Van der Bellen: "Nice Try, lieber Herr Thür"

"Mag schon sein, aber was bringt das jetzt?", sagt Bundespräsident Alexander Van der Bellen dazu, ob Österreich zu russlandfreundlich war.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen traf in Berlin auf den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Dieser hatte den russischen Angriff auf die Ukraine als "Zeitenwende" für Europa bezeichnet. Ein sehr treffender Vergleich, meinte Van der Bellen in einem seltenen Interview mit der ZiB2, wo er trotz der präapokalyptischen Themen- und Wirtschaftskonjunktur gar zu Scherzen aufgelegt war.

"Die Europäische Union sieht nicht tatenlos zu. Die Wirtschaftssanktionen wirken", sagte Van der Bellen zu Europas Umgang mit den Invasoren. Auch der militärische Vormarsch entspreche "ganz sicher nicht den Erwartungen" Wladimir Putins.

Diesen, also Putin, hatte auch Van der Bellen einst in Wien empfangen. War man zu nachsichtig mit Russland in der Vergangenheit? "Mag schon sein, aber was bringt das jetzt?", antwortete Van der Bellen. Es komme nun darauf an, was "hier und jetzt" passiere.

"Damit hat niemand gerechnet"

Zu den historisch guten wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Österreich und Russland meinte er: "Österreich hat mit russischen Firmen, mit ukrainischen Firmen, auch mit Unternehmen aus Weißrussland über Jahrzehnte keine schlechten Erfahrungen gemacht." Mit den Ereignissen der vergangenen zwei Wochen habe außer den USA "ja niemand gerechnet, wenn wir uns ehrlich sind", sagte Van der Bellen.

Auch stellte er klar: Proaktiv solle Österreich Putin nun nicht den Gashahn abdrehen. Jetzt gehe es nämlich auch darum, eine Rezession und einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Österreich abzuwenden. Nicht nur Verbraucher, auch große Teile der produzierenden Industrie sind stark von russischen Gaslieferungen abhängig. "Ganz schlecht wäre es jetzt eine Maßnahme zu treffen, die wir dann nicht durchhalten können", sagte Van der Bellen.

"Politik macht nicht Spaß"

Von ZiB2-Moderator Martin Thür auf eine mögliche Wiederkandidatur als Bundespräsidentschaftskandidat im Herbst angesprochen, antwortete Van der Bellen: "Nice Try, lieber Herr Thür, aber jetzt haben wir wirklich andere Dinge im Kopf."

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Er wolle Winfried Kretschmann, den grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg zitieren, so Van der Bellen. Sodann sagte er mit tiefer, verstellter Stimme: "Politik macht nicht Spaß, sondern Sinn."

Van der Bellen: "Nice Try, lieber Herr Thür"

Karikatur von Michael Pammesberger, erschienen am 25. Jänner 2017

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