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08.07.2017

Wie wir besser miteinander auskommen können

Ein schönes reiches Land wird vom Polit-Hick-Hack gelähmt. Der österreichische Konfliktforscher Wolfgang Dietrich befindet, dass wir das Miteinander viel besser können.

Die Vermittlung in Konflikten und deren Wendung vom zerstörerischen Gegeneinander zum kreativen Miteinander: Das ist sein Kerngeschäft. Wolfgang Dietrich leitet an der Universität in Innsbruck den von der UNESCO mit einem Gütesiegel versehenen und vom Land Tirol finanziell geförderten Arbeitsbereich Frieden und Konflikt. Der angeschlossene Master-Lehrgang ist weltweit anerkannt.

Zur Person: Wolfgang Dietrich

1956 geboren in Innsbruck, wurde in Österreich und in England ausgebildet. Er ist Politologe, Soziologe, Historiker, Jurist und Germanist. Als Friedensforscher hat er in Zentralamerika, Indien, Ostafrika und in der Karibik geforscht und unterrichtet. Heute fungiert er u. a. als Chairholder des UNESCO Lehrstuhls für Friedensforschung an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck.

Im KURIER-Interview erläutert der Konfliktforscher, wie wir besser miteinander auskommen könnten.

KURIER: Herr Professor Dietrich, mögen Sie eigentlich Ihre Nachbarn?

Wolfgang Dietrich: Ich wohne in einem kleinen Dorf im Oberinntal. Dort wurde ich geboren – und dort möchte ich auch begraben werden. Der Ton mag bei uns am Land manchmal ein bisserl laut und ein bisserl rau sein. Aber ich schätze alle Dorfbewohner und glaube, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Auch einige wirklich gute Freunde wohnen in meinem Dorf.

Sie haben einmal erklärt: "Mit reinem Verstand ist ein Konflikt lösbar wie eine mathematische Gleichung." Wozu brauchen wir dann Ihre Expertise?

Weil wir Menschen einen Verstand haben, aber gleichzeitig von sexuellen, emotionalen und spirituellen Anteilen unseres Seins getrieben werden. Wir werden von unseren Familien geprägt, von Nachbarschaften oder – wie in meinem Fall – von einer Dorfgemeinschaft, und auch von abstrakten Erzählungen über uns Land. Konflikte sind also menschlich, sie lassen sich gerade deshalb nicht mit reinem Verstand lösen.

Apropos: Welche Fähigkeiten braucht es, um bereits bestehende Konflikte zu lösen?

Es braucht auf der Seite des Konfliktarbeiters das Bewusstsein über das ganze Spannungsfeld der menschlichen Natur, die wie gesagt weit über die Vernunft hinaus geht. Wenn ich nur auf der rein rationalen Ebene kommunizieren kann, werde ich scheitern. Deshalb bilden wir unsere Studierenden im breitest möglichen Selbstverständnis ihrer ganzen Persönlichkeit aus.

Und was ist notwendig, damit ein Gegeneinander erst gar nicht entsteht?

Ein Gegeneinander darf entstehen. Grundsätzlich ist ja an Konflikten nichts auszusetzen. Konflikte sind ein wunderbar natürliches Phänomen im menschlichen Zusammenleben. Sie können uns in unseren Beziehungen und in unserem Leben entscheidend weiter bringen.

Solange sie nicht mit Waffengewalt ausgetragen werden.

Dann sind es in diesem Sinn des Wortes auch keine Konflikte mehr, obwohl sie in den Medien so genannt werden. Gewalt ist das tragische Ergebnis gescheiterter Versuche, Konflikte zu verarbeiten. Nicht der Konflikt ist das Problem, sondern die Art, wie wir mit dem Konflikt umgehen. Von der Gehirnforschung haben wir gelernt, dass wir Menschen von Natur aus auf Kooperation und nicht auf Kampf angelegt sind. Voraussetzung für Kooperation ist der Respekt vor dem Anliegen oder dem Bedürfnis der anderen. Das können wir Menschen grundsätzlich sehr gut. Nur wenn wir gelegentlich damit scheitern, gibt es eine Schlagzeile – auch in Ihrer Zeitung.

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Welches positive Beispiel fällt Ihnen spontan ein?

Die vielen kleinen Frieden im Alltag, über die wir alle kein großes Aufsehen machen. Auf der geopolitischen Ebene fällt mir spontan Angela Merkel mit ihrer Botschaft "Wir schaffen das" ein. Das war in meiner Wahrnehmung ein Signal aufrichtigen Respekts vor dem menschlichen Leben und vor dem menschlichen Leid. Und wenn ich mir heute die aktuellen Wirtschaftsdaten der Deutschen ansehe, bestätigt sich doch, dass sie nicht nur menschlich, sondern auch sachlich richtig lag.

Apropos politische Strategie: Wie bewerten Sie eigentlich die Streit- und Diskurskultur in der österreichischen Innenpolitik?

Mein Eindruck ist, dass bereits über einen ziemlich langen Zeitraum die eigentlichen politischen Zielsetzungen von einer oberflächlichen und auf kurzfristigen Erfolg ausgerichteten Taktik überlagert werden. Das hilft nicht weiter. Auch wenn das mit Sicherheit kein rein österreichisches Phänomen ist.

Auch wenn das kein österreichisches Phänomen ist: Was raten Sie den derzeit handelnden Entscheidungsträgern?

Ich war und ich bin durch meinen Beruf viel im Ausland unterwegs. Daher fällt mir auf, dass wir in Österreich in einem der reichsten Länder der Welt leben, in dem vieles trotz aller Mängel sehr gut funktioniert und in dem es den Menschen so gut wie nie zuvor und auch kaum woanders geht. Diese Beobachtung steht in einem krassen Widerspruch zur schlechten Stimmung im Land. Und die wird auch von den politischen Verantwortungsträgern, die ja überwiegend gute Sacharbeit machen, selbst herbei geredet. Das ist absurd. Man sollte realistischer und daher positiver werden.

Gibt es etwas, was wir Medienvertreter beachten sollten?

Es besteht – und dies auch schon seit Längerem – eine unglückliche Allianz aus Parteisekretariaten, Politologen, Meinungsforschern und Medien, die Politik im Stile einer Fußballberichterstattung aufbereiten. Wir sollten die Unterhaltung nicht den Politikberatern, sondern Herbert Prohaska und dem Fußball überlassen. Und ganz ehrlich: Warum soll uns interessieren, wie eine Wahl ausgehen würde, die am nächsten Sonntag nicht stattfindet?

Viel war zuletzt vom Hass im Internet die Rede. Wo sehen Sie die friedlichen Potenziale der sozialen Medien?

Nehmen Sie zum Beispiel die Facebook-Gruppe der Absolventen unseres Master-Lehrgangs: Die sind heute in der ganzen Welt verstreut und unterstützen sich gegenseitig. Ich erinnere mich an die dramatische Anfrage eines jungen Mannes, der im Auftrag des Roten Halbmonds in Syrien unterwegs war und plötzliche den IS direkt vor seinen Augen hatte. Das Internet kann helfen, sich in Echtzeit hochkonstruktiv zu informieren und gegenseitig zu unterstützen.

Leben wir aktuell in einem solidarischen oder einer entsolidarisierten Epoche?

Wir leben in beiden. Es gibt für beides Belege. Dem zuletzt öfters geäußerten Befund, dass wir friedlicheren Zeiten entgegenstreben, kann ich als jemand, der sich mit der Gegenwart beschäftigt, wenig abgewinnen. Die Vorstellung von einer besseren Zukunft verstellt auch das Bild auf die realen Herausforderungen im Jetzt.