Christian Kern

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SPÖ-Spitze
05/10/2016

Was für und was gegen Christian Kern spricht

Smart, ehrgeizig, zurückhaltend - setzt die SPÖ dieses Mal auf die ewige Reserve?

von Caecilia Smekal

Die SPÖ erfuhr in der acht Jahre währenden Ära Faymann zwei Wahlsiege (Kärnten und EU), denen 18 Niederlagen entgegenstehen. Nach vielen dieser größeren und kleineren Verluste tauchte nicht nur reflexartig die Nachfolgedebatte auf - sondern auch der Name Christian Kern. Der ÖBB-Chef gilt seit seinem Antritt in der Bahn-Chefetage 2010 als erste Personalreserve der SPÖ. Kern selbst drängte sich bisher nicht vor, was den SPÖ-Vorsitz betrifft: Er blieb stets diplomatisch und betonte, wie gern er seine Arbeit bei den ÖBB ausführt. Er habe sich dazu entschlossen, Manager und nicht Politiker zu sein. Jetzt dürften die Weichen dennoch auf Kern stehen. Neu ist, dass er nicht dementiert, sondern schweigt.

Der KURIER analysiert das Für und Wider einer Kanzlerschaft von Christian Kern.

Was für Kern spricht:

  • Der ÖBB-Chef ist der Wunschkandidat vieler. In der SPÖ legten sich schon vier Landesorganisationen offiziell auf Kern fest. Er gilt als hochintelligent und zurückhaltend, vor allem aber als konziliant. Ein Weggefährte, der Kern schon aus Studienzeiten kennt, beschreibt ihn im ORF-Report so: "Man hat den Eindruck, er redet mit einem nicht strategisch, sondern ehrlich". Andere, wie der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser, halten ebenfalls "sehr viel" von ihm. Mit Kern an der Spitze der SPÖ und auch der Regierung könnte möglicherweise auch der Koalitionspartner ÖVP leben. Zwar schoss sich bereits VP-Klubchef Reinhold Lopatka auf Kern ein und meinte, er sei ein "sehr teurer Manager". Doch besteht auch die schwarze Forderung, die künftige Bundesregierung solle sich mehr Richtung Wirtschaft orientieren, wie ÖVP-Chef Mitterlehner meinte. Kern könnte diesen Appell erfüllen.
  • Die SPÖ steckt in der Krise - vor allem junge Wähler sind von Klüngeleien und Partei-Establishment abgeschreckt. Christian Kern ist zwar in der SPÖ groß geworden, doch als Funktionär wird er nicht wahrgenommen. Als Chef der Bahn steht er 41.000 Mitarbeitern vor; er sorgte für eine Modernisierung der ÖBB . Die SPÖ muss nach der langen Durststrecke und der lauten Kritik auch aus eigenen Reihen einen Neustart signalisieren. Mit einem typischen Parteisoldaten an der Spitze, der Kern eben nicht ist, könnte das schwer werden.
  • Kern kennt die SPÖ gut. Sein Werdegang ist in der Wolle rot gefärbt (trotz jugendlichen Sympathisierens mit der Grünen Bewegung: Laut Standard gründete er mit 18 die Simmeringer Bezirksgruppe der Alternativen Liste Wien). Kern wächst im Arbeiterbezirk auf, ist Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs aus Wien-Simmering; er studierte Publizistik und fand schon beim VSStÖ seine politische Heimat. Bereits mit 25 wurde er Assistent des damaligen Staatssekretärs Peter Kostelka, 1994 wechselte er mit seinem Chef ins Parlament und wurde Büroleiter und Pressesprecher des SP-Klubobmanns. Erst danach, 1997, ging er in die Wirtschaft, zum Verbund. 2010 holte ihn Infrastrukturministerin Bures an die Spitze der ÖBB. Kern findet sich also in der SPÖ zurecht, kennt die politischen Netzwerke und die Arbeit hinter den Parteikulissen, ist jedoch keinem Flügel verhaftet.
  • Kern hat als Bahnchef die Flüchtlingskrise, die sich zu einem guten Teil auf Österreichs Bahnhöfen abspielte, ohne viel Aufsehen unbürokratisch gemanagt. Damit hat er auch im linken Flügel der SPÖ Boden gutgemacht.

Was gegen Christian Kern spricht:

  • Die SPÖ steckt in einer existenziellen Krise. Die Partei muss sich entweder auf ihre traditionellen Werte wie dem Arbeitnehmerschutz rückbesinnen, oder neue Werte definieren. Kern jedoch gilt als Pragmatiker. Ob er eine Partei sanieren kann, die um ihre ureigensten Inhalte ringt, ist fraglich. Bures war es etwa auch, die 2014 über Kern sagte: "Politik ist nicht seine Stärke" (freilich hatte Bures wohl damals schon im Sinn, Faymann den Rücken zu stärken).
  • Kern ist eben die ewige Personalreserve. Sein Name fiel schon fast zu oft, wenn es darum ging, über Nachfolger an der Spitze der SPÖ nachzudenken.
  • Im Jahr 2014 verdienten 18 Manager der ÖBB aufs Jahr hochgerechnet mehr als der bisherige Bundeskanzler Faymann: Der gesamte Vorstand erhielt 1,72 Millionen Euro; die Höhe des Gehalts für Kern war nicht bekannt, es dürften etwa 700.000 Euro gewesen sein, wie der KURIER damals berichtete. Kern müsste also erneut Gehaltseinbußen hinnehmen (er verzichtete schon beim Wechsel zur Bahn auf Teile seines Gehalts, beim Verbund hatte er mehr kassiert). Ob der Job, die SPÖ aus der Lethargie zu reißen, verlockend genug ist, weiß nur Kern selbst.
  • Die Konkurrenz. Mit Gerhard Zeiler steht ein Mann im Wettbewerb um den Spitzenposten, der den Job wirklich haben will. Zeiler hatte sich selbst via KURIER schon im Juni 2015 für Faymanns Nachfolge angeboten. Kern hingegen wehrte diese Spekulationen bis jetzt stets ab.
  • Trotz seines Werdegangs in der SPÖ weiß kaum jemand, zu welchen politischen Ansichten Kern in der Praxis tendiert. Welche Flüchtlingspolitik präferiert er? Soll sich die SPÖ für eine Koalition mit der FPÖ öffnen? Wie steht er zur Europäischen Union? Befürwortet er TTIP? Kern müsste zuallererst einmal der roten Basis und der gesamten Wählerschaft seine Standpunkte näherbringen.
Zur Person: Christian Kern, geboren am 4. Jänner 1966 in Wien. Vier Kinder aus zwei Ehen. Studierter Kommunikationswissenschafter. Ab 1991 Assistent des damaligen Staatssekretärs Kostelka, ab 1994 dessen Büroleiter als Klubobmann. 1997 Wechsel in den Verbund, ab 2007 dort Vorstandsmitglied. Seit Juni 2010 Chef der ÖBB sowie seit 2014 Vorsitzender der Gemeinschaft europäischer Bahnen. Kern ist begeisterter Läufer und Mountainbiker. Seine fußballerische Leidenschaft gilt der Wiener Austria, in deren Kuratorium er auch sitzt.
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