 

Mediencoach und Ex-ORF-Moderator Gerald Groß sieht in Pötzelsberger einen „Quotenbringer“ und ist insgesamt auf die zentralen Aussagen gespannt: „Man will wissen, wie sich die Spitzenkandidaten positionieren für die nächsten Wochen, wie sie drauf sind. Man wird sagen können, wohin die Reise geht.“ Insofern seien die „Sommergespräche“ auch ein Testlauf für die späteren großen Konfrontationen. „Es werden erste Pflöcke einschlagen.“

Vorfreudig gespannt ist auch Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer (OGM), der mit Groß die „Sommergespräche“ im KURIER analysieren  wird. Der Polit-Beobachter weiß, dass natürlich immer dann das Interesse des TV-Publikums besonders groß ist, wenn die „Hackeln fliegen und die Politiker von der Leine gelassen“ werden. Bachmayer ist daher „im Prinzip“ der Ansicht, dass ein „Wahlkampf, in dem es rundgeht, demokratiefördernd ist“ – weil das politische Interesse geweckt und gefördert wird.
 Ob das die „Sommergespräche“ leisten können, ist bestimmt fraglich. Bachmayer: „Die Kandidaten werden immer professioneller, es passieren kaum mehr Schnitzer, es wird immer glatter.“