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Porträt
10/01/2019

Straches tiefer Fall: Einmal zu oft "Jetzt erst recht"

Heinz-Christian Strache führte die FPÖ fast 15 Jahre lang von Erfolg zu Erfolg. Am Ende fiel er umso tiefer.

von Christoph Schwarz, Raffaela Lindorfer

Es mutet fast wie ein Treppenwitz der Geschichte an: "Um eine Zerreißprobe und Spaltung der FPÖ um jeden Preis zu verhindern", verkündete der geschasste FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache heute, Dienstag, seinen "vollkommenen politischen Rückzug". 

Vor 17 Jahren war es eine genau solche Spaltung der Partei, die den gelernten Zahntechniker an die Spitze der FPÖ spülen sollte.

Heinz-Christian Strache hielt sich dort lange. Und führte die Partei, die nach dem Parteitag in Knittelfeld und der Abspaltung des BZÖ am Boden lag, wieder nach oben.

Er wurde zur blauen Identifikations- und Integrationsfigur. Umso schmerzhafter war wohl der Abschied von der Partei, der nach Ibiza- und Spesenaffäre unumgänglich wurde. Der Abgang kam spät. Zu spät, wie viele in der FPÖ sagen.

Denn die Skandale um den 50-Jährigen sind, da sind sich Analysten einig, der Hauptgrund für die blaue Wahlniederlage.

Lange Zeit war Strache erfolgsverwöhnt: Nur drei Jahre nach Knittelfeld, Strache war damals schon Parteiobmann in Wien und im Bund, holte er für Wiener FPÖ bei der Wien-Wahl 14,8 Prozent. Mehr als ein Achtungserfolg.

Weitere Stimmenzugewinne sollten folgen. Am Ende stand die Regierungsbeteiligung in der türkis-blauen Koalition, mit Strache als Vizekanzler. Ein Amt, in dem er sich "angekommen" fühlte.

Nur das Amt des Wiener Bürgermeisters, von dem er Zeit seines politischen Lebens träumte, wäre ihm vielleicht noch lieber gewesen.

Strache ist in der Wiener Partei sozialisiert. Deshalb waren es auch die Wiener Funktionäre, die bis zuletzt an ihrem Langzeit-Obmann festhielten.

Während aus anderen Ländern schon mehr oder weniger unverhohlene Forderungen nach einem Parteiausschluss kamen, spielte man in Wien noch mit dem Gedanken, Strache bei der Wien-Wahl wieder als Spitzenkandidaten antreten zu lassen.

Ein Leben für die Partei

Mit seiner Mutter, einer Alleinerzieherin, lebte Strache von Kindheit an im 3. Wiener Gemeindebezirk. Hier besuchte er auch die Handelsschule, die er abbrach, um eine Lehre als Zahntechniker zu machen.

Anfang der 1990er-Jahre lernte Strache hier den Zahnarzt und Bezirksobmann im 3. Bezirk, Herbert Güntner, kennen. Mit 21 Jahren wurde Strache jüngster Bezirksrat in Wien. Drei Jahre später, 1994, übernahm er als Bezirksobmann. 

Der Rest ist bekannt: Im Jahr 2004 wurde Strache als Nachfolger von Hilmar Kabas Wiener FPÖ-Chef, ein Jahr später auch Bundesparteiobmann.

"Solange ich nicht tot bin, hab' ich die nächsten 20 Jahre noch das Sagen", prahlte Strache an jenem verhängnisvollen 24. Juli 2017 auf Ibiza. Er sollte sich täuschen.

Nachdem die Ibiza-Affäre aufgeflogen war, beging er Fehler um Fehler. Aus Eitelkeit. Weil er (von seinen Facebook-Fans angestachelt) nicht die Finger von der Macht lassen konnte.

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"Der Chef"

In der Partei waren zu diesem Zeitpunkt schon viele von ihm enttäuscht. Nach seinem Rücktritt als Vizekanzler und Parteichef witterten zudem seine internen Gegner ihre Chance. "Der Chef", wie ihn viele nannten, war endlich nicht mehr unantastbar.

