Was Umfragen bewirken (können)

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Foto: Montage, istock, APA (Kern), APA (Lunacek), KURIER (Kurz), KURIER (Strolz), APA (Strache)

Demokratie & Demoskopie: Wie wichtig sind Umfragen für Politik und Wähler?

Vorne Sebastian Kurz, nur hinter ihm wird’s spannend. Wer wird Zweiter? Wer schafft den Einzug ins Parlament? Grüne, NEOS, Peter Pilz? Gilt, die Liste von Roland Düringer, jedenfalls nicht. So chaotisch der Wahlkampf ist, so eindeutig sind die Wahlprognosen. Auf 33 Prozent kommt die ÖVP in der jüngsten OGM-Umfrage für den KURIER. Der Rest muss zittern.

Alles klar also? Mitnichten. Trump, Brexit, der für alle Demoskopen überraschende Wahlsieg Norbert Hofers im ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl - Wahlgänge wie diese haben das Vertrauen in die Meinungsforschung zuletzt stark erschüttert.

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Sebastian Kurz: Gilbert Novy 20.0… Foto: /Grafik,APA (3),Reuters,Neos/OTS,Novy Gilbert (2) Was der Meinungsforschung zusätzlich noch zu schaffen macht, ist die Politik selbst. "Die einzige Wahlumfrage, die zählt, ist jene am 15. Oktober", heißt es allerseits. Von den einen, weil sie fürchten, potenzielle Wähler könnten sich allzu sehr auf den sicheren Wahlsieg verlassen; von den anderen aus Furcht vor allzu pessimistischer Stimmung. 

Entscheidend für Politik

Dabei sind Meinungsumfragen parteiintern alles, was zählt. Nach Umfragen werden Parteivorsitzende abgesetzt, Neuwahlen ausgerufen, Werbespots konzipiert, ja ganze Reden umgeschrieben.

Martin Schulz, ein glühender Europäer, ließ sich laut einer Spiegel-Reportage, für die der SPD-Kanzlerkandidat mehr als 180 Tage im Wahlkampf begleitet wurde, wegen sinkender Umfragewerte seine Forderung nach „Vereinigten Staaten von Europa“ auf „Vereinigte Demokratien von Europa“ herunterjazzen. In der Bevölkerung gebe es da eine Ambivalenz, ließ ihn SPD-Generalsekretär Hubertus Heil wissen.

Die Facebook-Seiten, die der SPÖ jetzt um die Ohren fliegen, sollen - so jedenfalls Peter Puller - nur erstellt worden sein, um in Fokusgruppen auszutesten, wie Negativ-Campaigning beim Wähler ankommt. Die Antwort bekommt die SPÖ jetzt präsentiert. Auf 27 Prozent kommt die SPÖ in der letzten OGM-Umfrage für den KURIER von vergangener Woche. Schwankungsbreite drei Prozent. Die ÖVP ist und bleibt damit außerhalb der Schlagweite der SPÖ - laut Umfragen. Nach denen würden die Grünen (4-), die NEOS (5-) und die Liste Pilz (4 Prozent) auf der anderen Seite des Spektrums aktuell um den Einzug in den Nationalrat kämpfen.

Die Betonung liegt auf „aktuell“. Abgefragt wird nämlich immer nur, was die Österreicher „derzeit“ wählen würden. Klassischerweise ausgedrückt in der Sonntagsfrage. Also: „Wie würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Nationalratswahl wäre?“  Und darauf bezieht sich auch die Schwankungsbreite von – bei einem genügend großem Sample, im Fall der letzten OGM-Umfrage für den KURIER waren das von Montag bis Donnerstag vergangener Woche 1.002 Befragte  - rund drei Prozent (genau 3,1 Prozent). Seriöse Umfragen bzw. die Berichterstattung darüber lässt das nie unerwähnt. 

Entscheidend für Wähler

Auch wenn sich 68 Prozent der Wähler laut OGM-Daten inzwischen schon entschieden haben, welche Partei sie wählen werden, und 23 Prozent angaben, sich weitgehend entschlossen zu haben, sind neun Prozent auch jetzt noch, wenige Tage vor der Wahl,  komplett unentschlossen. Je näher der Wahltag rückt, desto genauer werden die Umfragen, meint OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. Wie sich die letzten Unentschiedenen sei letztlich jedoch schwer zu prognostizieren.  

