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1. Mai
05/02/2016

Warum er Faymann ein "Arschloch" nannte

Kurator Thomas Miessgang über seine Kritik an der Sozialdemokratie.

von Thomas Trescher

Während Werner Faymanns Rede hat es ihm dann gereicht. "Arschloch" hat er ihm entgegengerufen, und: "Halt die Goschn". Der Mann, den die KURIER-Kamera bei der 1.Mai-Kundgebung am Rathausplatz zufällig eingefangen hat, heißt Thomas Miessgang, ehemaliger Chefkurator der Kunsthalle Wien und nunmehr unter anderem als freier Kurator tätig. Passenderweise veröffentlichte er 2013 das Buch "Scheiss drauf - Die Kultur der Unhöflichkeit." Im Interview entschuldigt er sich dennoch für seine Wortwahl, bekräftigt aber seine grundsätzliche Kritik an der SPÖ und ihrem Vorsitzenden.

Warum haben Sie Werner Faymann "Arschloch" entgegengerufen?

Für diese Affektreaktion und das "Arschloch" möchte ich mich entschuldigen. Es ist auch nicht sehr angenehm, jetzt plötzlich auf Seiten wie unzensuriert.at aufzutauchen. Die Beschimpfung hat sich auch nicht gegen die Privatperson Faymann gerichtet, die ist mir herzlich egal. Aber er ist der Repräsentant einer politischen Ausrichtung der Sozialdemokratie, die ich ablehne. Und das haben gestern mindestens 20.000 andere auch so gesehen.

Sind Sie Sozialdemokrat?

Ich war im Umfeld der SPÖ tätig, aber nie Parteimitglied. Aber ich habe natürlich eine gewisse Sympathie mit den Werten der Sozialdemokratie. Die Affektreaktion wurde dadurch ausgelöst, dass Faymann einmal mehr den Asylkurs der Partei verteidigt hat. Er muss nicht mit einer Komplettlösung der Asylpolitik daherkommen, das erwarte ich gar nicht, aber zumindest mit einem Ansatz im Sinn der Grundwerte, die ich mit der Partei verbinde.

Ich sehe die Sozialdemokratie auf dem Weg in die Selbstzerfleischung. Die große Koalition hatte natürlich in der Nachkriegszeit eine gewisse Berechtigung, aber es sind seitdem neue Milieus entstanden und die Sozialdemokratie ist nicht mehr in der Lage, kritische Dissidenten zu integrieren. Sie hat den Dialog mit kritischen Künstlern und Intellektuellen aufgekündigt. Deshalb hat sich zum Beispiel André Heller von ihr losgesagt.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Kurs der SPÖ?

Jetzt ist das Allheilmittel gerade „Rechts von der SPÖ darf nichts mehr sein“. Aber man hat bei den Wahlen gesehen, dass das nicht aufgeht. Die gehen nicht zum Schmiedl, sondern zum Schmied; und der freut sich schon auf 2018.

Ist die Absetzung von Werner Faymann eine Lösung?

An sich nicht. Aber irgendwann wird die Inhaltsdebatte zur Personaldebatte, weil sich jemand mit einer bestimmten Meinung so alliiert, dass er sich nicht mehr glaubwürdig davon lösen könnte.

Sie schreiben auf Facebook, Faymann habe eine Demoskotatur eingeführt – was meinen Sie damit?

Das ist das Wesen der aktuellen sozialdemokratischen Politik. Man macht Politik nach Meinungsumfragen – Demoskopie! - will daraus ableiten was die Leute wollen könnten, und versucht das in Wählerstimmen umzusetzen. Aber die eigene Gestaltungskraft aufzugeben, das ist noch nie als Leadership wahrgenommen worden. Es braucht eine Haltung und Grundwerte. Das hat sich auch gestern gezeigt: Michael Häupl hat Applaus bekommen, während Werner Faymann durchgehend ausgebuht wurde.