Zeitgleich legte Strache immer weiter nach - mit einem TV-Interview in einem russischen Propaganda-Sender und mit immer neuen Facebook-Postings, in denen er sich als Opfer inszenierte. Er kokettierte (und drohte) mit seiner Rückkehr.

Doch irgendwann funktionierte das "Jetzt erst recht" nicht mehr.

Und kurz vor der Wahl brachen dann die Dämme: Straches üppiges Spesenkonto - 47.000 Euro sollen ihm und seiner Frau Philippa monatlich zur Verfügung gestanden haben - wurde geleakt. Es folgten Debatten über teure Handtaschen, Rolex-Uhren und falsch verbuchte Rechnungen. Seine Gegner hatten zum Schlag ausgeholt.

Der "Red Bull Brother"

Straches Lebensstil bot eine breite Angriffsfläche. Legendär sind seine Sommerreisen nach Ibiza. Seine engsten Freunde begleiteten ihn über Jahre hinweg auf die Ferieninsel.

Wer auf Ibiza dabei war, war im Kreis des Vertrauens. Am Strand (und in vermeintlichen Oligarchen-Fincas) wurde blaue Politik gemacht.

So gefiel sich Strache: Als Lebemann, als "Red Bull Brother from Austria". (Den Vodka hatte er in seinem mittlerweile legendären Zitat auf Ibiza weggelassen.) Die Wiener FPÖ pflegt(e) einen gehobenen Lebensstil, der bei vielen in der Partei nicht gut ankam.

Etwa bei Herbert Kickl, dem Asketen, der sich in der Wiener Partie nie wirklich wohl fühlte. Und doch gehört Kickl zu den HC-Machern: Er sorgte mit Slogans wie "Daham statt Islam" für Furore, erfand den "HC Man" - und ist damit einer der Väter der blauen Wahlerfolge.

Das Verhältnis von Kickl und Strache war ein besonderes: Kickl gab programmatisch die Stoßrichtung vor, er war der Chef-Ideologe. Strache war das Gesicht nach außen.

Klarer Rechts-Kurs

Inhaltlich verfolgten die beiden einen klaren Rechts-Kurs, der Kampf gegen die Zuwanderung war über weite Strecken das beherrschende Thema.

Gefischt hat die FPÖ unter Strache (wie schon unter Jörg Haider) damit aber nicht nur bei Rechten. Als "Partei des kleinen Mannes" wurde man auch bei den Arbeitern stark - und verdrängte in diesem Wählersegment sogar die SPÖ.

Interessant: Auch bei den Migranten selbst konnte man mit der Neid-Debatte punkten, die die FPÖ immer wieder befeuerte. Besonders den serbischen Zuwanderern biederte man sich an. Ein großes Stimmenreservoir, Serben sind nach den Deutschen die stärkste Zuwanderer-Gruppe. Eine Zeit lang ließ sich Strache sogar mit Brojanica, einem serbischen Armband, plakatieren.

Zuletzt gab sich Strache zunehmend (auch optisch - mit Brille) staatstragend. Bei rechtsextremen "Einzelfällen" begann man, härter durchzugreifen. Man musste den Schein wahren, wenn man in die Regierung wollte, das wusste Strache. Fürs Poltern war weiterhin Herbert Kickl zuständig.

Dass sich ausgerechnet Kickl am Ende gegen Strache wandte, muss diesen besonders schmerzen.

Plötzlich Privatmann

Wie es mit Strache nun weiter geht? Ein mögliches privatwirtschaftliches Engagement in der Immobilienbranche, das Strache vor einiger Zeit ankündigte, scheiterte. Aus der eigenen Liste, mit der er der FPÖ bei der Wien-Wahl Konkurrenz machen wollte, dürfte nun auch nichts werden.

Strache ist nun jedenfalls Privatmann - mit mehr Zeit für seine drei Kinder. Einen neun Monate alten Sohn hat er mit seiner zweiten Frau Philippa. Sie avancierte zuletzt selbst zur FPÖ-Politikern. Jetzt ist unklar, ob sie ihr Nationalrats-Mandat annimmt.

