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03.07.2017

"Österreich fällt bei Gleichstellung von Frau und Mann sogar zurück"

Alte Machtstrukturen, Wertvorstellungen und starre Rollenbilder bremsen die Gleichberechtigung in Österreich mehr denn je aus. Eine Gefahr für unsere Demokratie?

Feminismus gilt in Österreich nach wie vor als Reizwort, und auch sonst erlebt das Land in puncto Gleichstellung viele Rückschritte. Am eindrücklichsten zuletzt im "Global Gender Gap Report" des Weltwirtschaftsforums nachzulesen, in dem Österreich auf Platz 52 von 144 Ländern abrutschte. Im Jahr 2015 lagen wir immerhin noch auf Platz 37. Unschönes Detail: Bei der Lohngerechtigkeit dümpelt das Land im internationalen Vergleich auf Platz 100 herum. Beim "Women in Work-Index" rangiert Österreich unter 33 OECD-Ländern nur auf Rang 22.

Was muss passieren, um die Frauen im Land zu stärken? Darüber spricht Manuela Vollmann, Geschäftsführerin der Gleichstellungsorganisation abz*austria, im KURIER-Interview.

KURIER: Sie haben Ihr Studium mit einer Diplomarbeit zum "Mythos von der geschlechtsneutralen Chancengleichheit" abgeschlossen. Was hat sich seither verändert?

Manuela Vollmann: Es hat sich einiges verändert, das ist ja über 30 Jahre her. Das allgemeine Bewusstsein, dass Frauen und Männer das gleiche können, wenn sie die gleichen Rahmenbedingungen vorfinden, hat sich mehr verankert. Gleichzeitig hat sich in vielen Bereichen auch kaum etwas verändert. Frauen erhalten in Österreich nach wie vor viel weniger Einkommen, ein hoher Prozentsatz arbeitet Teilzeit. Auch wenn Frauen Vollzeit arbeiten, sind sie meistens diejenigen, die zu Hause die unbezahlte Arbeit leisten. Was leben wir da vor? Wir brauchen sehr rasch einen Masterplan – auch im Sinne der nächsten Generationen.

Laut Gender Gap Report 2016 ist Österreich beim Thema Frauen-Gleichstellung im internationalen Vergleich signifikant abgerutscht, wir belegen nur mehr Platz 52 von 144 Ländern. Vor uns liegen etwa Kasachstan, Bulgarien oder Burundi. Das sieht nach Backlash bzw. Stillstand aus.

Wir haben manches gut hinbekommen, in vielen Dingen hängen wir aber nach. Positiv ist, dass etwa viel in die Bildung investiert wurde. Es maturieren mehr Frauen, es schließen mehr Frauen ein Studium ab. Dennoch hat sich bei der Wahl der Schul- und Studienfächer wenig getan. Und auch bei der Lehre wählen Frauen nach wie vor vor allem Berufe wie Verkäuferin, Frisörin, Bürokauffrau. Auf der anderen Seite ist es für Männer, die nicht-traditionelle Wege gehen wollen, schwierig. Da ist es auch nicht gelungen, Rollenstereotype aufzubrechen. Empowerment ist in diesem Zusammenhang ein wesentlicher Faktor.

Woran liegt das?

Wir sind ein sehr wertekonservatives Land, mit ausgeprägten traditionellen Rollenbildern. Kindererziehung und Kinderbetreuung ist in Österreich selbst bei gut ausgebildeten Frauen immer noch Frauensache und stellt einen großen Einschnitt in weibliche Karrieren dar. Solche Rollenstereotype kann man teils dadurch auflösen, indem man die nötige Infrastruktur schafft. Da braucht es allerdings viele Hebeln, etwa bei der Kinderbetreuung nach dem ersten Lebensjahr, Ganztagsschulen usw., sodass die Vereinbarkeit einfacher wird. Wir benötigen eine Wahlmöglichkeit, die ist derzeit Schimäre.

Hat der erwähnte Backlash auch mit der aktuellen politischen Entwicklung zu tun?

Ich bin lösungsorientiert und finde, dass die Lösungsansätze kaum in der Ideologie zu finden sind. Wir brauchen keine ideologischen Diskussionen, sondern Maßnahmen, die Menschen konkret nützen. Damit meine ich Infrastruktur, Ganztagsschulen, neue Arbeits- und innovative Führungsmodelle.

Sie erwähnten vorhin einen Masterplan – meinen Sie damit eine Art neues Gleichstellungspaket?

Richtig. Um unsere Wirtschaft und Volkswirtschaft zu unterstützen und unsere Demokratie – denn Frauenrechte sind Menschenrechte. Wir gefährden unsere Demokratie, wenn wir nicht die Möglichkeit schaffen, dass eine Frau Technikerin oder ein Mann Kindergärtner werden kann. Darum empfinde ich Ideologie als schlechte Ratgeberin für Offenheit, Fortschritt und Wohlstand. Wir arbeiten bei abz*austria mit konkreten Maßnahmen, mit Menschen und Unternehmen, weil das Vereinbarkeitsthema nicht nur ein Frauen-/Männerthema ist, sondern auch ein Managementthema.

