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Interview
07/22/2020

Universitäten: "Ein Normalbetrieb ist unrealistisch"

Sabine Seidler, Präsidentin der Universitätenkonferenz, über Lehre und Lernen im Herbstsemester.

von Bernhard Gaul

Sabine Seidler ist die erste Rektorin der Technischen Universität Wien, jetzt auch Präsidentin der Universitätenkonferenz und damit Sprecherin für die Rektoren der 22 österreichischen Unis.

KURIER: Weil gerade Notenschluss war: Welche Note würden Sie den Unis für das Corona-Krisenmanagement geben?

Sabine Seidler: Das war zufriedenstellend, also gut. Wir haben in kürzester Zeit unsere ganzen Systeme auf Fernbetrieb umstellen müssen. Bei 28.000 Studierenden nur an der TU Wien ist das eine Riesenherausforderung und eine ziemlich große Umstellung für alle Mitarbeiter.

Konnten die Professoren von daheim überhaupt arbeiten?

Die Forschenden waren anfangs sehr gut ausgelastet, indem sie Ergebnisse ihrer Forschung auswerten, Publikationen schreiben konnten oder Forschungsanträge gestellt haben. Nach vier bis sechs Wochen war aber der Drang, zurück ins Labor zu gehen, wieder sehr groß, jedenfalls bei uns. Wir haben nach Ostern mit einem Viertelbetrieb begonnen und langsam die Labors wieder geöffnet.

Bei den Schulen war die Kritik, dass es viele engagierte Lehrer gab, die sich sehr bemüht hatten, andere wiederum hatten sich kaum Mühe gegeben. War das auf den Universitäten ähnlich?

Das ist mir zu stark vereinfacht. Natürlich gibt es immer eine gute und eine schlechte Lehre, egal, ob wir gerade eine Pandemie haben, oder nicht. Unsere Lehrenden haben aus meiner Wahrnehmung aber eine starke Lernkurve hingelegt, denn schon nach wenigen Wochen hat sich gezeigt, dass durch gute Kommunikation, durch Online-Weiterbildungsangebote und Best-Practice-Modelle sich eine durchaus positive Dynamik entwickelt. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem es läuft, wo aber sicher nicht alles perfekt und Luft nach oben ist.

Die Hochschülerschaft hat deutlich kritisiert, dass vieles gar nicht gut funktioniert hat in diesem Semester …

Meine Studierenden von der ÖH haben mir gesagt, dass es im Großen und Ganzen läuft. Ich finde, ein größeres Kompliment kann man von der ÖH nicht bekommen.

Derzeit sind die Unis in einem hybriden Status, mit etwas Präsenz- und sehr viel Fernlehre. Was erwarten Sie für den Herbst?

Ein Normalbetrieb im Herbst ist aus meiner Sicht unrealistisch. Wir gehen davon aus, dass wir die Abstandsregeln weiter einhalten müssen. Das bedeutet bei einem Meter, dass wir unsere Lehrräume nur etwa zu einem Viertel auslasten können.

Gab es auch weniger Prüfungen?

Also anfangs gab es sicher sehr viel, was nicht stattfinden konnte. Da haben wir uns vor allem auf eine funktionierende Lehre konzentriert und weniger auf Prüfungen. Aber wir haben an der TU bereits eine Woche nach dem Lockdown die ersten Distanz-Abschlussprüfungen durchgeführt. Das Prüfungssystem hat sich dann langsam aufgebaut. Wir sind im Moment eigentlich dabei, alle Prüfungen, die seit März hätten stattfinden sollen, über den Sommer anzubieten, um den Studierenden das vollständige Angebot zu geben.

Und weil weniger Prüfungen gemacht wurden, droht einigen Unis jetzt eine Budgetkürzung? Worum geht es da?

