Thomas Glavinic erregte mit Posting Aufsehen

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Politik | Inland
05/01/2016

"Linke halten sich für moralische Wahrheitsbesitzer"

Auf Facebook forderte der Autor Respekt für Norbert Hofers Wähler. Anstatt sie zu beschimpfen, sollte man auf sie zugehen. Das brachte ihm Kritik, aber auch Applaus ein. Im Interview erklärt er, warum er gegen die Polarisierung ist.

KURIER: Ihr Posting hat für viel Resonanz gesorgt. Auch Heinz-Christian Strache hat es auf Facebook geteilt. Es gibt nun einige Kritiker, die meinen, Sie spielen der FPÖ damit in die Hände und sorgen damit nicht für mehr Toleranz. Bekommen Sie nun Applaus von der falschen Seite?

Thomas Glavinic: Dann haben diese Kritiker nicht genau gelesen, was ich geschrieben habe. Erstens war dieses Posting, obschon öffentlich gepostet, eigentlich nur an meine persönlichen linken Facebook-Freunde gerichtet. Ich habe kaum bekennende Hofer-Unterstützer unter meinen Freunden, daher erschien es mir unnötig, die Beflegelungen von der anderen Seite zu kommentieren. Mir ging es um einen Widerspruch, der für mich darin besteht, sich als links stehend per se für moralische Wahrheitsbesitzer zu halten und zugleich Andersdenkende als Dreck und Abschaum zu bezeichnen. Unter Links verstehe ich etwas anderes. Gerade von aufgeklärten Zeitgenossen erwarte ich, dass sie die Gefahren einer gespaltenen Gesellschaft ernst nehmen, und die Argumentation, die anderen seien ja auch böse, irritiert mich bei Erwachsenen. Wenn man mein Posting genau liest, versteht man, dass es hier keine "falsche Seite" geben kann. Ich würde mich ja freuen, wenn Alexander Van der Bellen es ebenfalls teilt, ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es inhaltlich nicht seine Zustimmung findet.

Sie plädieren dafür, die Ängste der Norbert-Hofer-Wähler ernst zu nehmen und sich nicht selbstgefällig darüber hinwegzusetzen. Welche Ängste sind das Ihrer Meinung nach?

Dass Massenzuwanderung aus Ländern, über die wir wenig wissen, bei manchen Menschen Ängste auslöst, ist ja nicht unverständlich. Anders als in den Neunzigerjahren, als während der Balkankriege Hunderttausende Flüchtlinge zu uns kamen, suchen zudem nun Menschen aus einem Kulturkreis bei uns Schutz, der unserem um einiges fremder ist. Ich finde es problematisch, z. B. eine Mindestrentnerin in Ottakring, die im Fernsehen eingerissene Grenzzäune sieht und auf der Straße mehr und mehr Menschen, deren Herkunft sie gar nicht mehr einordnen kann, gleich als Nazi abzuqualifizieren. Die Frau hat einfach Angst, Punkt. Natürlich gibt es einen braunen Bodensatz, natürlich gibt es echte Nazis, und genau deswegen verharmlost man den echten Rechtsextremismus, wenn man mit gezückter Nazikeule durch Österreich patrouilliert und jedem eins über den Schädel gibt, der sich fragt, wohin das alles noch führen mag. Mit diesen Menschen muss man reden. Wenn man sie alleinlässt, treibt man sie tatsächlich in die Arme von Extremen, denn die hören ihnen zu – oder tun zumindest so.

Welche Ängste haben eigentlich Sie angesichts der Massenzuwanderung?

Persönlich keine. Ich mache mir um unser gesellschaftliches Gleichgewicht Sorgen, denn das ist in Gefahr, wenn sich an einer politischen Herausforderung extreme Konflikte entzünden und verschiedene Weltanschauungen plötzlich mit religiösem Fanatismus vertreten werden. Das erleben wir jeden Tag stärker.

Warum aber sollte man Verständnis für Wähler zeigen, die eigentlich gegen Mitgefühl stimmen?

Das ist ebenfalls Schwarz-Weiß-Denken. Nicht jeder, der sich unbehaglich fühlt angesichts einer möglichen oder tatsächlichen Massenzuwanderung von Menschen aus einem Kulturkreis, in dem ein patriarchalisches, nicht besonders frauenfreundliches, dezidiert homosexuellenfeindliches Gesellschaftsbild vorherrscht und von denen man nicht weiß, wie ein Zusammenleben mit ihnen funktionieren wird, hat kein Mitgefühl mit Flüchtlingen. Die Abermillionen Euro für "Nachbar in Not" und ähnliche Hilfsaktionen kommen doch nicht nur von Grünwählern.

Leben die sogenannten Gutmenschen in einer Blase, in der sie die Sorgen und Ängste der Österreicher gar nicht wahrnehmen können?