Wäre aus Ihrer Sicht eine Art feministisch geprägtes Bildungsprogramm nötig?

Ja, wir benötigen ein gleichstellungsorientiertes Schulbildungsprogramm. Darüber hinaus sind lebensbegleitendes und arbeitsplatznahes Lernen zentrale Bildungsthemen, die in Zeiten der Digitalisierung relevanter denn je sind. Hier muss man sich fragen, wie die Bildung und die Arbeitswelt in Zukunft gestaltet werden müssen. Was brauchen Unternehmen dafür?

Zum Thema "feministisch": Mir ist wichtig, dass wir von inklusivem Feminismus reden. Das bedeutet, Frauen in all ihren vielfältigen Bedürfnissen zu berücksichtigen und mit Männern Allianzen zu schmieden, um gemeinsam Gleichstellungsziele zu erreichen. Wichtig ist, dass wir Mädchen und Buben schon sehr früh eine Vielfalt an Rollen- und Handlungsmöglichkeiten bieten, und dazu brauchen wir Lehrende und pädagogisches Personal, die das reflektieren können. Das heißt gendersensible Aus- und Weiterbildung im Bereich Volksschule, Mittelschule und Gymnasium sowie Universitäten. Das muss sich entwickeln können und manifestieren, das muss in die DNA der Menschen – und in die DNA des Staates. Deshalb plädiere ich für ein ernsthaftes Gleichstellungsprogramm. Das wird nur gelingen, wenn das Frauenministerium mit mehr Geld und Durchgriffsrechten ausgestattet wird.

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Warum hat sich die Väterkarenz in Österreich nicht durchgesetzt?

Hier sind wir wieder bei der Imagegeschichte. Wir dachten, dass das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld mehr bewirken würde, aber es hat bei weitem weniger bewirkt als erhofft, weil wir diese Stereotype immer noch im Kopf haben. Wir wissen, dass mehr Väter gerne in Karenz gehen würden, aber letztendlich dann doch nicht tun, weil sie durchaus auch auf Gegenwind stoßen.

Es kommt die Frauenquote im Aufsichtsrat. Wie sinnvoll sind Sanktionen?

Ich brauche keine Quote einführen, wenn es keine Sanktionen gibt. Es gibt viele Firmen mit genügend Ressourcen, Qualitätsentwicklung und Führungskräfteentwicklung, et cetera. Aber wenn es darum geht, zu schauen, ob dort Frauen entsprechend abgebildet sind, und Frauen nach wie vor die gläserne Decke erfahren oder – im Falle von Frauen mit migrantischem Hintergrund – die gläserne Tür, dann denke ich mir: Quote her, und Sanktionen.

Im Gegensatz dazu gibt es die eher kleinen und mittleren Betriebe, die den Willen haben, etwas für Frauen zu tun, aber es fehlt an Ressourcen. Hier müsste es ein Zusammenspiel geben – mit Programmen und entsprechendem Support.

Was machen andere Länder besser – ist Island Vorbild für Österreich?

Ja, aber das ist noch eine Illusion. Dort sind drei Monate Karenzzeit für den Vater, drei für die Mutter reserviert, und weitere drei Monate können individuell aufgeteilt werden. Wenn der Vater auf seine drei Monate verzichtet, verfallen die. Es gibt keine Alternative – Motto: choose it, or lose it. Damit sich hier etwas verändert, braucht es ein systematisches Karenzmanagement in Unternehmen, qualifizierte Teilzeit, Führung in Teilzeit sowie Jobsharing. Ich denke da zum Beispiel auch an die Arbeitszeitflexibilisierung, das muss zu einer politischen Agenda werden. Da kann es nicht um den 12-Stunden-Tag gehen. Wir brauchen Modelle wie 30-30-Wochenstunden in gewissen Lebensphasen, zum Beispiel für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen oder pflegebedürftigen Angehörigen.

In Österreich arbeitet fast jede zweite Frau Teilzeit.

Wichtiges Thema, wenn wir das nicht angehen, müssen wir uns bald mit der Altersarmut von Frauen beschäftigen. Vielen Frauen ist nicht bewusst, was es wirtschaftlich bedeutet, langfristig Teilzeit zu arbeiten. Da bräuchte es dringend eine Kampagne – nicht im Sinne, dass Teilzeit schlecht ist, sondern im Sinne eines alternativen Angebots. Was wir brauchen, sind lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle, für Frauen und Männer, eine gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie eine Erwerbsarbeit, die ein gutes Leben ermöglicht und im Alter absichert.

Sie unterstützen das Frauenvolksbegehren, was erhoffen Sie sich davon?

Ich finde gut, dass sich die jungen Frauen das auf die Fahne geheftet haben. Wichtig wird es sein, die Frauen und Männer im ganzen Land zu aktivieren – verbunden mit der Frage, wie man die Forderungen und deren Nutzen für alle ÖsterreicherInnen vermitteln kann.

Die Forderungen des Frauenvolksbegehrens sind absolut notwendig und im 21. Jahrhundert endlich zu realisieren.

