Politik | Inland
27.03.2018

Handyfreie Schule: „Das zwingt uns, sozial zu sein“

Wie geht es Jugendlichen, die aufs Handy verzichten müssen? Ein Besuch in einer Wiener AHS.

Es ist kurz vor zehn, die Pausenglocke läutet.

„Gib’ mir den Stift rüber“, sagt ein junges Mädchen; sie sitzt mit ein paar anderen vor der Schulkantine und werkt an ihrer Hausübung. Das Mädchen neben ihr liest, und die drei Burschen am Tisch essen. Es wird geplappert, getuschelt, gelacht.

Irgendwas ist anders hier in der AHS Contiweg im 22. Wiener Gemeindebezirk.

Irgendwas fehlt.

Smartphone im Spind

Nirgends auf den Gängen tippt, telefoniert oder schaut jemand nach aufs Display. Warum, erfährt man einen Stock höher: „Das Handy ist kein Teufelszeug. Aber man muss lernen damit umzugehen, damit es nicht zum Teufelszeug wird“, sagt Monika Auböck, Direktorin der Schule. Sie hat sie vor einigen Jahren mit Eltern und Schülern beschlossen, dem Handy in der Schule so wenig Raum wie möglich zu geben – also fast keinen.

Wie das in der Praxis aussieht? Ganz einfach: Während der Stunde muss das Smartphone in Spind oder Schultasche sein, und in der Pause ist es nur in der Klasse erlaubt – und da ohne Ton. Auf den Gängen ist es ohnehin verboten, dort sollen die Kinder kommunizieren und sich bewegen; und der Montag ist handyfrei: „Das ist eine Auszeit vom Handy“, sagt sie.

Wie bei Dornröschen

Angenommen wird das Ganze ziemlich gut – deutlich besser als das Verbot, das mit der Eröffnung der Schule 2010 kurzzeitig in Kraft war. „Das hat sich nicht als probat herausgestellt“, sagt Auböck – der Kontrollaufwand war schlicht zu groß: „Dafür müssten permanent 100 Lehrer Gangaufsicht haben.“

Heute reguliert sich das „Dornröschen 2.0.“-Konzept quasi von selbst; und das war auch die Grundidee des Ganzen: Angelehnt ist die Idee an das Märchen Dornröschens, das sich an der verbotenen, giftigen Spindel gestochen hat. Mit dem Handy sei es eben wie mit der Spindel, sagt Auböck: Ist es komplett verboten, wirkt es nur verlockender – und hätte man Dornröschen beigebracht, richtig damit umzugehen, hätte sie sich nicht gestochen.

Auf die Schule umgelegt heißt das: Es gibt keine Laptop-Klassen, aber das Handy wird manchmal im Unterricht eingesetzt; zudem wird prinzipiell per Hand geschrieben, nur die Hausübung darf am Computer getippt werden. Dazu durchlaufen schon die Kleinsten Safer-Internet-Kurse, und für Probleme gibt es IT-Peers – Schüler, die auch im Fall von Mobbing eingreifen. Denn da sind wir wieder bei der Spindel: „Die Schüler schicken sich teils die grauslichsten Nachrichten“, sagt Auböck. „Das hat ein anderes Level als früher erreicht.“

Kein Handy am Tisch

Hört man sich unter den Schülern um, so ist das Bild durchaus überraschend: Da herrscht nämlich viel Übereinstimmung mit den Lehrern. „Gar kein Handy benutzen zu dürfen, ist viel zu extrem“, sagt Kai, 18, kurz vor der Matura. Aber den handyfreien Tag und das Smartphone-Verbot am Gang, das findet er gut: „Das zwingt uns, sozial zu sein. Und das ist schon schön.“

Felix, ebenso 18 und stellvertretender Schulsprecher, stimmt ihm da zu. Das Handy, sagen beide, sei eigentlich immer dabei, und man schaue alle paar Minuten drauf. Und ja, die Whatsapp-Gruppen, die sie mit ihren Kollegen und auch dem Klassenvorstand haben, die seien sinnvoll – aber im Urlaub mal kein Handy zu haben, sei eigentlich befreiend: „Da fällt’s einem gar nicht auf.“

Monika Auböck nickt. Die handyfreie Schule – besser gesagt: die teils handyfreie – habe schon so viel gebracht, sagt sie: Etwa, dass Schüler viel öfter den Lehrern melden, wenn im Netz gemobbt wird – „die Zivilcourage wird größer.“ Oder, dass die Kleinen, die oft aus der Volksschule kommen, ohne sinnerfassend lesen zu können, durch das Handschrift-Trainieren viel besser lesen lernen. Und wer lesen kann, der kann auch besser lernen.

Ob es mit den Kindern früher, ohne Handy, leichter war? Nein, sagt Auböck; und sie macht den Job schon recht lange. „Die Kinder haben sich nicht verändert. Die Gesellschaft hat sich verändert.“

Umso mehr brauche es heute gute Vorbilder, meint sie – dass sie selbst kein Smartphone am Tisch liegen hat, während sie das sagt, passt da nur zu gut.

Die handylose Schule

Dornröschen 2.0.-Konzept: Das Handy darf an der AHS Contiweg in Wien-Donaustadt nur in der Pause und nur in der Klasse verwendet werden, sonst ist es überall   verboten. Laptops und Ipads sind  nur spärlich im Einsatz,   die Handschrift wird  gefördert und gefordert.

Chillax-Tag: Montags gilt  überall Handyverbot. Für die Unterstufe wird der Turnsaal geöffnet, es gibt ein Spieleprogramm.

Unterrichtsthema: Schüler beschäftigen sich kreativ mit Handy – Zweitklässler haben ein kritisches Musikvideo gedreht.