© Kurier/Jeff Mangione

Interview
07/03/2020

Sarah Wiener: "Tönnies ist kein schwarzes Schaf"

Fernsehköchin Sarah Wiener über die Covid-19-Pandemie, Fleischfabriken - und warum Herr Tönnies kein schwarzes Schaf ist.

von Christian Böhmer

KURIER: Frau Wiener, wie ging‘s Ihnen bislang in der Pandemie?

Sarah Wiener: Ich war in der Uckermark auf meinem Bauernhof und hab Brüssel und Straßburg gemieden - das Parlament war geschlossen, 5000 Leute auf einem Fleck sind keine gute Idee. Mittlerweile könnte man wieder hinfahren, aber ich sehe darin keinen Sinn. Abstimmungen und Sitzungen passieren elektronisch und ich hielte es für fahrlässig in dieser Zeit durch ganz Europa zu kutschieren. Für die Politik ist die Distanz nicht ideal, aber für mich war es auch ein Glücksfall – ich hatte unerwartet viel Zeit, um mich in vieles einzulesen und zu -arbeiten.

Sie haben 120 Mitarbeiter und zwei Restaurants, eine Bäckerei, einen Hofladen, eine Fleischerei. Läuft das wieder an?

Die Gastronomie liegt am Boden. Meine Geschäftsführer und ich sind ein bisserl ratlos. Man kann noch so ein guter Manager sein, trotzdem gibt es keinen Königsweg, um mit den Abstandsregeln und unter diesen Bedingungen eine Gastronomie zu betreiben, die so viel verdient wie vorher.

Und die Gäste?

Sie kommen nur zu einem Bruchteil. Wir haben Betriebe in zwei Museen, das ist ein Desaster, und wir häufen derzeit weiter Schulden an. Sie müssen wissen: Wir haben Caterings für tausende Menschen gemacht – das ist immer noch bei Null. Ob und wie es hier weitergeht ist nicht absehbar. Wir verschieben von Woche zu Woche das Bedürfnis ins Taschentuch zu weinen.

Wie viel Zeit bleibt da noch für die Politik?

Es ist genau umgekehrt: Ich bin ja nicht mehr im Tagesgeschäft, deshalb steht alles andere hinten an – die Politik ist mittlerweile das A und O in meinem Leben, und meine politischen Themen sind extrem spitz. Ich kümmere mich um die Ernährungswende und die Landwirtschaft. Genau da hat die Corona-Krise ja vieles zutage gefördert.

Was zum Beispiel?

Was haben wir neben dem lebenswichtigen Klopapier denn gehamstert? Lebensmittel! Am Ende haben wir gesehen, dass Lebensmittel die Basis für unser Dasein sind. Corona hat gezeigt, dass wir ein anderes Ernährungssystem benötigen, weil wir kurze, überschaubare und kontrollierbare Wege bei der Lebensmittelversorgung brauchen – auch, um uns und die Gesellschaft stressresistent zu machen.

Sie haben im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik gesagt, das habe sie schockiert. Wussten Sie denn nicht, wie Lebensmittel in Deutschland hergestellt werden?

Was mich schockiert hat war, dass es offenbar noch schlimmer ist, als man ohnehin dachte. Da geht’s um Details wie etwa dass Mitarbeiter zu vierzehnt auf 60 Quadratmetern hausen mussten. Im Grunde gibt’s nichts, was mich richtig schockiert hat, weil ich immer wusste: Unser System basiert derzeit auf einer Ausbeutung von Mensch, Tier und Ressourcen. Der Aufschrei über Herrn Tönnies war groß, aber er ist kein schwarzes Schaf.

Warum nicht?

Tönnies ist ein gelehriger Schüler des Systems und hat gemacht, was die Politik die letzten Jahrzehnte gefördert hat. Deshalb ist es auch unsinnig zu sagen: Wir zahlen die Mitarbeiter in den Schlachtfabriken besser und dann wird alles gut. Der Wahnsinn ist, dass es diese Schlachtfabriken gibt. Und seit Covid-19 sehen wir, wie verletztlich wir sind. Covid-19 ist nicht das Problem, da gibt’s irgendwann eine Impfung. Das wirkliche Problem sind multi-resistente Keime, die wir durch unsere europäische Massen-Landwirtschaft produzieren. Die "Spitalskeime" kommen – auch – aus den großen Agro-Fabriken, aus der Massentierhaltung.

Was ist für Sie die politische Konsequenz?

