Politik | Inland
11.12.2017

Top-Mediziner: "Mehr Kranke und Tote", falls das Rauchverbot kippt

Führender Krebsspezialist Zielinski sagt, dass das Rauchverbot kommen muss.

Das 2015 – mit einer langen Übergangsfrist bis Mai 2018 – beschlossene Rauchverbot in der Gastronomie wackelt. Rebellische Wirte haben mit Unterstützung der FPÖ eine Kampagne gegen das bald kommende Rauchverbot gestartet. Auch in den laufenden Koalitionsverhandlungen spielt das Thema eine große Rolle, ÖVP und FPÖ haben immer noch keine gemeinsame Linie gefunden.

Indes warnen mehr und mehr Experten eindringlich davor, tatsächlich das ab Mai gültige Verbot wieder zu kippen. Nach einem Appell führender Fachleute aus den USA und Großbritannien an ÖVP-Chef Sebastian Kurz, bei der bisherigen Partei-Linie zu bleiben, spricht sich nun auch der prominente Krebsspezialist und Universitätsprofessor Christoph Zielinski mit drastischen Worten für das Rauchverbot aus.

Zielinski zum KURIER: "Es macht einfach verdammt viel Sinn, am längst beschlossenen Rauchverbot festzuhalten. Kippt es, nimmt die Politik mehr Kranke und Tote in Kauf. Lungenkrebs ist eine todbringende Krankheit."

Vorbilder wie Frankreich oder Italien würden eindeutig belegen, so Zielinski, dass die Gastronomie auch nach einem Rauchverbot floriert und maximal kurzfristig mit Umsatzeinbußen zu rechnen hätte. "Dafür gab es in Italien nach nur zwei Jahren signifikant weniger Herzinfarkte."Es liege in der Verantwortung der Politik und Wirte, Gäste und Mitarbeiter vor dem Passivrauchen zu schützen. Zielinski erinnert sich: "Ich hatte einen Fall, da ist der Gastronom, seine Frau und der Hund an Lungenkrebs gestorben." Dabei sei schon seit 1973 wissenschaftlich belegt und allgemein bekannt, dass es zwischen Rauchen und Lungenkrebs eine "ganz enge Verbindung" gebe.

Freiheit hat Grenzen

Zielinski appelliert auch an FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der im Sonntags-KURIER erneut für die Wahlfreiheit beim Rauchen eingetreten ist. Zielinski sagt: "Die freie Entscheidung hört für mich dort auf, wo man andere Menschen gefährdet. Ein Drittel aller Lungenkrebs-Patienten sind Passivraucher, entweder im Haushalt oder im beruflichen Umfeld."

Das Rauchverbot in der Gastronomie, das für den Wiener Spitzen-Mediziner "unbedingt bleiben" muss, ist aber nur ein Baustein. Zielinski plädiert auch für mehr Aufklärung über die Gefahren des Nikotin-Konsums oder weitere Abschreckungsmaßnahmen, wie noch größere Warnhinweise auf den Zigaretten-Packungen. "Da wäre jeder Euro gut investiert."

Rauchen kostet 750 Millionen im Jahr

Die heimischen Ärzte, die seit Wochen auf die Einhaltung des Nichtraucherschutzgesetzes pochen, argumentieren naheliegenderweise mit der bedrohten Gesundheit, aber auch mit den horrenden volkswirtschaftlichen Kosten. So belasten die Auswirkungen des Rauchens das heimische Gesundheitssystem bzw. die Volkswirtschaft jedes Jahr mit rund 750 Millionen Euro. Das geht aus einer IHS-Studie hervor. Diese vermeidbaren Kosten entstünden unter anderem durch Invaliditätspensionen, Krankenbehandlungen oder Arbeitsunfälle.

Auch hätte sich die Furcht der Gastronomen vor gröberen Umsatzeinbußen mehrfach als unbegründet erwiesen, sagen sie. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten weiterhin gut besuchte Lokale. So sprach beispielsweise eine Befragung von 600 Gaststättenbetreibern in Deutschland im Nachhinein von „systematisch überschätzten“ Sorgen.

Nicht wenige Gastronomen plädieren hingegen weiterhin für die Wahlfreiheit der Betriebe. „Jeder Raucher weiß, dass Rauchen nicht gesund ist“, sagt Heinz Pollischansky, der in Wien sechs Lokale betreibt und seit Jahren gegen ein absolutes Rauchverbot in der Gastronomie kämpft. Auch sein Argument bleibt die Angst vor den Geschäftseinbußen – wenn auch nicht so sehr im innerstädtischen Bereich, so doch in der Peripherie oder auf dem Land, glaubt der Gastwirt und behauptet steif und fest: „Ein Rauchverbot vernichtet Arbeitsplätze, das hat es auch in allen anderen Ländern getan.“