Das ist komplex: Eine Säule der Uni-Finanzierung ist die Anzahl der prüfungsaktiven Studien. Die Anzahl hängt davon ab, wie viele Prüfungen absolviert werden. Tatsächlich ist es so, dass mit Ausnahme ganz weniger Unis derzeit eigentlich niemand weiß, ob die geforderte Anzahl an notwendigen Prüfungen erreicht werden kann.

Und was sagt das Ministerium?

Da gibt es ein Teilangebot, aber zugesagt wurde erst der Erlass eines Drittels dieser drohenden Kürzung.

Größer war das Entgegenkommen nicht?

Ich bin ehrlich gesagt auch nicht glücklich darüber. Weil in dieser Haltung ein gewisses Misstrauen gegenüber den Unis zum Ausdruck kommt. Argumentiert wird, es müsse der Wille, wirklich Leistung zu bringen, erhalten bleiben – und das gehe nur über finanziellen Druck. Das ist für mich eine schwierige Haltung den Unis gegenüber. Ich bin aber Optimistin, wir werden den ganzen Sommer über verhandeln, und es wird ein weiteres Entgegenkommen geben.

Kolportiert wird, dass die Unis rund einhundert Millionen Euro nicht bekommen könnten, wenn die Regeln nicht aufgeweicht werden. Stimmt das?

Wir bieten über den ganzen Sommer Prüfungstermine an, wir können aber nur hoffen, dass das von den Studierenden auch genutzt wird. Wie sie das annehmen, wissen wir nicht, wir können ja niemanden zur Prüfung tragen.  Was mich schon frustriert, ist, dass der Staat den Menschen überall   entgegenkommt, aber im Hochschulbereich wird so getan, als gäbe es keine Corona-Pandemie.

Der nächste große Brocken sind die Verhandlungen über das neue Uni-Globalbudget von 2022 bis 2024. Sie wollen zu den rund elf Milliarden für drei Jahre zusätzlich 2,1 Milliarden Euro. Wie begründen Sie das?

Das ist viel Geld, aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass wir, wie beschlossen, ein neues System aufbauen. Es wird über 300 neue Professoren geben. Wir arbeiten an dem politischen Auftrag, die Betreuungsverhältnisse zu verbessern. Wenn wir aber kein Wachstum beim Budget haben, muss ich das Personal im kommenden Jahr wieder abbauen. Die Summe klingt also nach viel, ist aber notwendig, um den begonnenen Weg weitergehen zu können.

Was wurde alles zu den 2,1 Milliarden dazugerechnet?

Über zusätzliche Professuren haben wir schon gesprochen. Dann geht es etwa um einen Inflationsausgleich, um Mittel zum Ankauf neuer Infrastruktur, das war uns schon lange nicht mehr möglich. Für ein besseres Betreuungsverhältnis braucht es mehr Professoren und Professorinnen, aber auch mehr Mittelbau. Und dann haben wir noch höhere Mieten und den Bauleitplan. Da gibt es gelistete Projekte, bei uns etwa die Renovierung des Freihauses, die steht seit zehn Jahren im Plan. Das wird stattfinden müssen, damit das Haus nicht zusammenfällt.

Warum müssen Sie höhere Mieten zahlen? Der Vermieter ist doch die staatliche BIG, die Bundesimmobilienverwaltung.

Das müssen Sie den Finanzminister fragen. Aber ja, das Konstrukt folgt dem Prinzip „rechte Tasche, linke Tasche“. Es gab zwar eine Mietreduktion, aber wir haben genau diese Summe auch weniger Budget bekommen.

Die Studienplatzfinanzierung für ein besseres Betreuungsverhältnis Studierende zu Lehrende bleibt also im Fokus. Das kann man machen, indem man mehr Professoren anstellt – oder weniger Studenten ins Studium lässt. Was ist der Weg?

Im Moment ist meines Wissens nicht geplant, zusätzliche Aufnahmeverfahren einzuführen. Und mehr Professoren sind bereits zugesagt.

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