Wir müssen das Agrarsystem radikal umbauen. Da geht’s um den Handel, um die Importe. Wir brauchen eine genauere Kennzeichnung – nicht nur länderspezifisch, sondern auch die Haltungsmethode. Auch und gerade in der Großgastronomie und bei stark verarbeiteten Nahrungsmittel. Österreich ist in manchem besser als viele anderen EU-Staaten, aber da ist noch Luft nach oben. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Österreich ist das einzige Land in der EU, das bei der Pute Richtlinien hat, wie diese Tiere zu halten sind. Dabei ist die Pute das drittmeist-geschlachtete Tier in der Union! Jeder meint, Pute sei so gesund. Die Wahrheit ist: Die Pute ist vielfach vollgestopft mit Antibiotika und hat zahlreiche Gesundheitsprobleme. Sie ist – weil wir ja nur noch die Brust von ihr essen –überzüchtet und zwar derart, dass die Hybridpute weder fliegen noch sich natürlich fortpflanzen kann. Mittlerweile gibt es eigene Krankheitsbilder für die Putenbrust, weil diese armen Tiere oft mit der viel zu schweren Brust am Boden liegen, wegen des nicht angepassten Skeletts und  sich nicht richtig putzen können. Da erwarte ich, dass wir aufstehen und sagen: Wir brauchen eine europaweite Puten-Richtlinie, die mindestens so gut ist wie die in Österreich.  Das Mindeste ist ja wohl auf einem Quadratmeter maximal 40 Kilogramm Pute zu halten, also ungefähr zwei Puten.. Bioputen gesteht man in Österreich doppelt so viel Platz zu. In den USA reden wir von 73 Kilogramm pro Quadratmeter! Andere EU-Länder bzw.  die importierte Polenpute haben diesbezüglich überhaupt keine Gesetze.

Wie passt die Ansage mit dem freien Warenverkehr zusammen?

Gar nicht, aber Lebewesen sind keine DIN-genormten Autoschrauben, die man quer über den Globus verschiffen sollte. Die Massentierhaltung ist nicht nur inhuman, sie ist auch deshalb abzulehnen, weil sie bedeutet, dass immer dort produziert wird, wo es gerade am billigsten ist. Es geht nicht um den Schutz von Natur, Diversität oder Menschenrechte, sondern um Gewinnmaximierung. Dieses System zieht eine Erosion von genetischer Vielfalt nach sich, unser Weltenerbe haben wir wenigen Firmen für patente übereignet. Um bei der Pute zu bleiben: Weltweit gesehen gibt es nur noch drei große Zuchtkonzerne. Ein Kilogramm Pute nach polnischem Standard kostet sechs Euro. Konventionelle österreichische Pute kostet ungefähr 9 bis 13, Bio-Pute aus dem Freiland vielleicht sogar 30 Euro das Kilogramm.

…und damit sind Sie beim Problem: Greifen Konsumenten nicht immer zum günstigsten Produkt?

Nicht, wenn sie gefragt werden und das Sagen hätten. Kein Mensch wurde je gefragt, ob er einen Euro weniger für sein Schnitzel zahlen will, damit Schweine ohne Betäubung kastriert oder die Puten so überzüchtet werden, dass sie kaum noch stehen können. Der Handel hat den Menschen eingebläut, dass sie dumm sind, wenn sie einen Euro mehr fürs Fleisch bezahlen. Deshalb braucht es absolute Transparenz wo unsere Lebensmittel herkommen. Das fängt bei einer umfassenden Kennzeichnung an. Covid-19 ist eine große Chance zu korrigieren, was die letzten 30 Jahre falsch gelaufen ist. Diese Agrarsystem ist gescheitert! Wir verlieren unsere vielfältigen bäuerlichen Betriebe, das Handwerk, die Vielfalt. Wir fachen den Klimawandel an, verlieren die Geschmacksvielfalt, und das ist keine Ideologiefrage, sondern ein Faktum. Es gibt kein Argument für dieses Agrarsystem.

Das Geldbörsel wäre ein Argument.

Auch nicht. Sie bezahlen heute weniger für die Lebensmittel, aber dafür bezahlen sie morgen mit ihrer Gesundheit. Über die Steuern zahlen sie später die ganzen Schäden mit, die die Massentierhaltung verursacht: Das billige Schnitzel heute ist nur deshalb billig, weil ich nicht weiß, was es mich oder meine Kinder morgen kostet.

Was können Sie jetzt als Politikerin tun? Importzölle fordern? Große Fleischfabriken verbieten?

In Deutschland wird eine Fleischsteuer diskutiert. Ich bin kein Freund von dieser Idee, aber vielleicht ist es ein Weg, um Geld zu lukrieren, das man in den Umbau des Agrarsystems investiert. Wenn wir so etwas machen, müsste jedenfalls jenes Fleisch das teuerste sein, dass ökologisch und sozial  gesehen den größten Schaden anrichtet. Bei Lebensmitteln ist der Welthandel unethisch, unvernünftig und unfair. Was noch? Die bodengebundene Tierhaltung muss gefördert werden, auch die Regionalisten und der Öko-Landbau. Man soll nur so viele Tiere halten dürfen wie man ernähren kann – Kooperation zwischen Nachbar-Landwirten muss gefördert werden. Man kann nicht Tonnen an Nährstoffen importieren, die hier zu Scheiße werden und den Boden ruinieren.

Was kann ich als Bürger tun?

Die revolutionärste Handlung ist: Selber kochen und den Kindern kochen beibringen. Mit frischen, unbehandelten Lebensmitteln. So macht man sich von der schwerverarbeitenden Nahrungsmittelindustrie unabhängig, die davon lebt, dass man nicht genau weiß, was man isst. Der zweite Tipp: Den Nachbarn unterstützen. Also: In kleinen Märkten und Hofläden einkaufen. Da erfährt man viel über die Lebensmittel. Und das Beste daran ist: Wie das Selberkochen kann es unglaublichen Spaß machen, das zu essen was man kennt und schätzt.

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