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Politik Inland
04/02/2021

Vier Frauen, vier Karrieren, vier Wege in den Pflegeberuf

Österreichweit werden derzeit rund 2500 Menschen über das AMS in den Pflegebereich umgeschult. Der KURIER hat vier von ihnen zum Gespräch über ihre Beweggründe gebeten.

von Johanna Hager, Elisabeth Hofer

Um den eklatanten Mangel an Pflegekräften  mittel- und langfristig zu decken, hat die türkis-grüne Regierung unter anderem eine Arbeitsstiftung ins Leben gerufen. Gegenwärtig  lassen sich rund 2.500 Menschen über das AMS umschulen. Bis 2030 fehlen allerdings sagenhafte 100.000 Pflegekräfte – bis 2050 sogar geschätzte 143.000.

Der KURIER hat mit vier Frauen gesprochen, die sich derzeit zur Pflegekraft umschulen lassen und sie gefragt, was ihre Beweggründe sind.

„Oft höre ich den Satz: Das, was Du machst, das könnte ich nie!“ 

Julia Beck. „Willst Du wirklich Urin-Kellner werden?“ Mit Fragen wie dieser ist Julia Beck zu Beginn ihrer Ausbildung zur Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Hollabrunn konfrontiert. „Dabei umfasst der Beruf so viel mehr als die Schutzhose zu wechseln oder Pflegebedürftige zu waschen“, sagt die 25-Jährige. Berührungsängste? „Nein, die hatte ich nie.“ Nach der Matura ist sie in der Justiz, ehrenamtlich als Rettungssanitäterin und bei „144 Notruf Niederösterreich“ als Calltakerin tätig. „Nur mit der Stimme zu arbeiten, das war mir irgendwann zu wenig.“ Sie will anpacken, wie sie sagt. „Im ersten Praktikum“, wir schreiben 2018, „gab es so viel Neues. Viele Situationen, in denen ich mich teils auch überfordert gefühlt habe. Aber es war immer jemand da, der gesagt und gezeigt hat, wie es geht. Da habe ich gewusst: Das passt, das will ich.“ Kurz vor dem Abschluss will sie noch immer – und mehr. „Ich möchte noch die Sonderausbildung zur Anästhesiepflegerin machen.“ Derzeit lebt sie vom AMS-Fachkräftestipendium, der Familienbeihilfe und Schulgeld vom Land Niederösterreich. Beck hat den „Küken-Status“ ihrer Klasse hinter sich gelassen und viel gelernt.

„Und zwar für mein komplettes Leben: Vom Wissen über den menschlichen Körper, Aspekte, wie man richtig kommuniziert und wie es im Gesundheitswesen zugeht, worauf es bei der ganzheitlichen Pflege ankommt.“ Damit es ihr selbst gut geht, spricht sie mit Mitschülern. Zudem hätten die Ausbildner immer ein offenes Ohr. Und ihr Umfeld? „Das hat sich komplett verändert. Mittlerweile bekomme ich nur wertschätzende Worte, wenn ich erzähle, was ich mache. Und oft höre ich den Satz: Das, was Du machst, das könnte ich nie“. Die Pandemie habe ihr die Vorzüge ihres Berufs gezeigt. Während andere im Homeoffice sind, „kann ich immer meinem Beruf nachgehen und dabei mit Menschen arbeiten.“

„Pflege ist mehr als Saubermachen und Sattmachen“

Alexandra Gabauer. Sie war Schneiderin, dann im Handel und in der Gastronomie. Die 50-jährige Alexandra Gabauer hat viele Branchen kennengelernt, bevor sie im Frühjahr 2020 ihre Ausbildung zur Pflegeassistentin begann. „Irgendwann habe ich mir die Sinnfrage gestellt“, erzählt sie. Nach einer Informationsveranstaltung zur Umschulung in die Pflege entschloss sie sich, einen  neuen Weg einzuschlagen und die einjährige Ausbildung zu beginnen. Schon in der Vergangenheit hatte sie ihre eigene Großmutter viele Jahre lang zu Hause gepflegt. Darum wusste sie: „Pflege ist mehr als Saubermachen und Sattmachen. Man kommt den Menschen sehr nahe – körperlich, aber auch psychisch.“ Dafür müsse man auch eine Portion Geduld mitbringen, sagt Gabauer. „Ich habe alte Leute gerne um mich, ihre Geschichten und ihre Gedanken interessieren mich, das ist ja doch eine ganz andere Generation.“

Die Ausbildung sei sehr umfangreich gewesen und habe auch viel medizinisches Wissen umfasst, sodass sie sich jetzt in der Lage fühle, wirklich verantwortungsvoll handeln zu können, erzählt Gabauer. Auch habe sie gelernt, gerade wenn es bei der Betreuung alter Menschen zu  schwierigen Situationen kommt, immer nach dem Warum zu fragen. „Es hat immer einen Grund, wenn jemand etwas macht“, sagt die angehende Pflegeassistentin. „Gerade bei der Generation, die den Krieg erlebt hat. Wenn dann noch Demenz dazu kommt, werden die Menschen oft in diese Zeit zurückgeworfen.“

Auch müsse man sich bewusst sein, dass die Allerwenigsten freiwillig im Heim leben. Dennoch sei es nun einmal ihr  zu Hause. „Darum macht es mir besonders viel Freude, wenn die Bewohner glücklich sind“, sagt Gabauer. Dazu würden oft schon kleine Dinge reichen: spazieren gehen, an Lavendel riechen,  Ribisel schmecken ... „Es wäre so viel mehr möglich, wenn man mehr Zeit hätte“, erzählt die Steirerin. 

