SOS-Kinderdorf: Ex-Chef in Causa um Großspender beschuldigt
Nun ist auch das SOS-Kinderdorf in Osttirol betroffen (Symbolbild)
In der Causa um einen Großspender von SOS-Kinderdorf führt die Staatsanwaltschaft Klagenfurt einen früheren Funktionsträger als Beschuldigten.
Der Verdacht wiegt schwer: Beitragstäterschaft zum „schweren sexuellen Missbrauch Unmündiger“ und „sexuellen Missbrauch Unmündiger“ mit einem Strafmaß von bis zu zehn Jahren.
Die Ermittlungen sind bereits abgeschlossen, ein Vorhabensbericht wurde der Oberstaatsanwaltschaft Mitte Mai übermittelt, sagt ein Sprecher am Donnerstag nach KURIER-Anfrage. Die Entscheidung, ob der Mann angeklagt oder sein Verfahren eingestellt wird, ist noch offen.
Vorgeworfen wird ihm, dem Großspender im Jahr 2017 einen dreitägigen Aufenthalt bei Kinderdorf-Kindern in Nepal ermöglicht zu haben, obwohl zu dem Zeitpunkt schon bekannt war, dass er eine pädophile Neigung hat.
Zwei Jahre zuvor war gegen den damals 85-Jährigen ein Besuchsstopp im nepalesischen Kinderdorf verhängt worden – unter anderem, weil er einen Buben zum Oralsex gezwungen haben soll, hieß es in einem Bericht des Falter, der die Causa Großspender im Oktober publik gemacht hat.
Gründe für Besuchsstopp
Beim nun beschuldigten Beitragstäter dürfte es sich laut KURIER-Recherchen um einen früheren Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf handeln. Seine Rolle im „Spenderfall“ wird im Abschlussbericht der Reformkommission unter der Leitung von Irmgard Griss beleuchtet.
Diese war nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in mehreren Kinderdörfern im Herbst eingesetzt worden, der Abschlussbericht ist seit Ende Juni online abrufbar.
Der Großspender – ein Abkömmling einer deutschen Brauerei, der in Niederösterreich lebte – hat Anfang der 2000er-Jahre die Errichtung eines Kinderdorfs in Nepal mitfinanziert und dort einige Privilegien genossen, die die Kommission als „regelwidrig“ identifiziert. Etwa, dass er dort übernachten und mit den Kindern allein sein durfte.
2014 schlug eine Kinderdorfmutter Alarm, weil es „zunehmend Schwierigkeiten bei den Besuchen“ gab. 2015 wurde ein Besuchsverbot verhängt – laut Kommissionsbericht vom damaligen Präsidenten Helmut Kutin, der die Gründe aber nicht weiterkommuniziert haben dürfte. Zumindest nicht offiziell.
Die Reformkommission kommt zum Schluss, dass den Verantwortlichen bewusst gewesen sein müsse, worum es ging. Schließlich versicherte man damals schriftlich, „SOS Nepal bei allem voll zu unterstützen, das unternommen wird, um die Kinder vor Schaden zu beschützen“.
Übernachtungen „nicht als regelwidrig empfunden“
Zu dieser Zeit habe der Großspender telefonisch und mit Briefen versucht, „die körperliche Nähe zu Kindern und Jugendlichen als unproblematisch darzustellen“, heißt es im Kommissionsbericht, und 2017 wieder wegen eines Besuchs angefragt.
Eine Mitarbeiterin hat die Anfrage an den damaligen Alleingeschäftsführer weitergeleitet und von ihm die Information erhalten, dass Präsident Kutin „drei Nächtigungen in einem Trainingszentrum zugesagt“ habe. Kutin, der 2024 starb, hat das bestritten. Der Geschäftsführer gab an, er habe die Übernachtung im Trainingszentrum „nicht als regelwidrig empfunden“.
Auf KURIER-Anfrage am frühen Donnerstagnachmittag wollte sein Anwalt „aufgrund der Kurzfristigkeit“ keine Stellungnahme abgeben.
198 Personen im Akt
Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt hat das Verfahren übrigens von Innsbruck übernommen, weil dort gegen den Ex-Kinderdorf-Chef noch weitere Verfahren im Zusammenhang mit Vorwürfen der Misshandlungen und des Missbrauchs im Kinderdorf Moosburg laufen.
Moosburg war der erste Schauplatz, über den der Falter im Herbst 2025 berichtet hat. Alleine dazu hat die Staatsanwaltschaft Klagenfurt aktuell 198 Personen als Beschuldigte oder Angezeigte erfasst. Es handle sich laut einem Sprecher um Funktionsträger bei SOS-Kinderdorf, Kinderdorfmütter, andere Betreuer sowie Beamte des Landes Kärnten als Aufsichtsbehörde, aber auch um Kinderdorfkinder, die anderen Kinderdorfkindern Gewalt angetan haben sollen.
Geschichte
1949 gründete Hermann Gmeiner in Tirol das erste SOS-Kinderdorf. Er starb 1986. Im Jahr 2025 wurden auch gegen ihn Missbrauchsvorwürfe erhoben.
Österreich
Stand 2024 betreute SOS-Kinderdorf Österreich 1.768 Kinder und Jugendliche. Der überwiegende Teil (1.241) war in Wohngruppen untergebracht, in Kinderdorf-Familien nur mehr 171.
International
SOS-Kinderdorf ist in 137 Ländern mit 40.000 Mitarbeitern aktiv. 65.000 Kinder werden betreut.
Neuaufstellung
Nach Bekanntwerden erster Vorwürfe im Herbst 2025 wurden Geschäftsführung und Aufsichtsrat neu besetzt und eine Reformkommission eingesetzt.
Causa Panama
Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt unterdessen wegen ähnlicher Vorwürfe in den Kinderdörfern Imst und Nußdorf-Debant mit jeweils zwei Beschuldigten und weiteren unbekannten Tätern.
Neu sind Ermittlungen wegen des Verdachts, dass Kinder aus Panama nach Österreich gebracht und hier sexuell missbraucht worden sein sollen (der KURIER berichtete exklusiv). Beschuldigt wird eine Person aus Österreich, die damals in Panama beschäftigt war, und weitere bislang unbekannte Personen.
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