Ja zum Kopftuch oder zur Leitkultur?

Reinhold Lopatka und Helga Suleiman
Foto: Kurier/Juerg Christandl Helga Suleiman und Reinhold Lopatka

ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka diskutiert mit Muslima Helga Suleiman. Sie kämpfte erfolgreich gegen das Kopftuchverbot am Arbeitsplatz: "Kein Triumph, aber ein erster Erfolg." Denn der Streit liegt nur kurz auf Eis.


KURIER: Frau Suleiman, Sie haben sich gegen die Anweisung Ihres Arbeitgebers, das Kopftuch abzulegen, gewehrt. Nun wurde die Entscheidung ausgesetzt. Sehen Sie das als Triumph?

Helga Suleiman: Es ist kein Triumph, aber ein erster Erfolg. Das Rechtsgutachten steht ja noch aus.

Warum tun Sie sich den Kampf an? Immerhin hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass ein Kopftuchverbot am Arbeitsplatz legitim ist.

Suleiman:Warum tue ich mir das an? Ich würde sagen: Es wurde mir etwas angetan. Nämlich, dass ich auf der Basis des EuGH-Urteils nicht mehr als Sprachtrainerin in einer öffentlichen Bildungseinrichtung tätig sein soll. Damit wäre mein Einkommen weg. So wie mir, könnte es in Folge vielen Frauen ergehen. Es gibt sehr viele jüngere Muslimas, die jetzt von den Unis kommen und im Bildungssektor Fuß fassen wollen, um sich ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das wird damit eingeschränkt. Es geht mir allgemein um das Recht auf Religionsfreiheit.

Herr Lopatka, das Kopftuchverbot im öffentlichen Bereich ist auch ein Ziel von Sebastian Kurz. Ist das EuGH-Urteil nun eine Bestätigung, dass die ÖVP auf dem richtigen Weg ist?

Reinhold Lopatka: Das Urteil ist richtungsweisend, weil Unternehmen nun verlangen können, dass ihre Mitarbeiterinnen auf das Kopftuch verzichten müssen, wenn sie den Arbeitsplatz behalten wollen. Ich halte es für richtig, dass der EuGH Unternehmen diese Freiheit gibt. Und dass nicht Unternehmen gezwungen werden, das Kopftuch oder die Vollverschleierung akzeptieren zu müssen.

Suleiman: Mit Ihrer Unterstützung für dieses Urteil handeln Sie gegen die Interessen der Unternehmer.

Lopatka: Warum?

Suleiman: Weil eine moderne Unternehmenskultur für Toleranz, Freiheit und Diversity steht. Bevor Sie Internationalität für die österreichische Wirtschaft propagieren, sollten Sie die Klein- und Mittelbetriebe unterstützen, dass sie auch multikulturelles Personal einstellen. Denn das spiegelt die Gesellschaft und die Kunden wider. Also bitte, machen Sie mit meinem Kopftuch nicht Politik, die gegen die Unternehmer ist.

Lopatka: Das EuGH-Urteil schränkt kein Unternehmen ein. Jene, die glauben, am Markt erfolgreicher zu sein, indem sie Kopftuchträgerinnen einstellen, die können das ja nach wie vor machen. Das Urteil gibt Unternehmen nur die Freiheit, dass sie keine Kopftuchträgerinnen einstellen müssen. Ich respektiere Entscheidungen von Höchstgerichten. Das sollten Sie bitte auch tun.

Suleiman: Das ist eine Scheindebatte. Warum? Denn Österreichs Unternehmer haben schon heute genug Rechte zu entscheiden, wen engagiere ich und wen nicht. Ich möchte, dass meine Kompetenzen gesehen werden. Wichtig ist nicht das Kopftuch, sondern was unter dem Kopftuch ist.

Reinhold Lopatka und Helga Suleiman Foto: Kurier/Juerg Christandl

Das heißt: Das Kreuz darf bleiben. Die Zeichen des islamischen Glaubens nicht ...

Lopatka: Das Kreuz ist mehr als ein religiöses Symbol. Es gehört zu unserer abendländischen Geistesgeschichte. Auch der Verfassungsgerichtshof hat festgestellt, dass die geistigen Strömungen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, schützenswert sind. Wir müssen für unsere Leitkultur einstehen, zu der auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Gegensatz zu islamischen Gesellschaften gehört.

