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Kommentar
04/02/2021

Pflegenotstand in Österreich: "Wer tut sich das an?"

Wie lange will sich die Regierung noch Zeit lassen, um vom Akklamieren ins Agieren zu kommen?

von Johanna Hager

Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß. Wir müssen das Problem unseres eigenen Alters lösen, um das Problem der Welt zu lösen“, schreibt Frank Schirrmacher in seinem zum Bestseller avancierten Buch „Das Methusalem-Komplott“ 2004.

Knapp zwei Jahrzehnte später beherrscht die Pandemie die Welt – doch das Problem ist ungelöst. In unvorstellbarem Ausmaß: Bis zu 100.000 Pflegekräfte werden in Österreich bis 2030 gebraucht. Doch die von der türkis-grünen Koalition ausgerufene Pflegereform scheint ins Stocken geraten.

Es werde verhandelt, gäbe viele Vorschläge, doch noch keine konkreten Ergebnisse, über die man sprechen kann, heißt es. Doch wie lange will sich die Regierung noch Zeit lassen, um vom Akklamieren ins Agieren zu kommen?

Um den Beruf, den das Gros der Pflegenden als Berufung begreift, entsprechend zu honorieren? Und zwar nicht in Form salbungsvoller Worte, sondern finanzieller Fakten.

Rund 900 Euro verdienen 24-Stunden-Pflegerinnen – vornehmlich aus Osteuropa – für 14 Tage, in denen sie selbst oftmals von ihren Familien getrennt sind. Das Einstiegsgehalt einer Heimhilfe beläuft sich auf 1.500 Euro, das einer Pflegefachassistentin laut Kollektivvertrag zwischen 1.500 und 2.119 Euro brutto pro Monat.

„Wer tut sich das an?“, wird landläufig gefragt.

Es sind zu 85 Prozent Frauen, die in der Pflege der älteren Generation tätig sind.

Frauen, die oft rund um die Uhr zu Pflegenden lebensnotwendige körperliche wie auch nicht zu unterschätzende emotionale Stütze sind.

Um jährlich 10.000 Menschen in Pflegeberufe zu bringen oder gar für diese zu begeistern, wird das oftmals von der Politik vorgebrachte Argument des krisensicheren Jobs allein nicht ausreichen.

Zu physisch wie psychisch anspruchsvoll und teils belastend ist die (Zusammen)Arbeit mit und Pflege von Menschen und damit nicht jedermanns Sache. Arbeitsstiftungen und Umschulungsprogramme von Arbeitslosen werden deshalb nur zum Teil helfen, den eklatanten Pflegenotstand mittel- wie langfristig zu lindern.

Politik und Sozialpartner müssen die Arbeit höher remunerieren und die Ausbildungsmöglichkeiten stärker forcieren. Beginnend bei den Jungen.

Die Schweiz macht vor, worüber hierzulande immer noch diskutiert wird: Die Pflegelehre in Form einer dualen Ausbildung - mit der Weiterbildungsmöglichkeit zur diplomierten Fachkraft.

Für das Modell spricht, dass die Pflegelehre unter Schweizer Teenagern unter den Top-Lehrberufen rangiert und, dass damit auch die stetig höher werdende Jugendarbeitslosigkeit reduziert werden könnte.

Die politischen Entscheidungsträger sollten sich zudem mit der aktuellen Forderung der Gewerkschaft auseinandersetzen: Diese appelliert, die Arbeitsbedingungen des diplomierten Pflegepersonals zu reformieren und eine 35 Stunden-Woche zu implementieren. Nicht zuletzt, um den Beruf zu attraktivieren.

Eine Pflegereform, die ihren Namen verdient, muss jede Möglichkeit ausschöpfen.

Dazu gehört auch, den Abertausenden pflegenden Angehörigen – das Gros der über 80-Jährigen lebt in den eigenen vier Wänden und nicht in einem Pflegeheim – Zugeständnisse zu machen.

Diese fragt niemand, warum sie sich das antun. Sie tun es einfach. Unentgeltlich. Und täglich.

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