Zur Person

Die Expertin

Manuela Vollmann hat sowohl Philosophie als auch Pädagogik studiert – mit Schwerpunkten wie zum Beispiel Erwachsenenbildung und Schulpädagogik sowie feministische Wissenschaft/Frauenforschung. Seit 1992 ist Vollmann Geschäftsführerin des Non-Profit-Unternehmens abz*austria. Sie wurde u. a. mit der Johanna-Dohnal-Auszeichnung und dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien geehrt. Auch abz*austria selbst wurde mehrfach ausgezeichnet – etwa mit dem Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung.

Das Unternehmen

abz*austria ist ein Non-Profit-Unternehmen, das sich seit der Gründung im Jahr 1992 in Wien die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft zur Aufgabe gemacht hat. Es ist gleichzeitig das größte Frauenunternehmen Österreichs. a steht für Arbeit, b für Bildung und z für Zukunft. Ziel ist z. B. die Herstellung von Vielfalt und gleichen Chancen am Arbeitsmarkt, in der Gesellschaft und in der Entwicklung. abz*austria entwickelt Lösungen für Wiedereinstieg oder Karenzmanagement. Info: www.abzaustria.at

Angst vor Verlust von Macht

Lieber als „anstrengende Feministin“ bezeichnet werden, als sich durch Stillschweigen an der Herabwürdigung von Frauen zu beteiligen. So lautet das Credo von Laura Wiesböck, Soziologin an der Universität Wien. Die 30-Jährige beschäftigt sich beruflich mit geschlechtlicher Arbeitsteilung und sozialer Ungleichheit in wissenschaftlichen Artikeln, Medienbeiträgen und in der Lehre. Privat ist ihr die Auseinandersetzung mit Sexismus und Gewalt gegen Frauen ein Anliegen. „Warum müssen wir uns immer noch mit so etwas beschäftigen?“ ist die Frage, die sich bei Wiesböck aufdrängt, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter in unserer Gesellschaft geht.

Dass diese noch immer nicht erreicht ist, führt sie auf mangelnden Willen zurück: „Aus Angst vor dem Verlust von Macht, männlicher Identität und Privilegien werden frauenpolitische Maßnahmen nur zögerlich vorangetrieben“, sagt Wiesböck. Den größten Aufholbedarf sieht sie in Österreich in puncto Gleichstellung unter anderem bei der Ausrichtung des Wohlfahrtstaates auf traditionelle Familienstrukturen. Auch fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen, sowie die mangelnde Anerkennung und Bezahlung von Arbeit in „weiblich geprägten“ Berufssparten seien gravierende Versäumnisse.

Rollenverteilung ist ein Problem

Dass eine gleichberechtigte Gesellschaft eine bessere ist, steht für Katharina Brandl und Therese Kaiser außer Frage. Die beiden haben in den vergangenen zehn Jahren unzählige Projekte umgesetzt, deren Fokus auf dem gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt liegt. Allen voran das Business Riot Festival, eine Arbeitsmarkt- und Kreativkonferenz, bei der Frauenförderung im Mittelpunkt steht und die zum nächsten Mal im März 2018 stattfindet. In diesem Bereich zu arbeiten, setzt laut Brandl und Kaiser viel Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz voraus. Denn noch immer würden längst überfällige Gesetzesnovellen seit Jahren im Gleichbehandlungsausschuss dümpeln und sich viele Geschlechterstereotypen hartnäckig halten.

Dennoch ist es den beiden wichtig, einen positiven Zugang zu behalten und Errungenschaften und persönlichen Emanzipationsgeschichten eine Öffentlichkeit zu geben. Dass Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in Sachen Gleichstellung schlecht abschneidet, sehen Brandl und Kaiser der konservativen Vorstellung der Rollenverteilung geschuldet. Das größte Problem in diesem Zusammenhang sei die ungleiche Verteilung von Betreuungsarbeit, die noch immer zum Großteil von Frauen verrichtet wird.

Es braucht einen langen Atem

Feminismus und Frauenpolitik sind für Viktoria Spielmann nicht nur ein politisches Anliegen, sondern eine Lebenseinstellung. Die 30-Jährige setzt sich in ihrer Arbeit beim AMS für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt ein. „Es gibt keinen Politikbereich, der geschlechtslos ist, daher trete ich auf allen Ebenen für Gleichstellung und Antidiskriminierung ein“, sagt Spielmann, die außerdem als Vorständin der AUGE/UG (Alternative und Grüne GewerkschafterInnen /Unabhängige Gewerkschafterin) tätig ist. Von Rückschlägen in Debatten um frauenpolitische Anliegen lässt sie sich nicht unterkriegen: „Systemveränderungen kommen nicht von heute auf morgen, da braucht es einen langen Atem.“

Spielmann ist überzeugt, dass Emanzipation und Gleichstellung nur dann gelingen können, wenn Gesellschaft und Politik für Frauen die Voraussetzungen für wirtschaftliche Unabhängigkeit von der Partnerschaft schaffen. Die Situation in Sachen Kinderbetreuung beurteilt sie als katastrophal. Aufholbedarf sieht sie insbesondere in der Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Die fehlenden Angebote in diesem Bereich würden vor allem für Alleinerzieherinnen ein großes Problem sein.