An den Zirkelschluss, dass für viele Unentschlossene Meinungsumfragen wiederum ein ganz entscheidendes Kriterium bei ihrer Wahlentscheidung sind, glaubt Bachmayer nicht. Es sei vielmehr die Berichterstattung über diese, die sehrwohl Einfluss haben könnte.

„Horse Race“-Journalismus nennt man das in Amerika. Über die Politik wird berichtet wie über ein Pferderennen. Wer ist vorne, wer hinten? Wer holt gerade auf, hat in den letzten Tagen vielleicht noch das nötige „Momentum“? Problematisch wird das, wenn unseriöse Umfragen, die etwa nur online gemacht wurden, herangezogen werden. In Österreich ist es eigentlich Usus, rund eine Woche vor der Wahl keine Umfragen mehr heranzuziehen.

In Deutschland veröffentlichte die Bild 2013 noch am Wahltag eine Umfrage, die die FDP im Bundestag sah. Das Ergebnis des Urnengangs: Die Liberalen flogen erstmals seit 1949 aus selbigem.

In Österreich schrammen diesmal gleich drei Parteien an der Vier-Prozent-Hürde. Da entscheidet ein taktisches Wählen, das ja erst durch Umfragen ermöglicht wird, über Sieg oder Niederlage gleich in einem existenziellen Ausmaß.

Empirisch belegen lässt sich der Einfluss von Umfragen auf das Wahlverhalten nicht, betont Meinungsforscher Peter Hajek aber. Nur der sogenannte "Fallbeil"-Effekt, wonach Kleinparteien mit aussichtslosen Umfragewerten gemieden werden, sei nachgewiesen. 

Psychologie spielt große Rolle

Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft der LMU München, sieht das anders und führt hier den Faktor der "sozialen Orientierung" ins Spiel. Wie bei allen wichtigen Entscheidungen im Leben, so Reinemann, spiele das Umfeld – und in dem Fall die (vermeintliche) Meinung der Wählerschaft  auch dann eine gewichtige Rolle, wenn es darum geht sein Kreuz zu machen. Grob gesagt: Je unsicherer man sich in seiner Entscheidung sei, so Reinemann, desto größer wird der Einfluss dieser sozialen Orientierung. 

Ein Phänomen, das bei Umfragen, die sich jetzt nicht gerade um die Sonntagsfrage drehen, auch durchaus zum Nutzen der Auftraggeber ausgelegt werden kann. Wenn es etwa heißt, 91 Prozent der Befragten seien gegen eine Steuererhöhung, lohnt es sich in der Analyse auch genauer auf die Fragestellung zu achten. Bei dem konkreten Fall handelt es sich um eine zum Anschauungsbeispiel für manipulative Umfragen gewordene Befragung im Auftrag der deutschen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) aus dem Jahr 2013. Abgefragt wurden von dieser Lobbygruppe damals nur die Kategorien "Steuern erhöhen vs. Umverteilung". Eine Steuererhöhung für Reiche stand gar nicht zur Auswahl, sondern nur allgemein eine Erhöhung der "Steuern", so dass der Eindruck suggeriert wurde, eine entsprechende Erhöhung würde alle treffen.

„Ohne selbst über fundiertes Wissen zu verfügen, können Umfragen so auch meine Einstellung zu einem Thema beeinflussen“, sagt Carsten Reinemann in einem Podcast des Deutschlandfunks.

Zurück zu den Wahlgängen. Laut einer von Reinemann und seinem Team durchgeführten Studie, stuften rund ein Drittel der Wähler Wahlumfragen für wichtig für ihre Entscheidung ein. Immerhin ein Fünftel gab an, dass es seine Wahl ändern würde, wenn sichtbar würde, dass die präferierte Partei in Umfragen keine Chance habe. Fast die Hälfte gab an, sie würde sich bestärkt fühlen, wenn viele Menschen jene Partei wählen, die sie auch wählen würden. Ein Viertel der Spätentscheider meint, Meinungsumfragen würden für sie eine sehr gewichtige Rolle spielen.

Zirkelschluss in unbekanntem Ausmaß

Herbert Simon meinte deswegen schon 1954, Institute müssten sich eigentlich überlegen, welchen Einfluss ihre Umfragen auf die Menschen haben und dann erst die Zahlen veröffentlichen, die diesen Effekt bereits berücksichtigen. Damit am Ende dann keiner sagen kann, die Meinungsforscher hätten sich wieder einmal geirrt.

