Politik | Inland
18.01.2015

"Unser Sohn hat drei Väter"

Spätestens 2016 wird die Adoption für Homosexuelle möglich sein. Aber schon jetzt leben Kinder bei schwulen oder lesbischen Paaren. Der KURIER besuchte ein Pflegekind mit zwei Vätern.

Das Kinderzimmer ist ein absoluter Bubentraum. Unter dem Hochbett stapeln sich die Kuscheltiere. Am Boden sitzt der achtjährige L. und spielt mit seinen unzähligen Playmobil-Figuren. Seit fünf Jahren ist das Kinderzimmer sein neues Zuhause. Mehr noch: Der kleine L. hat drei Väter. Da gibt es seine beiden Pflegeväter Jürgen E. und Michael S., bei denen der Volksschüler lebt, sowie seinen leiblichen Vater.

Für den Achtjährigen sind die Pflegeväter "Papa" und "Papi". Jürgen, der "Papi", ist Architekt und der "konsequente" in der Erziehung. Michael, der als Boutiquen-Manager arbeitet, ist der "Papa". "Ich bin zwar auch streng, gebe aber schnell nach", erzählt Michael S. Nicht in allen Bundesländern ist es schwulen und lesbischen Paaren möglich, Pflegeeltern zu werden, in Wien schon. Diese Regenbogenfamilien, gegen die die FPÖ und auch einige in der ÖVP trommeln, sind also längst Realität. Selbst wenn die Adoption für homosexuelle Paare nach der kürzlichen Entscheidung der Verfassungsgerichtshofes spätesten 2016 rechtlich möglich wird. Die Wartelisten sind lange – die Chancen auf ein Kind gering. Nach Pflegeeltern hingegen wird händeringend gesucht.

Keine Rollenbilder

So war es auch fünf Jahren. Schon zwei Wochen nachdem der Vorbereitungskurs beendet war, bekam das homosexuelle Pärchen einen Anruf vom Jugendamt. "Wir waren überrascht, dass es so schnell und leicht geht. Aber da sich nur wenige Eltern bereit erklären, ein älteres Kind zu nehmen, sind die Chancen hier sehr hoch", so Jürgen E.

Neo-Papa Michael S. nahm sich fünf Monate Auszeit, damit der kleine L. in seinem neuen Zuhause ankommen kann. "Die ersten Monate sind einfach. Denn Kinder aus den Problemfamilien sind so happy, dass sie endlich einen geregelten Alltag haben, dass sie alles ohne Widerstand befolgen. Die Aufarbeitung ihrer Traumata beginnt erst später", meint Michael S.

Eine klassische Rollenverteilung gibt es in der Regenbogenfamilie nicht. "Das sehen wir als Vorteil. Unser Sohn wächst ohne Klischeerollen auf", sagt Papa Jürgen. Natürlich sind L.s Mitschüler neugierig und fragen, warum er denn zwei Väter hat. "Aber Diskriminierung erfahren wir nirgendwo. Weder in der Schule noch am Spielplatz. Möglicherweise liegt es auch daran, dass wir in Wien-Döbling leben." Damit der Pflegesohn weibliche Bezugspersonen hat, beteiligt sich auch die Oma an der Erziehung und eine Freundin der Familie ist Taufpatin. Zu den biologischen Eltern hat L. auch Kontakt.

"Meine Eltern"

Laut Psychologen dauert die Eingewöhnungsphase so lange, wie alt die Pflegekinder beim Zeitpunkt der Übergabe sind. Also beim damals dreijährigen L. drei Jahre. "So war es auch bei uns", schildert Jürgen E. Am Ende seiner Kindergartenzeit bezeichnet der Bub seine beiden Pflegeväter erstmals als Eltern. "Das war schon ein sehr berührender Moment für uns." Seither ist die Wohnung seiner Pflegeväter auch sein "Zuhause". Dass sich der Achtjährige pudelwohl fühlt, spürt man auch beim Interview. Spontan kommt er zu seinen Vätern und drückt ihnen ein Bussi auf die Wange.