Die politische Rückkehr von Heinz-Christian Strache, für immer ausgeschlossen? Sicher ist das nicht. Wenn es der neuen FPÖ-Führung nicht rasch gelingt, die Partei zu konsolidieren und die Facebook-Fans nur laut genug betteln, könnte Strache irgendwann einmal mehr Anleihen bei seinem früheren Mentor Jörg Haider nehmen: Immerhin gehört das "Bin weg, bin wieder da" ja fast zur freiheitlichen DNA.

Heinz-Christian Strache: Stationen einer Politikerkarriere

Frühe Kontakte zur Rechtsxtremen

Noch Jahre vor seinem Eintritt in die FPÖ gerät Heinz-Christian Strache in den Dunstkreis von Rechtsextremisten. Im Alter von 15 Jahren wird Strache Mitglied der deutschnationalen schlagenden pennalen Burschenschaft Vandalia. Dort trifft er auf Personen wie Gottfried Küssel, einer führenden Figur der heimischen Neonazi-Szene, und Norbert Burger, Gründer der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei, die später wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung aufgelöst wurde. Mit Burgers Tochter war Strache auch sieben Jahre liiert, Burger senior bezeichnete Strache später sogar als „Vaterersatz“.

Paintball oder Wehrsport?

Mitte der achtziger Jahre nahm Strache an von Burschenschaften organisierten nationalen Zeltlagern in Kärnten teil, im Zuge derer auch Bilder entstanden, die ihn mit bekannten Neonazis bei paramilitärisch anmutenden Übungen im Tarnanzug zeigen. Strache verteidigte sich gegen den Vorwurf, es handle sich um Wehrsportübungen, in Wahrheit hätte es sich um Paintball-Spiele gehandelt.

Jüngster Bezirksrat Wiens

Anfang der neunziger Jahre lernt Strache den damaligen FPÖ-Bezirksobmann von Wien-Landstraße, Herbert Güntner kennen, der ihn in die Partei lotst. 1991 wird Strache im Alter von nur 21 Jahren jüngster Bezirksrat in Wien. 1994 löst er Güntner als Bezirksobmann ab. 1996 verlässt Strache die Bezirkspolitik und wird Landtags-Abgeordneter sowie Mitglied des Landesparteivorstands der Wiener Freiheitlichen. 1997 und ’98 ist Strache außerdem geschäftsführender Landesobmann des Rings Freiheitlicher Jugend (RFJ).

Übernahme der Landespartei 2004

Im März 2004 folgt der nächste Karriereschritt: Strache wird zum Wiener Landesparteiobmann gewählt und Mitglied des Bundesparteivorstands. Zu dieser Zeit befindet sich die Bundespartei in einer ihrer größten Krisen. Im Oktober 2003 musste Herbert Haupt den Posten des Vizekanzlers im Kabinett Schüssel I an Hubert Gorbach abgeben, im Juli 2004 endete die EU-Wahl mit einer krachenden Pleite für die FPÖ, die von 23,4 auf 6,3 Prozent abstürzte.

Bundesparteiobmann 2005

Die freiheitliche Dauerkrise führt 2005 zur Parteispaltung von Knittelfeld. Am 23. April des Jahres wird Heinz-Christian Strache nach der Abspaltung von Jörg Haider und seinen Getreuen mit dem  Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) zum Bundesparteiobmann der FPÖ gewählt. Bereits kurz danach, nämlich im Oktober 2005, fährt Strache einen Achtungserfolg ein und führt die FPÖ bei der Wiener Landtagswahl zu 14,8 Prozent der Stimmen. Das war zwar ein Verlust von über fünf Prozent, aber immer noch ein deutlich besseres Ergebnis als weithin befürchtet. Strache wurde daraufhin Klubobmann im Wiener Landtag.

Vielkritisierte Wahlkampagne 2006

Bei der Nationalratswahl im darauffolgenden Jahr konnten Strache und die Freiheitlichen 11 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen und damit ein leichtes Plus von einem Prozentpunkt im Vergleich zu 2002 verbuchen. Die blaue Werbekampagne zur Nationalratswahl war die erste, in der Herbert Kickl fröhlich vor sich hin-reimen durfte. Das Ergebnis: Sprüche wie „Daham statt Islam“ oder „Pummerin statt Muezzin“, die von vielen Seiten als rassistisch und fremdenfeindlich kritisiert wurden.