Gut zu beobachten war das etwa bei der US-Wahl. Anders als bei der knappen Brexit-Entscheidung hätte die Meinungsforscher das Meinungsklima da tatsächlich falsch eingeschätzt. "Es gab eine monatelange intensive Medienkampagne für Hillary Clinton. Das führte in der Befragungssituation dazu, dass die ehrlichen Antworten geringer ausfallen", meint Bachmayer.

"Soziale Erwünschtheit" nennt das der Experte. In Österreich hätte man mit diesem Faktor schon mehr Erfahrung. Zu Jörg Haiders Zeiten hätte das OGM Umfragewerte der FPÖ mit dem Koeffizienten 1,3 aufgewertet. Ein Wert, der auf Erfahrungen aus vergangen Wahlen resultiert. „Wer glaubt, dass dem genaue, komplexe, mathematische Modelle zugrundeliegen, der irrt. Den Algorithmus für das menschliche Wahlverhalten gibt es nicht“, meint Hajek. "Und überhaupt sei der Effekt bei der FPÖ nicht mehr zu beobachten. "Inzwischen bekennt man sich auch zur FPÖ."

Genau umgekehrt war es jahrelang bei den Grünen, die in Umfragen stets besser abschnitten als später bei der Wahlurne. Wobei sich auch diese Tendenz in den vergangenen Jahren abgeschwächt habe, meint Bachmayer.

Wie genau Umfragen die Wahlentscheidung des Einzelnen letztlich beeinflussen, das ist schwierig zu erheben. Keiner weiß, welche Schlüsse Wähler aus den Umfragewerten ziehen, meint Reinemann. Während die einen vielleicht nicht gerne zu den Verlierern gehören und schon deshalb die projizierten Gewinner wählen, haben die anderen vielleicht Mitleid mit den vermeintlich Geschlagenen. 

Wieso lagen Demoskopen bei Hofer so daneben?

Klar ist jedenfalls: Meinungsforscher haben's immer schwerer. Zum einen, weil Wählergruppen wie Junge oder Wähler bildungsferner Schichten immer schwerer durch die klassischen Telefonumfragen erreichbar sind, was jedoch mittels kombinierter Umfragemodelle - etwa ein Drittel wird online befragt, zwei Drittel via Telefon (ein Drittel Festnetz, zwei Drittel mobil) - kompensiert werden kann.

Dramatischer fällt der rapide Wandel der politischen Landschaft ins Gewicht. Zur Erinnerung: Zwei der drei aussichtsreichsten Spitzenkandidaten haben sich noch nie zu einer Wahl gestellt, das Team Stronach gibt's nicht mehr, von den zehn bundesweit antretenden Listen sind fünf zum allerersten Mal dabei. "Die politische Landschaft ist komplexer geworden, so wie die Gesellschaft komplexer geworden ist. Wir sprechen von einer Gesellschaft der Singularitäten. Es gibt nicht mehr die Arbeiterklasse, die Bauern, die Gesellschaft hat viele kleine Gesellschaftsinseln", sagt Hajek. Das Ergebnis: Meinungsforscher können immer weniger auf Erfahrungswerte zurückgreifen.

Besonders ins Gewicht fiel das zuletzt beim ersten Wahlgang zur Bundespräsidentenwahl. In Umfragen lag Norbert Hofer eine Woche vor dem 24. April noch bei 24 Prozent – ein Prozent hinter Alexander Van der Bellen. Am Ende gab’s für Hofer 35, für Van  der Bellen 21 Prozent. Aber womit hätten die Meinungsforschunginstitute ihre Umfrageergebnisse vergleichen sollen? "Es ist ja sinnlos, Norbert Hofer mit der vorigen Spitzenkandidatin der FPÖ, Barbara Rosenkranz zu vergleichen", meint Hajek. Die sogenannte "Rückerinnerungsfrage" mit der das Wahlverhalten bei vergleichbaren Wahlen abgefragt wird, fällt damit als wichtiges Kriterium für Demoskopen weg. "Beim zweiten Urnengang waren die Umfragen dann wieder weitestgehend richtig", meint Hajek.;

Vielleicht klappt es diesmal ja schon beim ersten Versuch. Gewählt wird jedenfalls erst am Sonntag. Dann zählt's.

(KURIER) Erstellt am
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