Gutmensch ist auch so ein Kampfbegriff, den ich ablehne. Es gibt zahllose Menschen, die sich aufrichtig gegen Intoleranz und Rassismus und für Humanismus und Solidarität mit Schwächeren einsetzen, und zwar sehr tatkräftig. Die muss man unterscheiden von jenen, die nur eine Haltung des Guten, des Richtigen vor sich hertragen und Moralnoten verteilen. Letzteres empfinde ich als jene Selbstgefälligkeit, die ich in meinem Posting angesprochen habe. Diese Leute gehören zu jenem Teil unserer Gesellschaft, der die anderen in eine Art moralische Geiselhaft genommen hat und streng darüber wacht, was gesagt und was besprochen wird, wie und von wem. Die erinnern mich ein wenig an die Sittenwächter im Iran. Eine offene Debatte über gesellschaftliche Probleme kann so nicht entstehen. Und was die Sorgen und Ängste betrifft: Wir alle haben welche. Und wir alle haben nur die allergeringste Ahnung, wie die von Menschen aussehen, mit denen wir selten oder nie in Berührung kommen. Das heißt nicht, dass die einen oder die anderen Ängste größere Berechtigung haben. Deswegen sollten wir uns ja anhören, was die, mit denen wir zusammenleben, an Bedenken mit sich herumtragen. Ob Ängste berechtigt oder unberechtigt sind, spielt ja keine Rolle, sie verschwinden nicht, nur weil ein anderer sie nicht als solche ansieht. Manchen hilft es ja schon, wenn man ihnen einfach mal zuhört.

Meinen Sie mit den iranischen Sittenwächtern vor allem die Linken?

Nicht "die Linken". Die Mehrheit der Linken sind sehr respektable Leute, selbstkritisch und den Menschen zugewandt. Die Leute, die ich meine, begreifen sich zwar als Teil des linken Lagers, aber für mich ist links sein mit Toleranz und Diskussionsbereitschaft verbunden. Die, die ich meine, sind keine Linken, sondern moralische Ich-AGs.

Sie zitieren in Ihrem Posting Ödön von Horvath. Wie schaut der Spießer des 21. Jahrhunderts aus?

Spießer sind alle, die nicht nachdenken müssen, um zu wissen, was gut und was böse ist, daran hat sich seit Horvath nichts geändert. Es gibt sie unter den linksintellektuellen Eliten genauso wie an den Stammtischen der sogenannten einfachen Leute. Nur erwarte ich mir von grundsätzlich reflexionsbegabteren Menschen mehr als automatisierte Reaktionen und chronischen Alarmismus.

Ein Zitat von Ihnen ist: "Wenn wir aufhören, mit politisch Andersdenkenden zu reden, vergessen wir 1934." Sehen Sie unsere Demokratie ernsthaft in Gefahr?

Nein, im Augenblick nicht. Aber wenn wir die Weltgeschichte betrachten, müssen wir zumindest einräumen, dass das ganze Modell der Demokratie eines Tages durchaus auch eine kurzlebige Erscheinung gewesen sein könnte. Gesellschaften können kippen. Alles ist in Bewegung, alles verändert sich, und zur Stabilität einer freien Gesellschaft braucht es Freiheit im Gespräch, Freiheit in der Diskussion, Respekt im gegenseitigen Austausch unterschiedlicher Standpunkte, um sich wieder auf einen gemeinsamen Nenner einigen zu können.

Seit der Flüchtlingskrise geht ein Riss durch die Gesellschaft. Eine sachliche, vernünftige Diskussion ist kaum mehr möglich. Wie man kann hier Ihrer Meinung wieder zu einem Konsens kommen?

Indem jeder Einzelne bei sich selbst beginnt, sich zu fragen, ob der andere nicht vielleicht auch ein bisschen recht haben könnte. Das ist nicht die Aufgabe von Politikern, es ist die Aufgabe jedes Menschen. Nicht nur jetzt, sondern immer.

Waren Sie über das Ergebnis – vor allem über die mehr als 35 Prozent von Norbert Hofer – bei den Bundespräsidentschaftswahlen überrascht?

Ich war nicht überrascht, dass Norbert Hofer vorne lag, aber der große Vorsprung hat mich überrascht.

Wären Sie auf Österreich noch immer stolz, wenn der nächste Bundespräsident Norbert Hofer heißt?

Was heißt auf Österreich stolz? Ich bin glücklich, in einem Land geboren zu sein, in dem mir so unendlich viele Möglichkeiten offenstehen, mich zu verwirklichen und das Leben zu leben, das ich leben möchte. Das haben zwei Generationen vor mir aufgebaut. Das war nicht meine Leistung, also kann ich schlecht darauf stolz sein. Aber ich bin froh und dankbar, Österreicher zu sein, und daran wird sich auch nichts ändern, wenn Hofer Bundespräsident wird.

Wen haben Sie beim ersten Wahlgang am Sonntag gewählt? Und wen werden Sie wählen?

Ehrlich gesagt habe ich verschlafen. Wenn ich am 22. Mai in Österreich bin, werde ich den Kandidaten wählen, der mir in den kommenden Wochen glaubhafter versichert, dass es ihm vor allen Dingen wichtig ist, die Spaltung in unserer Gesellschaft zu überwinden. Wir müssen schließlich hier alle zusammenleben. Wir müssen miteinander auskommen. Wir sind alle Österreicher, ob links oder rechts, und uns verbindet weit mehr, als uns trennt.

Faymann steht derzeit stark unter Druck. Wie viel Schuld hat Faymann an dem Stimmengewinn der FPÖ?

Werner Faymanns Schuld ist das nicht. Die Flüchtlingsmisere hat die EU zu verantworten, die ein zerstrittener Haufen unsolidarischer Staaten ist. Angela Merkels Ansatz hätte funktionieren können. Es war aber klar, dass er nicht funktioniert. Man muss die Welt sehen, wie sie ist, nicht, wie man sie gern hätte. Slavoj Zizek, des Rechtsextremismus sehr unverdächtig, hat den Fehler von Merkels Flüchtlingspolitik aufgezeigt: "Wir importieren Unordnung, anstatt Ordnung zu exportieren." Genau so ist es.