Fotos von Wehrsportübungen werden öffentlich - Kühnengruß

2007 werden die Fotos der vermeintlichen Wehrsportübungen veröffentlicht. Österreichische Medien drucken ebenfalls ein Foto, auf dem Strache den Drei-Finger-Gruß, respektive Kühnengruß zeigt – eine in der Neonazi-Szene geläufige Abwandlung des Hitlergrußes. Strache behauptet danach, dass er in dieser Situation lediglich drei Bier bestellen wollte und nie ein Neonazi gewesen sei.

Nationalratswahl 2008

Bei der Nationalratswahl 2008 erreicht Strache mit der FPÖ 17,5 Prozent – ein Zuwachs von 6,6 Prozentpunkten. Im Wahlkampf liefert er sich unter anderem ein legendäres TV-Duell mit seinem ehemaligen Förderer Jörg Haider (Strache schenkte Haider ein künstliches Rückgrat), der kurz nach der Wahl bei einem Autounfall tödlich verunglückt.

Landtagswahl Wien 2010

Noch besser schneidet Strache 2010, als Spitzenkandidat der Wiener FPÖ bei den Landtagswahlen ab. Mit 25,77 Prozent erreicht er das bis dahin beste Ergebnis seiner Karriere. Zu einem „Duell um Wien“ – wie es die FPÖ am Wahlkampfbeginn ankündigt – kommt es allerdings nicht. Wie auch in den darauffolgenden Jahren unterliegt Strache seinem Langzeitkontrahenten Michael Häupl (SPÖ) klar. Wahlkampf-Highlight: Der Strache-Rap "HC goes Wiener Blut".

Nationalratswahl 2013

Auf Bundesebene geht der Aufwärtstrend der FPÖ weiter. Bei der Nationalratswahl 2013 erreicht Spitzenkandidat Strache mit dem Leitspruch „Nächstenliebe“ und einem weiteern Anti-Asylwerber-Wahlkampf 20,5 Prozent. Die Teilnahme des Team Stronach verhindert einen möglichen Wahlsieg der FPÖ.

2015: Duell um Wien

2015 wird das „Duell um Wien“ von Medien und Meinungsforschern angekündigt. Die Themenlage für Strache ist im Oktober 2015 kurz nach dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle ausgezeichnet. Mit 30,8 Prozent erreicht er auch das beste historisch beste FPÖ-Ergebnis in Wien. Er bleibt aber knapp neun Prozentpunkte hinter Häupl und kann eine Neuauflage von Rot-Grün nicht verhindern.

2017: Vizekanzler

2017 gibt sich Strache im Wahlkampf versucht staatstragend. Pech für ihn: Hätte Sebastian Kurz nicht für die ÖVP kandidiert, hätte die FPÖ durchaus Chancen auf den ersten Platz gehabt. So muss sich Strache mit Platz drei zufriedengeben. Dafür erreicht er mit 25,97 Prozent sein bestes Ergebnis auf Bundesebene, wird in Koalition mit der nunmehr türkisen ÖVP Vizekanzler und Sportminister der Republik Österreich.

Ibiza

Am 17. Mai 2019 erblickt einer der größten Skandale der Zweiten Republik das Licht der Öffentlichkeit. Deutsche Medien veröffentlichen das Ibiza-Video, das Strache kurz vor der Nationalratswahl 2017 zeigt. Der „Red-Bull-Brother from Austria“ zeigt im heimlich aufgenommenen Video Bereitschaft, einer vermeintlichen, russischen Oligarchin, die Kronen Zeitung zu verkaufen und staatstragende Unternehmen zu schröpfen. Strache tritt zurück, Kanzler Kurz beendet die Koalition, es kommt zu Neuwahlen. Bei der Europawahl am 26. Mai bekommt er beinahe 45.000 Vorzugsstimmen. Strache verzichtet auf ein Mandat. In den kommenden Monaten inszeniert sich Strache als Opfer einer Intrige – seine politische Karriere kann er dennoch nicht mehr retten.

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