Suleiman: Aus den islamischen Überlieferungen heraus haben sich europäische Werte wie der Humanismus entwickelt. Der Islam gehört zur Geschichte Europas genauso wie Christentum und Judentum.

Reduziert das Urteil die Selbstständigkeit der Muslimas?

Suleiman: Das ist ein totales Drama. Ich komme aus dem NGO-Bereich und weiß, wie schwer es die Muslimas haben, einen Job zu bekommen. Österreich sollte endlich akzeptieren, dass wir eine multiplurale Gesellschaft sind. Große Gesellschaften haben sich immer dann entwickelt, wenn sie alle Strömungen inkludiert haben.

Lopatka: Deswegen sind die islamischen Länder ja so rückständig, weil sie diese Haltung aufgaben. Im Mittelalter waren die Muslime entwickelter als die Christen. Wenn ich mir jetzt die Welt in Saudi -Arabien anschaue, wo Frauen Menschen zweiter Klasse sind, dann gilt es diese Entwicklung zu verhindern.

Frau Suleiman, sind Sie gegen die Vollverschleierung?

Suleiman: Ich bin nicht gegen die Vollverschleierung. Weder bei Frauen aus Saudi-Arabien, die in Zell am See spazieren gehen, noch in Graz. Ich kenne Frauen, die aus eigener Überzeugung Nikab tragen. Das sind friedliebende Menschen. Bei Frauen, die sich dafür entscheiden, diese Form der Verschleierung zu tragen, gilt es zu differenzieren.

Lopatka: Wie erklären Sie sich dann, dass die Frauen in den vom IS befreiten Gebieten den Gesichtsschleier entfernen und verbrennen?

Suleiman: Diese Situation im Irak kann man nicht mit Europa vergleichen. Der IS ist das Schlimmste, was den Muslimen passieren konnte. Es ist klar, dass Frauen, die unter so einem Terrorregime leiden, froh sind, wenn sie sich von dem Zwang befreien können. Ich bin gegen Zwang in alle Richtungen. Man darf die Verschleierung nicht erzwingen, man darf Frauen aber auch nicht zwingen, das Kopftuch abzulegen.

Lopatka: Sie wissen schon, dass es eine Männerwelt war, die die Vollverschleierung den Frauen aufgezwungen hat.

Suleiman: Glauben Sie Herr Lopatka, dass in Europa keine Männerwelt herrscht?

Lopatka: Da gebe ich Ihnen recht. Aber Tatsache ist, dass Frauen in Europa viel mehr erreicht haben als in der islamischen Welt.

Suleiman: Wissen Sie warum? Weil sie den Zugang zum Arbeitsmarkt hatten.

Reinhold Lopatka und Helga Suleiman Foto: Kurier/Juerg Christandl

Gerade Vollverschleierung setzt den Zugang zum Arbeitsmarkt auf null. Warum sind Sie dafür?

Suleiman: Das weiß ich. Das ist eine Frage der Zeit und eine Frage des Arbeitgebers. Auch das ist eine Scheindebatte. Wie viele Burka-Trägerinnen haben wir? Fast keine. Lopatka: Aber wehret den Anfängen.

Suleiman: Wenn die Männer die Frauen befreien wollen, ist das immer noch schiefgegangen. Das kennen wir schon seit der Kolonialzeit. Nur wenn sich die Frauen selbst auf die Beine stellen und für ihre Rechte kämpfen, dann verändert sich etwas. Nur so kommt die Frau zur ihrer Selbstbestimmtheit. Deswegen kämpfe ich für meine Rechte als Arbeitnehmerin mit Kopftuch.

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Der Fall der Helga Suleiman

Erster Etappenerfolg

Im März bekam Helga Suleiman die Dienstanweisung, ihr Kopftuch abzulegen. Anlass war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes, das Dienstgebern am Arbeitsplatz ein Verbot religiöser Symbole ermöglicht. Suleiman schaltete die Arbeiterkammer ein. Am Mittwoch wurde bekannt, dass ein Gutachten den Zwist klären soll.

700.000 Muslime im Land

Die Zahl der Muslime in Österreich dürfte sich seit 2001 verdoppelt haben: Waren es bei der letzten Volkszählung noch 346.000, geht der Integrationsfonds heute von 700.000 aus. Gründe sind die Migration und eine hohe Geburtenrate. Zum Vergleich: Von den rund 8,8 Millionen Menschen in Österreicher sind 59 Prozent Katholiken.

(kurier) Erstellt am
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