„Ich wusste, ich möchte einen Job, der sinnvoll und sicher ist“

Yvonne Six. „Ich vermisse das Fliegen. Wenn man die Flugzeuge am Himmel sieht, dann kann man schon wehmütig werden“, sagt Yvonne Six.  Mitte 2020 bringt die Pandemie die Pleite der Fluglinie Level und damit das Aus für 200 Level-Mitarbeiter in Wien. Yvonne Six  ist eine davon. Sich als Flugbegleiterin  bei einer anderen Fluglinie zu bewerben, das kommt für die 45-Jährige nicht infrage. „Weil sich die Luftfahrtbranche wohl erst in ein, zwei Jahren erholen wird.“ Und, weil es „diesen einen Moment“ bei einem von der Gewerkschaft organisierten Berufsinfotag gibt. „Wir brauchen euch“, hat der Vertreter der Vinzenz-Gruppe gesagt. „Und er hat das so gut rübergebracht, dass ich mich für die Ausbildung zur Pflegefachassistenz am Vinzentinum Wien entschieden  habe.“  Wiewohl sie während der Ausbildung nur etwas mehr als 1.000 Euro zum Leben hat – und damit rund 900 Euro weniger als Flugbegleiterin. Und, obwohl sich aufgrund der Corona-Maßnahmen die Ausbildung größtenteils auf theoretischen Unterricht via Distance Learning beschränkt.  „In meinem Alter muss man das Lernen wieder lernen. Davor habe ich den meisten Respekt“, so die gebürtige Deutsche, die seit 2016 in Wien lebt. Sie habe gemerkt, „dass sie etwas Körperliches tun will, nahe am Menschen arbeiten und einen Job, der sicher und sinnvoll ist“. In der täglichen Arbeit erlebe man, wie „unglaublich freundlich und dankbar die Menschen sind“.

Was sie damit meint, macht die angehende Pflegefachassistentin an einem Praktikum fest. „Als wir unseren letzten Tag hatten, da hat eine alte Dame sogar geweint, als ich mich verabschiedet habe. Das macht einen natürlich auch etwas stolz.“  Und es motiviert, so Six, zum Weitermachen.

Ihr Umfeld habe „überraschend positiv“ auf ihre Pflegeausbildung reagiert. Nicht einzig deshalb, weil diese zu ihr passe, sondern weil ihr Beruf immer gefragt sein wird.  „Der Beruf war immer schon wichtig, es hat nur niemand gesagt.“ 

„Es ist mir zugeflogen, weil es mir im Blut gelegen ist“

Melanie Tobler. Da hat es „so was von Klick gemacht“ – mit diesen Worten beschreibt die 39-jährige Melanie Tobler den Moment, in dem sie entschied, in die Pflege zu wechseln, nachdem sie zuvor sieben Jahre lang im Modebereich gearbeitet hatte.
Es passierte, als ihre Schwiegermutter starb. Ihr Mann und sie waren die letzten beiden Tage ihres Lebens Tag und Nacht bei  ihr auf der Palliativstation.  Dabei habe sie erlebt, wie liebevoll ihre Schwiegermutter vom Pflegepersonal begleitet wurde, erzählt die gebürtige Tirolerin. „Da habe ich gesehen, was würdevolles Sterben bedeutet. Das hat mich nicht mehr losgelassen.“
Nachdem die Trauer vorbei war, wagte Tobler den Schritt. Sie absolvierte ein Schnupperpraktikum im Bezirksseniorenheim Unterweißenbach
 und begann danach, im September 2020, die dreijährige Ausbildung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerin in Linz.
Vor der Aufnahmeprüfung war sie skeptisch und habe sich gefragt, ob sie das überhaupt schaffen werde, sagt Tobler. „Doch dann ist es mir zugeflogen – weil es mir im Blut gelegen ist.“

Nach vier Monaten in der Schule absolvierte Tobler ihr erstes Praktikum im Rahmen der Ausbildung. (Insgesamt werden 432 Stunden Praktikum verlangt.) Im März startete dann wieder die Schule. „Und nun folgen Lern-Ferien und im Juli geht es dann auch schon ins Spital“, erzählt sie.
Nach wie vor liege ihr Fokus auf der Palliativpflege, aber: „Ich habe keine Scheu vor irgendwas“, sagt Tobler. Auch nicht davor, Menschen beim Sterben zu begleiten. „Ich sehe das mit anderen Augen“, sagt sie.

Was allerdings wichtig sei: Ruhe mit sich selbst finden zu können. Zu diesem Zweck verbringt die Mutter einer 13-jährigen Tochter  sehr viel Zeit in der Natur, im Wald oder am Berg. „Das ist meine Kraftquelle“, sagt sie. 

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