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Interview
07/03/2022

Schulexperte Salcher: "Nach dem Startschuss folgt nie ein Rennen"

Analyse zum Schulschluss: Trotz vernünftiger Reformen hat sich das System kaum verbessert, sagt Experte Andreas Salcher.

von Bernhard Gaul

Andreas Salcher, einst Gründer der Popper-Schule in Wien, brennt seit Jahrzehnten für das Bildungsthema und klügere Reformen für die „Schule des 21. Jahrhunderts“.

KURIER: Herr Salcher, vor 14 Jahren machten Sie die Tatsache öffentlich, dass jeder Fünfte 15-Jährige nicht sinnerfassend lesen kann und die Grundrechnungsarten nicht beherrscht. Wie stehen wir heute da?

Andreas Salcher: Damals, 2008, war die Zahl bei 21 Prozent. Diese Zahl hat sich leider Gottes kein bisschen verändert. Egal, ob das der PISA-Test oder der Nationale Bildungsbericht ist – überall bleibt diese Zahl dramatisch hoch.

Seither gab es einige teure Reformen im Bildungsbereich. Haben die nichts gebracht?

Ja, das Erschreckende ist eigentlich die Vielzahl an Reformen seither. Man hatte damals etwa große Hoffungen in die Neue Mittelschule gesetzt. Die Grundidee der Erfinder war ja, dass Hauptschulen zu neuen Mittelschulen werden, wo Hauptschullehrer zusammen mit AHS-Lehrern unterrichten. Damit würde die Schule so attraktiv werden, dass das Gymnasium hinfällig wird – das war der ideologische Ansatz. Es ist aber nie so passiert.

Und was ist passiert?

Wirklich forciert haben die NMS nur die westlichen Bundesländer, die erkannt haben, dass sie für die Hauptschulen zwei statt einen Lehrer bekommen. Im städtischen Bereich haben die Bildungsschichten diese Schulen durch die Bank abgelehnt. So sind die heutigen Mittelschulen ein extrem teures System, der pädagogische Effekt ist insgesamt minimal. Aus den guten Hauptschulen wurden gute Mittelschulen, und die nicht so guten sind nicht erkennbar besser geworden. Diese Reform hat die hohen Erwartungen nicht erfüllt und die hohen finanziellen Mittel nicht gerechtfertigt.

Die andere Reform war das Schulautonomiepaket 2018. Die war auch nicht gut?

Das war eine völlig richtige Maßnahme. Aber genau wie bei der NMS gab es nie eine Begleitmaßnahme und nie eine Umsetzung und nie eine Umorientierung der Ressourcen. Was nur einen Schluss zulässt: Gäbe es eine PISA-Kategorie in Ankündigen von Maßnahmen, wären wir Weltmeister. Es ist doch so, dass es vor allem im Bildungsbereich immer zuerst einen lauten Startschuss gibt, dem dann aber nie ein Rennen folgt. Und sollte jemand loslaufen, wird er vom System wieder eingebremst.

Wie konnte das passieren?

Im Autonomiepaket war alles drin, was die Experten vorgeschlagen haben: Auflösen der 50-Minuten-Einheiten, fächerübergreifendes Lernen statt bis zu 21 isolierte Gegenstände, Epochenunterricht und vieles mehr. Doch es war wieder ein Startschuss ohne Rennbeginn. Weil aus meiner Sicht der Wille gefehlt hat, es gab keine Begleitung der Umsetzung seitens des Ministeriums, kein frisches Geld, obwohl wir von den Unis wissen, dass Autonomie gut ist, aber Geld kostet. Und wenn der Direktor, die teuerste Kraft in der Schule, Sekretariatsarbeit machen muss, kann man keine pädagogischen Innovationen verlangen.

Wäre die Schulautonomie nicht das, was wir unter Subsidiarität verstehen?

