Premier Boris Johnson am Tatort

 

© AP/Steve Parsons

Politik Inland
11/30/2019

Terrorist vorzeitig aus Haft entlassen - trotz Warnung des Richters

Das Attentat von London hat Streit um vorzeitige Entlassung ausgelöst. Polnischer Koch kämpfte mit Narwalzahn gegen Attentäter.

Ein guter Bürger wolle er sein, jetzt wo er erwachsen geworden sei: Das Schreiben von Usman Khan triefte förmlich vor Reue und Schuldbewusstsein. Er wolle jetzt unbedingt einen Kurs zu Deradikalisierung besuchen, beteuerte der 27-Jährige, seine radikalen Ansichten habe er inzwischen ohnehin hinter sich gelassen.

Geheuchelte Reue

Ein taktischer Coup, wie man heute weiß. Schließlich fielen die Behörden auf die geheuchelte Reue herein und entließen Usman Khan vorzeitig aus der Haft – um ganze neun Jahre früher als geplant. Zwar trug er nach Medienberichten eine Art elektronischer Fußfessel, doch das hielt ihn nicht davon ab, ein weiteres Verbrechen zu planen und sich zu bewaffnen. Kaum ein Jahr später lief der Brite pakistanischer Abstammung mit zwei an den Händen festgeklebten Messern durch die Londoner Innenstadt, stach wahllos auf Menschen ein und tötete zwei von ihnen.

Feuerlöscher und Narwalzahn

Dass nicht mehr Menschen starben lag nur am mutigen Einsatz einiger Passanten, die den Attentäter relativ rasch überwältigen konnten. Einer davon nützte einen Feuerlöscher. Ein anderer, ein polnischer Koch namens Lukasz, griff in der Fischmarkt-Halle, in der der Terrorist seinen Amoklauf startete, sogar zu einem Narwal-Zahn, der der dort an der Wand hing.

Terrorgruppe

Khan war noch wenige Jahre zuvor als Hochrisiko-Häftling eingestuft worden, eine vorzeitige Entlassung sei nicht zu verantworten. Eine wenig überraschende Beurteilung. Schließlich war er Mitglied einer El-Kaida-nahen Terrorgruppe, die einen Anschlag auf die Londoner Börse bereits im Detail geplant hatte, als sie aufflog.

Khan wollte außerdem ein Ausbildungslager für Terroristen in Pakistan errichten. All diese Pläne und Überzeugungen hatte ihm ein seit Jahren amtsbekannter radikalislamischer Prediger eingeimpft, dessen Anhänger er war. Dieser warb seit Jahren Kämpfer für die Terrorgruppe IS in Syrien an.

Für Sicherheitsexperten wie den ehemaligen Chef der Antiterror-Sonderpolizei, Chris Philips, ist das Vorgehen der Behörden schlicht ein Skandal. Man würde „mit dem Leben von Bürgern russisches Roulette spielen, erklärte er gegenüber der Tageszeitung Guardian: Man verhafte Menschen wegen schwerwiegender terroristischer Umtriebe und entlasse sie ein paar Jahre später vorzeitig aus der Haft. Niemand könne überprüfen, ob sie sich tatsächlich von ihren radikalen Überzeugungen distanziert hätten. Auch andere prominente Vertreter der Sicherheitsbehörden kritisieren diese Vorgehensweise.

Premier will Reformen

Dass Attentat auf der London Bridge hat in Großbritannien nicht nur Entsetzen und Experten-Kritik, sondern – mitten im laufenden Wahlkampf – auch eine politische Debatte ausgelöst.

Premierminister Boris Johnson machte sich bei einem Besuch des Tatortes am Samstag sofort zum Wortführer jener, die eine sofortige Änderung der derzeitigen Regeln für vorzeitige Haftentlassung fordern. „Das System funktioniert einfach nicht“, meinte der Premier: „Es hat keinen Sinn, Verbrecher, die wegen terroristischer Aktivitäten in Haft sind, automatisch vorzeitig freizulassen.“ Für Johnson bringt der Anschlag unerwartete Wahlkampf-Hilfe. Die BBC wird - entgegen aller Regeln für Wahlkampf-Zeiten – den Premier heute, Sonntag, zum Interview bitten.