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Politik Ausland
03/25/2019

Sarah Wiener: Motiviert, aber etwas ernüchtert

Grüne EU-Kandidatin: Wähler wünschen sich oft Quereinsteiger. Sarah Wiener ist eine, hat es aber gerade schwer.

von Sandra Lumetsberger

Sarah Wiener hat sich verfahren. Irgendwo hätte sie abbiegen müssen, murmelt sie am Steuer ihres Jeeps auf dem Weg zu den Bienenstöcken. „Egal, probieren wir einen anderen Weg.“ Neues versuchen, improvisieren, scheitern, aufstehen: Das gehört zum Leben der österreichischen Köchin und Unternehmerin, die in der Uckermark lebt, eine Bahnstunde von Berlin entfernt. Wo sich Häuserreihen lichten, Bäume verdichten, blaue Seen aufblitzen. Die Region erinnere sie an das Wein- und Waldviertel. Die Kandidatin für die Grünen bei der EU-Wahl ist hier an einem Bio-Hof beteiligt, über den in Österreich zuletzt viel diskutiert wurde.

Es ist ein kühler Morgen, die Sonne scheint auf Gut Kerkow, über den Hof tönt ein langgezogenes „Muh“. Sarah Wiener stiefelt in den Hofladen in Outdoorjacke, Schiebermütze und Clogs. Sie ist nicht oft hier, aber keine Unbekannte: Zuerst gibt’s eine Umarmung für Nicole, ein Küsschen für Yvonne, die Frauen hinter der Theke. „Alles jut?“, fragt sie mit breitem Lächeln und holt sich ein „Käffchen“.

Debatte um Hof

Vor fünf Jahren kaufte sie mit zwei Geschäftspartner den 800 Hektar großen Betrieb, der in der DDR eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft war. „Für österreichische Verhältnisse ist es groß, hier ist es ein mittlerer Betrieb“, sagt sie. Sie sei „keine Großgrundbesitzerin, die wie der Gestiefelte Kater durch die Felder latscht“, witzelt sie, kann ihren Ärger aber nicht verbergen: Sie habe einen Hof gerettet und versuche ihn nach ihrem Ideal zu transformieren – artgerechte Tierhaltung, keine Pestizide und Monokulturen.

Dass der Bio-Hof EU-Förderungen bekommt, sei kein Widerspruch zu ihrer Haltung, Subventionen für Flächen abzuschaffen. „Die Gesetze kann ich jetzt nicht ändern, finde das System aber nicht gut.“ Derzeit bekommt jeder Gelder, egal was er mit dem Land macht. Besser fände sie Prämien für Maßnahmen, die der Natur guttun, wie Blühstreifen, bodengebundene Tierhaltung und Diversität.

Also, was sie auf ihrem Hof macht. Sicher ließe sich das auf einem kleinen verwirklichen. Warum dann das Gut? Jahrelang haben sie gesucht, nichts kleineres gefunden, das den Kriterien entsprach, erklärt Wiener. Die Nähe zu Berlin, die hofeigene Fleischerei, sprachen dafür. Die Kühe wachsen hier auf und werden geschlachtet, der Tiertransport bleibt ihnen erspart. Zudem musste es ein Betrieb sein, der „groß genug ist, damit noch jemand anderes davon leben kann“. Denn weder sie noch ihre Geschäftspartner sitzen auf dem Traktor. Die 56-Jährige ist die „Chefideologin“.

Das passt zur Frau, die damit berühmt wurde, sich nicht an Rezepte zu halten. Sie mag’s unkonventionell. So wie auch ihr Leben verlaufen ist. Mit 16 die Schule abgebrochen, durch Europa getrampt, jung Mutter geworden und vor dem Nichts gestanden. Bis sie zu kochen begann, eine Cateringfirma gründete, es folgten Restaurants, Kochbücher, TV-Serien. Dass die Autodidaktin als Quereinsteigerin Politik macht, ist nur konsequent.

Wie sie das alles geschafft hat? Wenn sie etwas gut könne, dann Menschen überzeugen. „Ich sage, so machen wir das, super.“ Dabei gestikuliert sie, verstellt ihre Stimme, lacht laut und wird leiser, wenn sie erzählt, dass es nicht immer einfach ist.

Nach der Übernahme des maroden Betriebs mussten Gebäude saniert, die Viehherde von 700 auf 350 reduziert werden, um sie mit dem eigenen Gras zu füttern. Die Umstellung auf eine siebenjährige Fruchtfolge war mühsam, der märkische Sand ist zäh. Sie räumt ein, wie schwer es ist, den Hof rentabel zu machen. Und es allen viel abverlangte. Einige Mitarbeiter gingen oder mussten gehen, erzählt sie.

Man kann das in das Bild der strengen Chefin einfügen, das oft von ihr gezeichnet wird. Oder man fragt sich mit Blick auf die technisierte Viehhaltung: Ist es nicht gut, dass es immerhin Menschen gibt, die in ökologische Projekte investieren? So sehen es ihre Fans, ihre Feinde trollen ebenfalls auf ihrer Facebook-Seite, wenn sie sich kritisch zu Veganismus äußert oder parteipolitisch Farbe bekennt.

Eine Getriebene

Wenn man ihr was vorwerfen könne, dann offene Baustellen, sagt sie. Sie will immer mehr, immer besser sein, da müsse sie aufpassen. „Ich bin eine Getriebene, wenn ich von etwas überzeugt bin.“ Ihr Geld habe sie immer in Projekte investiert, „es sind auch welche gefloppt, so ist es nicht“.

Beim Gang über den Hof fällt ihr immer wieder was ein: Hier ein Obstgarten zum Naschen, dort noch Auslauf für die Schweine. Bei den Kühen hält sie inne, führt ein ausgebüxtes Kalb zurück ins Stroh und lässt sich nieder. Pause.

Die vergangenen Wochen waren etwas ernüchternd. Sie sei nicht glaubwürdig, die Grünen gegen sie – was sie in Medien oder Postings lesen musste, empört sie. „Warum können wir nicht mehr miteinander reden, hauen reflexartig auf andere drauf?“, fragt sie. Ja, sie merke erst jetzt, was noch auf sie zukommt, „wie bei vielen meiner Unternehmungen“.

Sie will keine Berufspolitikerin sein, lieber „freies Wildkraut“. Wenn sie von Pestizidsteuer spricht, „um das Zerstörerische zu besteuern“, ist es keine Forderung, sondern Anregung zur Debatte: „In welcher Welt wollen wir leben, welche Werte haben wir“, sinniert sie.

Jetzt aber fährt Sarah Wiener erst mal zu den Bienen, parkt vor einem Hochstand. „Sie nisten lieber oben“, erklärt sie und kraxelt hoch, wo sie ihnen einen Kasten gebaut hat („meine Verrücktheit“). Sie legt den Kopf an und horcht: Ja, die Bienen leben noch. Menschen könnten viel von ihnen lernen. „Sie haben kein Ego, müssen sich nicht aufplustern oder andere bekämpfen, weil sie als Kind zu wenig geliebt worden sind.“