Wollen die Väter ihren Pflegesohn auch adoptieren? "Wir freuen uns, dass das Adoptionsverbot für Homosexuelle gekippt wurde. Aber diese Entscheidung wollen wir unserem Sohn überlassen. Wenn er es mit 18 will, würden wir uns sehr freuen."

Der Kinderwunsch ist kein Tabu mehr: Gerichte machen Weg frei

Wenn es um die Rechte der Homosexuellen geht, dann handeln die Gerichte liberaler als die Politik. Diese Woche kippte der Verfassungsgerichtshof das Adoptionsverbot für homosexuelle Pärchen. Bis Jahresende muss die Regierung nun ein entsprechendes Gesetz erlassen. Vor zwei Jahren fiel auch das Adoptionsverbot für Stiefkinder. Im Februar 2013 rügte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in dieser Causa Österreich.

Die Möglichkeit, als lesbisches oder schwules Pärchen ein Pflegekind zu bekommen, besteht in Wien seit fast 20 Jahren.

Pflegeeltern hoffen auf Karenzanspruch

Seit acht Wochen meistern Stefanie G. und Markus N. ihre bisher schwierigste Aufgabe – sie sind Pflegeeltern. Michael (Name v. d. Red. geändert) heißt ihr Pflegesohn, ist vier Jahre alt, stammt aus schwierigen sozialen Verhältnissen und wog nur elf Kilo, als er sein liebevoll eingerichtetes Kinderzimmer bezog. „Für Michael war schon ein Heimplatz reserviert, weil ältere Kinder nur schwer Pflegeeltern finden. Meine Frau kannte durch ihren Job Michaels Schicksal und war der Meinung, dass er ein Heim nicht verkraften würde“, erzählt Ehemann Markus N.

Michael eine behütete Kindheit zu bieten, ist mit einem großen Einsatz – vor allem aus finanzieller Sicht – verbunden. Denn Pflegeeltern haben keinen Anspruch auf Karenz. Einzige Ausnahme ist, wenn es sich um ein Pflegekind mit der Möglichkeit für eine Adoption handelt. Doch gerade Pflegekinder brauchen in den ersten Wochen der Eingewöhnung eine intensive Betreuung.

1600 Euro weniger

„Damit meine Frau nicht den Arbeitsplatz verliert, hat sie nun auf fünf Stunden in der Woche reduziert. In den nächsten vier Monaten müssen wir mit 1600 Euro weniger im Monat auskommen“, schildert N. Die Bank stundete zum Glück den Kredit.

Die Karenz für Pflegeeltern steht eigentlich im Regierungsprogramm. Doch passiert ist bisher nichts. „Dabei ersparen Pflegeeltern dem Staat viel Geld. Bleibt ein Kind in staatlicher Betreuung, kostet es pro Monat 4000 Euro“, rechnet die Grüne Abgeordnete Daniela Musiol vor. Sozialminister Rudolf Hundstorfer versprach im Frühjahr 2014, dass er das Karenzgeld für Pflegeeltern bis Ende des Vorjahres ausverhandelt hat. Bis jetzt gibt es aber kein Ergebnis.

Die Grünen brachten deswegen noch im Dezember 2014 eine parlamentarische Anfrage an den Sozialminister ein. „Selbst bei sechs Monaten Karenzanspruch erspart sich der Staat noch Geld und es wäre eine Win-win-Situation. Wenn es Elternkarenz gibt, ist den Pflegeeltern geholfen und vielleicht entschließen sich auch mehr Paare, ein Kind in die Familie zu nehmen“, so Musiol.

Brief an Minister

Pflegevater N. wählte den direkten Weg und schrieb Sozialminister Hundstorfer kurzerhand einen Brief, in dem er die Situation der Pflegeeltern schilderte. Eine Reaktion kam prompt. „Der Sozialminister rief mich an. Er versprach, dass er sich darum kümmern wird.“ Wenige Tage nach dem Telefonat meldete sich das Ministerbüro nochmals, allerdings mit einer weniger erfreulichen Nachricht: „Es gibt bereits Verhandlungen, aber die ÖVP legt sich quer“, erzählt Pflegevater N.