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Porträt
10/08/2019

Sigrid Maurer: Die grüne Reizfigur

Sie fordert eine 180-Grad-Wende von Kurz. Er wiederum sagt, sie komme als Ministerin für ihn nicht infrage. Warum die Tirolerin immer wieder aneckt - ein Porträt.

von Raffaela Lindorfer, Christoph Schwarz

Von Sebastian Kurz hält Sigrid Maurer denkbar wenig. Er müsse sich „um 180 Grad“ drehen, sagte die Grüne am Wahlabend – und war in ihrer Ablehnung ein Stück konkreter als andere in ihrer Partei, die man zur Aussicht auf Türkis-Grün befragte. Ein Sager, auf den Stille folgte. Maurer spricht seither nicht mehr, lehnt Interviewanfragen ab.

Gut möglich, dass man ihr das nahegelegt hat. Sager wie diese sind im Vorfeld von Sondierungen kontraproduktiv. Nicht, weil Maurer in der Partei so viel Gewicht hätte. Eher, weil sie und jene, die ihre Ansicht teilen, für den potenziellen Partner ÖVP vor allem eines sind: nervig.

Maurer und die "Hater"

Das gehört zur Marke Maurer, so inszeniert sie sich seit jeher. Man erinnere sich etwa an das Foto, das sie mit Champagnerglas in der einen Hand und ausgestrecktem Mittelfinger an der anderen zeigt, als die Grünen 2017 aus dem Nationalrat flogen. „To the haters with love“, postete sie da.

„Haters“ gibt es genug. Maurer, die für den linken Wiener Parteiflügel steht, gilt als Reizfigur.

Obwohl viele, die man danach fragt, gar nicht so genau wissen, warum. Es ist „ihre Art“, heißt es vage – sogar aus der eigenen Partei. „Sie kannst du nicht auf einen Stammtisch loslassen“. Oder: „Sie diskutiert alles zu Tode.“

Kräftezehrend

Eigentlich keine schlechten Eigenschaften für eine Politikerin. Die 34-jährige Tirolerin wird für ihre Geradlinigkeit und ihren Mut durchaus geschätzt. Zuletzt zeigte sie diesen im Rechtsstreit mit einem Bierwirt, der ihr obszöne Nachrichten auf Facebook geschickt haben soll.

Der Mann zerrte sie wegen übler Nachrede vor Gericht. Maurer gab nicht nach, machte immer wieder Beleidigungen gegen ihre Person publik. Sie ficht stellvertretend für andere Frauen einen Kampf aus, der kräftezehrend ist und ihr großes Medienecho eingebracht hat.

"Uni brennt" und Establishment

Im Fokus stand sie bereits zu Beginn ihrer Laufbahn: 2009 wurde Maurer Vorsitzende der Hochschülerschaft (ÖH). Ihr Fachwissen nötigte selbst politischen Gegnern Respekt ab.

Ein großer Erfolg wurde ihre Amtszeit nicht: Tausende Studenten besetzten zeitgleich – ohne die ÖH und Maurer einzubinden – unter dem Motto „Uni brennt“ monatelang die Hörsäle, während sie abends bei TV-Interviews saß und über Uni-Politik diskutierte.

Als gewählte Studentenvertreterin wirkte Maurer im basisdemokratischen Chaos des Protests mitunter verloren. Sie war damals schon Teil jenes Establishments, als dessen Gegnerin sie sich gerne inszeniert.

2013 zog die Tirolerin für die Grünen in den Nationalrat ein, 2017 aus – und jetzt wieder mit den Grünen ein.

Für eine Koalition müssten sich ÖVP und Grüne wohl gleichermaßen um ein paar Grad bewegen. Ob Maurer, die Reizfigur, da einen Platz hätte? Für ÖVP-Chef Kurz ist das „ausgeschlossen“.