U-Ausschuss: Zwei Frauen im Kreuzverhör
Die Befragung hat noch nicht begonnen, da deponiert Christa Edwards einen außergewöhnlichen Appell im Saal: Man möge die Befragung im U-Ausschuss möglichst „unemotional“ erledigen. Und allein, dass sich die Verfahrensrichterin veranlasst sieht, eine solche Selbstverständlichkeit hervorzukehren, zeigt: Die Luft ist geladen, die Anspannung entsprechend.
Das liegt vor allem an der Frau, die im beigen Kaschmir-Pullover, mit einem braunen Schal und einer mächtigen, schwarz gefassten Lesebrille am Abend vor den Abgeordneten sitzt: Karin Wurm, Vertraute von Christian Pilnacek, multipräsente Gesprächspartnerin in Podcasts und TV-Dokus und vor allem: die letzte Person, die den Sektionschef lebend gesehen hat.
Kurz nach Pilnaceks Ableben hat Wurm mit Verve die These vertreten, der Spitzenjurist habe sich keinesfalls das Leben genommen. Und sie sagt auch diesmal: „Niemand konnte mir erklären, wie sich ein 1,9 Meter großer Mann in einem seichten Wasser das Leben nehmen kann.“
Lächerliches Verhalten
In ihrem Eingangsstatement attackiert die Wahl-Rossatzerin gleich einmal Andreas Hanger, dem sie „lächerliches“ Verhalten attestiert. Der ÖVP-Fraktionschef gehört zu Wurms härtesten Kritikern. Weil sie von einem „Zeugenschutzprogramm“ erzählt hat, in dem Pilnacek angeblich gewesen sein soll – was aber nicht stimmt; und auch dass Wurm ein Loch im Leichnam gesehen haben will, das es nie gab, und dass sie auf eine Wahrsagerin vertraut, trägt für Hanger nicht zu ihrer Glaubwürdigkeit bei.
An diesem Tag im Parlament sagt Wurm wieder so manches, was die Erzählung nährt, der Sektionschef habe allzu mächtige Feinde gehabt. Sie erzählt von den Kontakten Pilnaceks mit Sebastian Kurz („das geschah mehrmals die Woche“); von einem USB-Stick, den der Jurist als „Lebensversicherung“ immer bei sich trug – und der bis heute verschwunden blieb; und schließlich zitiert sie mehrdeutige Sätze, die Pilnacek im Sommer vor seinem Ableben fallen gelassen haben soll.
Einer davon: „Ich habe ihnen immer geholfen, mir hilft jetzt keiner.“ Ein anderer: „Wenn ich auspacke, dann gehen alle in den Häfen.“
Worüber oder von wem Pilnacek gesprochen haben könnte, dazu gibt es keine Vertiefung, auch nicht von Wurm. In ihrem Rossatzer Domizil hätten alle Erwähnten möglichst nicht über Politik geredet.
Für die FPÖ, die den U-Ausschuss ja eingesetzt hat, ist das dennoch einer der vielen Hinweise auf die Ausgangsthese des Ausschusses. Und die lautet: Es gab ein ÖVP-nahes Netzwerk, dass nach Pilnaceks Ableben alles daran gesetzt hat, technische Utensilien wie das Handy oder den Laptop möglichst nicht in die Hände der Justiz kommen zu lassen.
Die Wohungskollegin
Vor Karin Wurm war ihre Wohnungskollegin Anna P. geladen. Und bei ihr ist vom ersten Moment an spürbar: Sie will hier nicht sein.
P. wirkt gedrückt und kleinlaut. Und als sie von der Todesnacht erzählt, zittert ihre Stimme. P. war Mitarbeiterin von Wolfgang Sobotka – und genau das macht sie politisch interessant.
Worüber hat sie am Tag des Todes und danach mit ihrem Chef geredet? „Er wollte wissen, wie es mir geht“, sagt P. Handy, Laptop, was vor Ort passiert sei – all das will P. mit Sobotka nicht besprochen haben. Eine Darstellung, die sowohl in der FPÖ als auch in der Fraktion der SPÖ bezweifelt wird.
Anna P. war die Person, die Christian Pilnacek nach seiner Alko-Fahrt in der Nacht zum 20. Oktober 2023 abgeholt und nach Rossatz gefahren hat.
Laut Anna P. wurde auf sie nie Druck ausgeübt. Weder von der Polizei noch von einer Partei.
Am Tag des Leichenfundes habe sie auch mehrfach mit Michael Takacs, heute Bundespolizeidirektor, telefoniert. Zuerst, weil Pilnacek abgängig war. Dann, weil sie wissen wollte, was mit den „Habseligkeiten“ des Toten passieren soll. Handy, Autoschlüssel und Geldbörse waren in jenem Haus, das P. und Wurm bewohnten.
Dass Sobotka, Takacs oder sonst jemand auf sie Druck gemacht hat, die Utensilien und vor allem Pilnaceks Laptop verschwinden zu lassen, bestreitet P. Und hier kommt sie in Widerspruch zu Wurm. Die bleibt nämlich dabei: Der Satz „Lasst den Laptop verschwinden“ sei gefallen. Sie könne sich daran erinnern.
Die Konsequenz ist deutlich: Kurz nach dem Tod von Christian Pilnacek zog P. aus dem gemeinsamen Haus aus. Und seither, sagt Wurm, gibt es keinen Kontakt mehr.
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