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Politik Inland
04/15/2020

Schulöffnung: "Wenn es nach mir ginge, gar nicht"

Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann über Matura-Testläufe, Corona-Klassen und benachteiligte Kinder.

von Elias Natmessnig

KURIER: Herr Hopmann, wann sollen die Schulen wieder aufsperren?

Stefan Hopmann: Wenn es nach mir ginge bis zu den Sommerferien für den Regelbetrieb gar nicht.

Ein guter Testlauf wäre doch die Maturavorbereitung, die ab 4. Mai startet. Da könnte man ja sehen, ob es funktioniert.

Nein, kann man natürlich nicht. Das ist der letzte Jahrgang. Das können Sie nicht mit Kindern in der Unterstufe, der Volksschule oder gar den Kindergärten vergleichen.

Das gesamte Interview hören Sie auch im Daily Podcast:

Wäre es eine Überlegung, Schulen nur in jenen Bezirken zu öffnen, in denen es kaum Corona-Fälle gibt, wie das etwa Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser vorgeschlagen hat?

Nein, ich halte von solchen standortgebundenen Lösungen gar nichts. Das würde voraussetzen, dass Österreich in einem Ausmaß testen könnte, dass man zuverlässige Aussagen machen könnte. Davon sind wir weit entfernt. So ist es reine Spekulation, ob in einem Ort einfach zu wenig getestet wurde oder keine Fälle vorliegen.

Besteht nicht die Gefahr, dass benachteiligte Schüler aus bildungsferneren Schichten weiter zurückfallen, wenn sie zu Hause unterrichtet werden? Die Gefahr besteht. Aber auch wenn die Schulen wieder öffnen. Man wird sich sehr genau überlegen müssen, wie man nach den Sommerferien – wenn wieder normaler Unterricht möglich ist – gezielt mehr Ressourcen für jene einsetzt, für die die Unterbrechung ein bedeutsamer Nachteil war. Ich befürchte nur, dass diese Bereitschaft mit dem Abklingen des Virus nachlassen wird.

Die deutsche Wissenschaftsakademie hat vorgeschlagen, die Klassen zu teilen, um so die Ansteckungsgefahr zu senken. Eine gute Idee?

Die Leopoldina hat ja auch in Deutschland zu Recht schon viel Kritik erfahren. Das sind Vorschläge von Menschen, die wenig bis gar nichts mit dem Schulbetrieb zu tun haben. Die wenigsten Schulen sind dafür eingerichtet, dass sie eine Zweiteilung der Klassen bewältigen könnten. Sie bräuchten sehr viel mehr Lehrerpersonal und mehr Raumkapazität. Dazu kommt noch etwas

Und zwar?

All diese Kinder haben ein Zuhause. Selbst wenn die Kinder selbst keine Risikogruppe darstellen, dann gibt es vielleicht Geschwister oder Eltern, die zu Risikogruppe gehören. Müssen diese Kinder dann dennoch in die Schule? Dann nimmt man in Kauf, dass die betroffenen Angehörigen extra Gefahren ausgesetzt werden. Das Wichtigste ist, Handel und Gewerbe wieder zu öffnen, damit wir nicht bankrott gehen. Die Schule müssen wir nicht zwingend vor den Sommerferien öffnen.

Was passiert dann mit den Noten?

Das ist kein Problem. Bevor das Schuljahr abgebrochen wurde, waren schon zu zwei Drittel abgelaufen. Es gibt ja Vorleistungen.

Und wer negativ ist?

Man kann das so handhaben, wie das in vielen Ländern gemacht wird, das Sitzenbleiben für heuer aussetzt. Es ist ohnehin eine unsinnige Maßnahme. Das wäre ein guter Anlass, es abzuschaffen.

Wenn wir in den Herbst blicken, dann wissen wir auch nicht, ob die Krise dann vorbei ist.

Ganz vorbei wird es im Herbst nicht sein. Ich hoffe darauf, dass es bis dahin ein Medikament gibt, das die Risiken deutlich senkt. So intensiv, wie derzeit international daran gearbeitet wird, können uns diese drei bis vier Monate Zeit bringen, dass wir das Risiko deutlich minimieren können. Dann kann Schule trotzdem nicht so tun, als wäre nichts passiert. Das ist eine gravierende traumatisierende Erfahrung für Kinder und Jugendliche. Da muss man erst behutsam wieder ein Lernklima aufbauen.

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