Genau, die kleinere Einheit macht, was sie tun kann. Aber unser Schulsystem ist das genaue Gegenteil davon, es ist aber nicht einmal zentralistisch, sondern es gibt bei uns eine totale Fragmentierung, eine Vielzahl von Einzelinteressen von Bund, Ländern, Gemeinden, Lehrervertretern, Elternvertretern, die sich wechselseitig behindern. Diese Fragmentierung ist der Hauptgrund, warum die guten Reformen nie umgesetzt wurden.

Wo hapert es da?

Es gibt kein gemeinsames Interesse und Ziel. Länder, die zuletzt gute Schulreformen gemacht haben – Neuseeland oder Kanada –, hatten immer einen nationalen Grundkonsens, wo bestimmte Dinge außer Streit gestellt wurden. Deswegen verstehe ich auch die aufgeheizte innenpolitische Debatte bei uns immer weniger. Denn es gibt ja gute Konzepte, wie das Lernen im 21. Jahrhundert aussehen soll. An denen müsste sich alles orientieren.

Dann gibt es doch den Plan, Brennpunktschulen mit mehr Geld zu unterstützen. Wie sehen Sie das?

Ich bin jedenfalls dafür, dass Schulen je nach Herausforderungen unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung bekommen. Eine Schule im 10. Wiener Bezirk mit einem hohen Migrationsanteil hat andere Bedürfnisse als eine kleine Schule am Land.

Das große Thema derzeit ist aber der Lehrermangel …

Dabei haben wir heute fast doppelt so viele Pädagogen wie noch vor 40 Jahren, aber um 100.000 Schüler weniger. Der Lehrermangel ist Ergebnis der Reform, kleinere Klassen zu machen, was aber, wie wissenschaftlich bewiesen, erst mit weniger als zwölf Schülern pro Klasse sinnvoll wäre. Dann die NMS-Reform mit zwei Lehrern in den Hauptgegenständen, was nur teuer war und keine besseren Ergebnisse brachte. Und nicht zuletzt die Fragmentierung in 21 Gegenstände, statt das auf wenige herunterzubrechen wie Deutsch, Mathematik, Geisteswissenschaften, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Kunst und Sport – wie das in anderen Ländern erfolgreich gemacht wird. Spezialisieren können wir dann immer noch in der Oberstufe.

Seit Jänner warten wir zudem auf die Reform der Lehrpläne, die noch unter Minister Faßmann gemacht wurde. Was erwarten Sie sich?

Wir brauchen keine Lehrplanreform, sondern die Umsetzung der Erkenntnisse, wie Lernen im 21. Jahrhundert funktioniert. Für mich ist der Ansatz, die Lehrpläne zu reformieren, daher veraltet. Es geht offiziell um das Pädagogikpaket und das Problem mit unseren 21 Unterrichtsfächern, wo jetzt zusätzlich Wirtschaftsbildung, politische Bildung, Digitalisierung, Ethik und der Klimawandel Platz finden sollten. Die Entrümpelung des Lehrplans ist aber nie passiert. Dabei ist es unsinnig, vorzuschreiben, dass alle Kinder in ihrem zwölften Lebensjahr auf dem gleichen Lernniveau sein müssen. Es gibt erfolgreiche, bessere Konzepte, wo etwa jedes Kind seinen individuellen Lernplan hat, mit bestimmten Standards, die erfüllt werden müssen, und dem Lehrer als Lernbegleiter. Das schafft eine viel höhere Motivation bei allen.

Das klingt nach Investitionen – dabei geben wir bereits zehn Milliarden jährlich für das Schulsystem aus …

Wir haben inzwischen das zweitteuerste Schulsystem der Welt, es ist aber nicht das zweitbeste. Als hätten wir den Kaderwert von Real Madrid, spielen aber nur in der Wiener Liga. Das Geld kommt, wieder wegen der großen Fragmentierung des Systems, nie im Klassenzimmer an. Weil wir nur input-orientiert sind, unsere Lösung ist immer nur mehr Geld. Statt zu schauen, was am Ende etwa bei den NMS rauskommt. Ich denke, ich bin nicht alleine, wenn ich sage, für zehn Milliarden jährlich können wir uns ein viel besseres System erwarten. Die Lösungen wären alle vorhanden. Wir haben kein Konzeptdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit.

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